Stimme seines Herrn

von Volker Hagedorn

Das ist also der Flügel, an dem er Hof hielt, komponierte, träumte, flirtete, unterrichtete in der Hofgärtnerei zu Weimar, die die Großherzogin persönlich für ihn eingerichtet hatte. Der Flügel, den die Firma Bechstein dem 57-Jährigen gratis in seine neue Bleibe gestellt hatte, an dem er alterte mit weich und weiß fallendem Haar, während Schüler wie Eugen d'Albert und Karl Klindworth ihm lauschten und junge Komponisten wie Borodin, Franck, Grieg ...

Selbst als der 1869er Bechstein mal verstimmt war, spielte Franz Liszt Beethovens Mondscheinsonate so eindringlich, dass Alexander Siloti, später Lehrer von Rachmaninoff, sie danach von niemand anderem mehr anhörte und Konzerte verließ, in denen sie gegeben wurde. Nun aber ist das schwere Gerät nicht nur gestimmt, sondern auch restauriert. Als Stimme seines Herrn kann man es per CD behorchen. Nicht nur der Aufnahmeklang ist erstklassig, sondern auch die Pianistin Cora Irsen aus Weimar mit einer Auswahl Lisztscher Werke.

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Nach wenigen Tönen verfliegt jede Befürchtung, hier dürfe halt mal eine passable Pianistin aus dem Städtchen sich durchs Allerheiligste des toten Nachbarn tasten. Dieses Niveau suggeriert allerdings das erbärmlich dürre Booklet (H.A.R.M.S. 011001, www-ha-rms.de).

Cora Irsen hat Liszt von Sankt Franziskus, über die Wellen schreitend bis Trübe Wolken an diesem Instrument neu entdeckt. Sie lässt sich ein auf trägere Mechanik und knapperen Klang. Die Wogen, die dem heiligen Franz aus dem Bass entgegengrollen, gewinnen ihre Wucht aus einer Materialhaftigkeit, die spätere Instrumente mit runderem Klang nicht liefern. Hier hört man mit dem schärferen Tonbeginn auch das Entstehen der Musik, die Werkstatt der Gedanken. Und weil die Töne schneller verklingen, liefern sie auch durchscheinende, fahle Farben, die den Experimentierer Liszt vor allem in der Begegnung mit dem Experimentierer Bach in seiner visionären Größe zeigen.

Nämlich in den Variationen über die Chor-Chaconne der Kantate Weinen, Klagen, die Bach 1714 in Weimar schrieb und später in die h-moll-Messe einbaute, in der Liszt sie kennen lernte. Bachs Vorlage wird von ihm bis an die Grenzen des Zerbrechens manövriert.

Jenseits dieser Grenzen treiben dann schon die Trüben Wolken von 1881, nahe an Debussy wie auch die Wasserspiele der Villa d'Este, die Franz Liszt an diesem Flügel selbst zum Unterrichtsobjekt machte. "Meine Gnädigste", kritisierte er den Vortrag einer Schülerin, "das sind nicht die Wasserspiele, das war die Wasserspülung im kleinsten Lokal der Villa d'Este ..." Zu Cora Irsen wäre ihm Nobleres eingefallen. Sie macht aus dem Spiel des Wassers eines des Geistes.

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  • Schlagworte Claude Debussy | Komponist | Pianist | Schüler | Weimar
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