E R L E B N I S Neueste Schiffsmeldungen
Das Meer Neufundlands kommt in die deutschen Kinos. In Wirklichkeit und vom Kajak aus besehen ist es noch viel aufregender
Jetzt ist die beste Zeit für eine Kajaktour. Jim Price, einer der Pioniere dieser Sportart an der Ostküste, hat seine spindelförmigen Boote nach Bauline East, eine halbe Autostunde südlich von St. John's, gebracht. Sieben sind wir, die an diesem leicht bewölkten Tag mit ihm hinauswollen, vier Führer werden uns begleiten. Der Chef, ein wettergegerbter Fünfziger mit offenem Gesicht und angewachsenem Schlapphut, ist ein überaus gründlicher Mann. Fast pingelig hält er sich mit der anfänglichen Einweisung auf: zeigt, wie man das Paddel greift, sich das Ruder am Heck mittels der beiden Fußleisten bewegen lässt, wie der Spritzschutz, eine Art Gummischürze, die der Paddler um die Hüften trägt, um die rundum laufende Leiste der Sitzöffnung gezogen wird. Die Lasche an der Spitze muss frei hängen, damit der Spritzschutz im Notfall mit einem Handgriff abgerissen werden kann. »Der Notfall ist die letzten Jahre zwar nie eingetreten, aber wissen müsst ihr es.« So sorgfältig geht Jim vor, dass es beinahe langweilt. »Und deine Rettungsweste tauschen wir auch. Die sitzt ein bisschen locker.« Nun denn, wenn's der baldigen Ausfahrt dient.
Endlich gleiten die Boote aufs Wasser. Auch die Anfänger haben die Grundbewegungen bald kapiert: das leichte Drehen des Paddels vor dem Eintauchen, das Arbeiten aus dem Rumpf, nicht aus den Armen. Und immer dazwischen und drum herum die Führer in ihren Booten, die mit dem Wasser verwachsen zu sein scheinen und die Gruppe umkreisen wie eifrige Hunde ihre Schutzbefohlenen.
Neufundland und die »big sea«. 520 000 Einwohner auf einem zerklüfteten Felsen im Atlantik, eineinhalb mal so groß wie Irland und von 17 540 Kilometer Küste gesäumt. Felsen und Meer. Meer und Felsen. Schauplatz von E. Annie Proulx' Roman Schiffsmeldungen, der am 28. März in die deutschen Kinos kommt. In der Hauptrolle Kevin Spacey als Quoyle - ein Reporter, der für die Lokalzeitung die Meldungen über einlaufende und auslaufende Schiffe verfasst. Fünf Jahrhunderte lang lebten die Menschen hier an der Ostküste Kanadas von der See und vom Fischfang. Bis die Regierung 1992 ein allgemeines Fangverbot für Kabeljau erließ. Über Nacht verloren 30 000 Menschen ihre Lebensgrundlage. Die See war leer gefischt. Für die Insel, die ohne die Kabeljaufischerei vielleicht nie besiedelt worden wäre, die schwärzeste Stunde in ihrer Geschichte. Möglicherweise aber auch der Beginn der Zukunft. Denn damals fing man an, nach Alternativen zu suchen. Inzwischen werden mit der Ölförderung zehn Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet, die Informationstechnologie wächst, die Fischerei verdient an Lodde, Hummer, Seespinne und Hering.
Ein paar Häuser spielen Dorf
Und spätestens im »Cabot«-Jahr 1997, der 500-Jahr-Feier Neufundlands, erkannte die Regierung, welche Chancen im Tourismus liegen. Heute ist die reisende Welt dabei zu entdecken, dass sich in Neufundland mehr findet als zottige Ponys und Hunde mit Schwimmflossen. Da ist der East Coast Trail, ein aufregender Wanderweg entlang der Abbruchkante, wo sich Atlantik und Amerikas östlichster Vorposten begegnen. Die Tablelands des Gros-Morne-Nationalparks, wo das Innerste der Erde zutage liegt, fast vier Milliarden Jahre alte Berge, eine fantastische Lektion in Geologie. Und St. John's, die 172 000 Einwohner zählende Hauptstadt, die gerade ihren Flughafen teuer umbauen lässt, ein neues Stadion und ein Kongresszentrum eingeweiht hat.
