N A H O S T Ritter der weißen Armee

Mit seinem Friedensplan für den Nahen Osten profiliert sich der saudische Kronprinz Abdallah auf der Weltbühne ebenso wie im eigenen Land

Saudi-Arabien, noch eben tief in der moralischen Versenkung durch den Export von Terrorkriegern und fanatischem Klerikalismus, ist auf die Weltbühne zurückgekehrt. Mit nur einem Darsteller: Das Königshaus stellt sich tot - es lebe der Kronprinz. Abdallah breitet seine Arme um die arabische Welt - fast wie einst König Feisal. Der hatte aus Protest gegen die proisraelische Haltung des Westens in den siebziger Jahren das große Ölembargo verhängt und damit alle Muslime um sich scharen können. So etwas war vor ihm nur dem Propheten Mohammed gelungen.

Nun versucht es Abdallah mit dem Ölzweig. Bis vor kurzem noch hatte er Pressekonferenzen und westliche Journalisten gemieden. Heute präsentiert er sich als Gast und Gastgeber auf allen Kanälen und Titelseiten der besseren amerikanischen Magazine. In wenigen Wochen wird der Freund der Falkenjagd Präsident Bush auf dessen texanischer Ranch besuchen.

Abdallah wirbt derzeit zwar um die westlichen Medien wie sonst nur um die eigene Bevölkerung. Doch eine Wende hat er nicht vollzogen. Der fromme, aber nicht fanatische Mann war schon immer ein Prophet unter den prassenden Prinzen. Lange vor dem 11. September bereits sah er sein Land von innen bedroht und nicht von außen, durch den Irak oder Iran. Um die Entfremdung der Königsfamilie mit ihren rund 30 000 Mitgliedern von der saudischen Bevölkerung aufzuhalten, führte er seine kleinen Kriege gegen die Paläste an der Riviera, gegen die Korruption und die milliardenschweren Rüstungsgeschäfte seiner Halbbrüder mit Amerika und Europa.

Der Kronprinz, der seit dem Schlaganfall König Fahds im November 1995 die volle herrscherliche Autorität ausübt, ist der verantwortungsvollste unter den 20 noch lebenden Söhnen des legendären Staatsgründers Ibn Saud. Und wie jener empfindet er sich auch weiter als Sohn der Wüste. Das demonstrierte Abdallah ganz unfreiwillig schon vor fast 40 Jahren, als er den ersten Zipfel der Macht ergriff.

Bindung an die Beduinen

Er war gerade Kommandant der Nationalgarde geworden, die wegen ihrer Beduinenmäntel die "weiße Armee" genannt wird. Sie bildet ein Gegengewicht zur regulären Armee und soll das Königshaus vor allem gegen Militärputsche schützen. Folgerichtig erkundigte sich ihr frisch ernannter Befehlshaber damals bei einer britischen Militärmission nach panzerbrechenden Waffen. Hocherfreut arrangierten die Berater aus London eine Filmvorführung der nagelneuen Panzerabwehrrakete Vigilant. Als das Licht wieder anging, fragte Abdallah, ob man diese Raketen auch von Kamelen abfeuern könne. Die Briten: "Wenn die Garde bereit ist, pro Abschuss ein Kamel zu opfern - selbstverständlich!" Der junge Kommandant: "Kamele haben wir genug."

Dieser Auftritt ist symbolisch geblieben für die Bindung auch des späteren Kronprinzen an Beduinen und Wüste. Das hat ihn stets von den glorreichen Sieben unterschieden; zu ihnen gehören König Fahd, der ehrgeizige und verschlagene Verteidigungsminister Prinz Sultan, Innenminister Prinz Natef und der mächtige Gouverneur von Riad, Prinz Salman. Sie alle stammen von Ibn Sauds Lieblingsfrau Hassa al Sudeiri ab. Sie haben im Westen studiert. Abdallah, der Halbbruder und einzige Sohn aus einer Versöhnungsehe, die der Staatsgründer mit der Witwe eines langjährigen Feindes eingegangen war, wurde am Hof im islamischen Geist erzogen. Nebenfächer: Politik und Soziologie. Der Kronprinz spricht nur Arabisch. Doch dafür kann er zuhören und Volkes Stimme besser verstehen.

