Bis Anfang der neunziger Jahre waren Darlehensverträge, die außerhalb von Bankräumen abgeschlossen wurden, automatisch unwirksam. Das hat der Gesetzgeber dann geändert und so die juristischen Unklarheiten, über die sich Experten nun streiten, erst geschaffen. Ungehindert konnten Strukturvertriebe - auch Drückerkolonnen genannt - seit der Gesetzesänderung ihren Geschäften nachgehen und an den Haustüren Immobilienkredite verkaufen.

Panne oder Absicht? Ob Interessenverbände damals den Gesetzgebungsprozess beeinflussten, ist heute nicht mehr nachzuweisen. Sicher ist, dass ihm die Bankenlobby viel Aufmerksamkeit schenkte. So gab der Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses bei einer Anhörung zu Protokoll: "Die Bankenmacht ist sehr geballt erschienen."

Obwohl Hunderttausenden von Verbrauchern zu teure Kredite angedreht wurden, hat die Politik den Verbraucherschutz in diesem Bereich nicht verbessert.

Forderungen, die umstrittenen Finanzvertriebe vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen kontrollieren zu lassen, lehnte die Bundesregierung von Union und FDP 1997 als "weder sachgerecht noch erforderlich" ab. Im Sommer 2001 fragten einige Unions-Abgeordnete, ob nicht die rot-grüne Regierung etwas ändern wolle. Deren Antwort: Man prüfe.

Zwei der größten deutschen Finanzvertriebe sind eng mit der Politik verbandelt - die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) und die AWD Holding. Als Generalbevollmächtigte oder Beiräte stehen der DVAG eine Reihe prominenter Christdemokraten zur Seite: Ex-Kanzler Helmut Kohl, Ex-Kanzleramtsminister Friedrich Bohl und Ex-Kohl-Berater Horst Teltschik, Friedhelm Ost, Bernhard Vogel, Theo Waigel und andere. Auch Anke Fuchs von der SPD sitzt im Beirat des Frankfurter Unternehmens. Dem AWD aus Hannover ist Ex-Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) als Aufsichtsratsmitglied verpflichtet. Und AWD-Chef Carsten Maschmeyer unterstützte die Kanzlerkandidatur von Gerhard Schröder mit einer zunächst anonymen, 650 000 Mark teuren Anzeigenkampagne.