Vor allem aber ist da das Meer, mit seinen Lebewesen, Herausforderungen, Stimmungen. Wir haben leichten Wellengang. Eisberge, die im Sommer häufig von Labrador herunterziehen, zerknitterten Papierschiffchen gleich, gibt es in diesem Jahr nicht. Die Küste bleibt zurück: eine schwarze, schrundige, vielfach gekerbte Wand, verziert mit Felsköpfen, Felsnadeln und Buchten, in denen ein paar weiße Häuser und eine verlassene Fischfabrik Dorf spielen.
Über uns nimmt ein Krächzen, Klagen und Zetern zu: Die Seevögelkolonie von Witless Bay kommt näher. Millionen weißer, grauer, schwarzer Vögel starten von und landen auf Klippen, auf denen überhaupt kein Platz dafür zu sein scheint. Die Luft stinkt nach Vogeldung. Vogelfedern und Eierschalen treiben auf den Wellen, und immer mal wieder klatscht dicht neben uns ein Vogelgruß ins Wasser - manchmal trifft er auch das Boot. Papageientaucher flattern vorbei, als hätte jemand gerade ihr Uhrwerk frisch aufgezogen, im Gesicht einen Ausdruck leicht dümmlicher Arroganz: Schließlich sind sie so etwas wie Hauptstadtbewohner, dies ist ihre größte Niederlassung in Nordamerika. Lummen stehen in Reih und Glied wie ein Chor zwergwüchsiger Klosterfrauen vor dem Morgenchoral. Möwen und Seeschwalben schießen am ohnehin schon dicht bevölkerten Himmel kreuz und quer durcheinander, so traumhaft sicher, dass jeder Fluglotse in Begeisterungsrufe ausbrechen müsste.
Wir verlassen die Vogelfelsen und paddeln eine kleine, unbewohnte Insel an. Zeit zum Mittagessen. Handgelenken und Schultern wird eine Pause gut tun. Erstaunlich, welche Schätze Jim und seine jungen Männer aus ihren Kajaks zutage fördern und auf den Felsen anrichten: Ein Teller mit geschnittenen Sellerie-, Gurken- und Brokkolistücken geht herum, nebst Kräuterkäse zum Dippen. Schon simmert die hausgemachte Hühnersuppe auf dem Kocher. Ein paar Ananas- oder Birnenscheiben zuvor? Zum Abschluss dann Tee, Kaffee oder Kakao, Süßigkeiten bis zum Abwinken. »Das Wetter können wir nicht kontrollieren«, grinst Jim. »Auch eine ruhige See lässt sich nicht vorbestellen. Aber ordentliches Essen garantieren wir allen unseren Gästen.« Dazu prasselt ein Feuer aus Treibholz und trocknet nass gespritzte Pullover - sogar an die Prise Romantik haben sie gedacht.
Wieder auf See, schneiden die Kajaks in richtige Wellen, Gischt spritzt, Paddeln wird jetzt zur Arbeit. Angestrengt blicken wir rundum: Irgendwelche Wale in Sicht? Nein - aber dann doch, da: Dutzende, Hunderte schwarzer Bögen scheinen plötzlich auf- und abzutauchen - ach, es war wieder nur das Meer, das das Auge so gern narrt. Wale meiden heute unsere Gesellschaft. Uns bleiben die Felsen. Jim steuert in den Windschatten einer Inselgruppe, und schon gleiten die Boote wieder ruhiger dahin. Schieben sich unter mächtigen Felsüberhängen durch, treiben in schwarze Höhlen, von deren Decken Wasser tropft, steuern vorsichtig durch Felslabyrinthe und schaben manchmal hässlich kratzend über mit Seepocken bewachsene Steinbrocken dicht unter der Wasseroberfläche.