Arabischer Gorbatschow

Die Sudeiri-Brüder, seine größten Rivalen, wurden zu Lieblingen der amerikanischen Rüstungskonzerne. Ihre Devise lautete: Sicherheit durch Waffenkäufe. Der mächtigste Clan der Königsfamilie holte die teuersten Systeme ins Land, Awacs-Aufklärer inklusive. Er kassierte dabei reichlich Provisionen und sicherte sich dazu die Protektion des Weißen Hauses. Abdallah mit seinen schwächeren Blutsbanden und ohne Hausmacht stützt sich bis heute auf die "weiße Armee", die Nationalgarde. Immer wieder ist er draußen bei den Beduinenstämmen, die den eigentlichen Rückhalt des Hauses Saud bilden. Sosehr er sich auf die Regierungsgeschäfte versteht, so wenig begeistert er sich für Rüstungsgeschäfte. Jetzt ist er der Mann der Stunde, nicht zuletzt deshalb, weil die Sudeiri-Prinzen den wachsenden Antiamerikanismus in der saudischen Bevölkerung fürchten müssen, der auch eine Reaktion auf ihre Verschwendungssucht ist.

Der Kronzprinz will die Amerikaner nicht vertreiben, nur "verstecken". Deshalb hat er US-Vizepräsident Dick Cheney kategorisch verweigert, die amerikanischen Stützpunkte in Saudi-Arabien für einen Angriff auf den Irak zu nutzen. Abdallah und Cheney hatten sich schon vor zwölf Jahren im Schattenboxen geübt. Das war nach Saddam Husseins Einmarsch in Kuweit. Der damalige Verteidigungsminister von Vater Bush präsentierte am 6. August 1990 in Riad Satellitenaufnahmen. Sie sollten beweisen, dass 200 000 irakische Soldaten einmarschbereit an Saudi-Arabiens Grenzen stünden. Um den reichsten Ölstaat der Welt zu schützen, bot Cheney die Stationierung seiner Truppen an. Der amerikafreundliche König Fahd nickte die Ausführungen ab.

Kronprinz Abdallah aber argwöhnte, dass der US-Verteidigungsminister das Bedrohungsszenario übertrieb. Er wollte Genaueres über die Stellungen der irakischen Truppen wissen, über die künftige Rolle der US-Soldaten in Saudi-Arabien und die Bedingungen ihres späteren Abzugs. Cheney blieb vage. Er wusste König Fahd auf seiner Seite. Der entschied sich schließlich ohne den Rat Abdallahs und der religiösen Führer für die US-Truppen. Der Aufmarsch von einer halben Million amerikanischer Soldaten löste in dem streng gläubigen, tief traditionalistischen Land Schockwellen aus. Osama bin Laden nutzte sie.

Für Abdallah ist Saddam Hussein nicht nur ein Verbrecher, sondern auch ein säkularer Frevler. Dennoch hat der amtierende saudische Herrscher in den vergangenen Jahren die Beziehungen zum Irak und zum Iran verbessert. Das war Diplomatie und keine Provokation der USA. Der Kronprinz will alles verhindern, was die amerikafeindliche Stimmung in der Region verstärkt. Und er möchte zugleich jeden Konflikt vermeiden, der die strategische Allianz mit den USA zerstören könnte. Würde und Religion aber verlangen von ihm auch, das westliche Wertesystem nicht als allein selig machend anzusehen.

Seine jetzige Friedensinitiative wird als Wiedergutmachungsaktion gewertet für den Terror, der aus Saudi-Arabien kroch. Das ist nur die halbe Wahrheit. Im Gegensatz zu manch anderem Araberführer bewegt Abdallah das Schicksal der Palästinenser. Das ist für ihn eine Glaubenssache - wie schon für seinen Vater. Ibn Saud war 1945 auf dem amerikanischen Kreuzer Quincy im Sueskanal zu seiner ersten und letzten Begegnung mit Franklin D. Roosevelt zusammengetroffen. Der schwer kranke US-Präsident versuchte, dem Wüstenkönig das furchtbare Leid der Juden unter den Nazis nahe zu bringen. Ibn Saud antwortete: "Geben Sie den Juden die besten Grundstücke und Häuser der Deutschen!" Roosevelt: "Sie ziehen aber Palästina vor." - Ibn Saud: "Wiedergutmachung sollte der Verbrecher, nicht der unschuldige Dritte leisten."

Eine Friedensinitiative für Palästina hat Abdallah schon vor dem 11. September erwogen. Am 24. August 2001 saß er vor seinem riesigen Fernsehschrank aus hellem Holz mit 33 Bildschirmen. Er hörte Präsident Bush sagen: "Die Israelis werden nicht unter terroristischer Bedrohung verhandeln." Da rastete der Kronprinz aus. Er übermittelte seinem Neffen Prinz Bandar, dem Botschafter in Washington, eine wütende Note an Bush. Saudische Diplomaten streuten später aus, dass es darin geheißen habe: "Macht ihr nur so weiter! Von jetzt an werden wir unsere eigenen Wege gehen ... Regierungen, die nicht den Puls des Volkes fühlen, kann das Schicksal des iranischen Schahs treffen."

Bushs Berater waren aufgescheucht. Der Präsident lud den Kronprinzen nach Camp David und auf seine Ranch ein. Vater Bush, enger Geschäftsfreund der Saudis, rief in Riad an. Vergeblich. Erst ein sehr persönliches Schreiben des US-Präsidenten beruhigte Abdallah. Am 7. September übermittelte Botschafter Bandar in Washington Entwarnung. Vier Tage später krachten die entführten US-Flugzeuge in die Zwillingstürme, 15 der 19 Attentäter besaßen saudische Pässe.

Doch längst bevor Amerikaner und Saudis das wussten, am ersten Tag nach den Anschlägen, zog Abdallah spontan eine Zusage an die Opec zurück, die Ölproduktion zu drosseln. Gleichzeitig schickte er saudische Tanker los, die von da an täglich 500 000 Barrel Öl nach Amerika verschifften.

Seither liest der Kronprinz Wahhabiten, Lehrern, Geschäftsleuten, Journalisten die Leviten: Religiöser Extremismus sei eine unduldbare Sünde. Er streicht der Königsfamilie kostenlose Flüge und Telefonate. Er schockt die feudalen Bürokraten, ganz wie einst Gorbatschow in der Sowjetunion: Sie würden entlassen, wenn sie nicht besser arbeiteten. Abdallahs Reformparolen klingen wie eine Übersetzung aus dem Russischen: Beschleunigung, Effizienz, Konkurrenz.

Doch kann der arabische Gorbatschow damit die Saudi-Union noch retten? Die Bevölkerung wächst längst schneller als die Ölgewinne. Die Kleriker beeinflussen das Bildungssystem und die arbeitslose Jugend gleichermaßen. Eine überstürzte Demokratisierung und Wahlen wiederum würden alte Rivalitäten zwischen den Beduinenstämmen aufheizen. Die gleiche Kettenreaktion könnte ein US-Krieg gegen den Irak auslösen. Das saudische Schreckensgemälde ist und bleibt ein Super-Jugoslawien in Öl.

Abdallah ist der beste Garant dagegen. Doch die Nachfolge für den 78-Jährigen ist ungeregelt. Ein Erfolg seiner Friedensinitiative könnte ihn zumindest kostbare und intrigenfreie Zeit gewinnen lassen.

 
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