Die Dünung gluckst und schmatzt im Tang - und da sind sie plötzlich: die Lodden. Ein etwa zwei Meter breites, dunkles Band zieht, scheinbar endlos, unter uns dahin, Millionen und Abermillionen kleiner Fische, die zielsicher und synchron Boote und Steine umschwimmen, ein federleichtes, vielschwänziges Ballett, wie gelenkt von einem einzigen großen Gehirn. Sie ziehen an der Küste entlang, auf der Suche nach einer der kiesigen Buchten, in denen das Wasser die erforderlichen zwölf Grad Celsius hat. Dort im Flachen werden sie laichen. Und verenden. Unermesslich viele scheinen es zu sein - aber auch ihre Bestände schrumpfen. Kein Vergleich mehr zu den Zeiten vor 20, 30 Jahren, als toter Fisch mancherorts kniehoch die Steine bedeckte und die Fischersfrauen die Kadaver mit Schubkarren in die Gärten fuhren, als Dünger für die Rüben. Heute gilt der Rogen der Capelins - wie die Lodden hier heißen - in japanischen Bars als Delikatesse - gefangen aber wird alles, männliche wie weibliche Fische. Was nicht verwendet wird, wandert in den Abfall - Neufundland ist munter zugange, nach der fast hundertprozentig erfolgreichen Ausrottung des Kabeljaus sich seine nächste Fischereikatastrophe zu genehmigen.
LuftLuftLuftLuft!
Ein schmales Felsentor kommt in Sicht. Man kann hindurch, sagt Jim. Warten wir einfach die nächste größere Welle ab, lassen uns auf ihr in die Engstelle treiben, halten mit den Paddeln den nötigen Abstand von den Steinwänden links und rechts - und schon gleitet das Boot hinaus in die weite, offene See. Die aber ist inzwischen sehr kabbelig geworden: Die Wellen treiben Schaumkronen, schwellen an zu ordentlichen Hügeln und werfen flache Täler aus. Großartige Bilder - natürlich auch für die Kamera! Jim, der schon dabei ist, seine Gruppe in den sicheren Schutz der Inseln zurückzuschicken, runzelt besorgt die Stirn, gleitet dann aber, na gut, mit zwei, drei Paddelschlägen, an die Seite seines wagemutigen Schutzbefohlenen. Schnell eine Reihe von Fotos, trotz Spritzwassers und unruhig schwankenden Bodens, noch schneller die Kamera zurück in den Trockenbeutel, das Kajak schwappt, schwappt stärker, da kommt doch - urplötzlich bricht aus dem Himmel eine grün-gläserne Lawine und verschüttet brüllend die Welt. Weiße Strudel, ein wirbelnder Sog und ein Moment purer Verblüffung: Jetzt ist es passiert! Ringsum - ringsum! - brodelndes Wasser und noch immer baffes Erstaunen: Das kann einfach nicht sein! Dann das Aufblitzen eines Gedankens: Bloß keine Luft holen jetzt! Und Sekundenbruchteile später die glasklare Erinnerung an Jims Instruktionen: »Wenn ihr jemals kentern solltet - nur keine Panik! Reißt den Spritzschutz ab, schnellt euch heraus!« Aufgeregtes Herumfingern am Rand der Gummischürze: Da ist die Lasche, vorschriftsmäßig frei. Ein Ruck - und die Überraschung ist groß: Nichts verhakt sich, nichts klemmt, die Gummidecke ist auf Anhieb lose. Jetzt die Arme neben den Ausstieg gestützt, Rumpf und Beine wie ein Fisch aus der Öffnung gewunden - und schon ploppt der Körper dank der Rettungsweste wie ein Kork an die Oberfläche.
Luft! LuftLuftLuftLuft! In der See herrscht ein kleines Durcheinander. Jim im Boot, ein gekipptes Kajak, daneben ein treibendes Paddel, eine Mütze, zwei Trockensäcke, die auf den Wellen tanzen - eigenartig klar registriert das Gehirn jede Einzelheit. »Greif das Paddel, halt dich am Boot fest!«, brüllt Jim. Und schon sind seine Jungs längsseits, drehen das Kajak um, »Beine voraus und wieder rein!«, befiehlt der Chef, und mit Unterstützung zweier Helfer gelingt auch das, während die anderen beiden das Treibgut auffischen. Als der Schiffbrüchige wieder sitzt, zwängt sich Jim sogar ein aufmunterndes Lachen ins angespannte Gesicht. »Zur Eskimorolle gehört aber eine ganze Drehung!«
Während der Gerettete dann mit ganzem Körpereinsatz zum Ufer paddelt, sich warm und heiß zu paddeln versucht, zucken Adrenalingewitter durch sein aufgeweichtes Gehirn. Und aus dem Chaos von Emotionen, die sein Herz überschwemmen - Erleichterung, Scham, Staunen, Verstörung, Dankbarkeit -, kristallisiert sich ein Gefühl ganz klar heraus: Respekt. Neuer, tiefer Respekt vor der See. Noch mehr aber vor den Männern, die ihre Gefahren ganz genau kennen. Und mit Umsicht damit umzugehen wissen.
Information
Anreise: Air Canada fliegt von Frankfurt am Main über London nach St. John's. Der Hin- und Rückflug kostet 693 Euro plus Steuern und Gebühren
Veranstalter: Jim Price und seine Eastern Edge Outfitters Ltd. bieten Halb-, Ganz-, Zwei-, Vier- und Sechstagestouren mit dem Kajak auf See wie auf Flüssen an, außerdem richtige Trainingsprogramme wie Basis-, Aufbau-, Rettungs- und Sicherheitskurse in Theorie und Praxis. Kosten: von 55 bis 749 kanadische Dollar (etwa 39 bis 536 Euro). Im Preis enthalten sind Transport, Verpflegung, fachkundige Begleitung sowie die Ausrüstung
Kontakt: Eastern Edge Outfitters Ltd., Box 17, Site 14,
RR #2, Paradise, Newfoundland, Canada A1L 1C2, Tel. 001-709/782 59
25, Fax 773 22 01,
E-Mail: kayakeeo@nfld.com
Internet: www.kayakeeo.hypersource.com
Beste Reisezeit: von Juni bis September
Literatur: "Neufundland und Labrador - Insider
berichten"; eine Sammlung von 28 Essays über Wirtschaft, Politik,
Geschichte, Geologie, Flora und Fauna, Musik und Literatur sowie
Kulinarisches. Zu beziehen gegen einen Verrechnungsscheck von 13
Euro über Birte Molgaard, Scharnhorststraße 14, 65195 Wiesbaden,
Tel. 0611/716 47 07
E-Mail: bmolgaard@yahoo.com.
- Inken Herzig: "Kanadas Ostküste"; DuMont, Köln 2001; 228 Seiten,
12 Euro.
- E. Annie Proulx: "Schiffsmeldungen"; Roman; Fischer-TB-Verlag,
Frankfurt a. M.; Jubiläums-Edition 2001; 9 Euro.
- Bernice Morgan: "Am Ende des Meeres"; dtv Verlag, München 1999;
10,17 Euro.
- Bernice Morgan: "Die Farben des Meeres"; btb/Goldmann Verlag,
München 1998; 11 Euro
Auskunft: Department of Tourism, Culture and Recreation,
P. O. Box 8730, St. John's, Newfoundland, A1B 4K2, Tel. 001-800/563
63 53.
- Kanada Tourismus Programm, Postfach 200247, 63469 Maintal,
Service-Hotline Tel. 01805/52 62 32, Fax 0618¼9 75 58
E-Mail: canada-info@t-online.de
Internet: www.kanada-info.de
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