G E D A N K E N E X P E R I M E N T Die Welt ist eine Katze

Hans Magnus Enzensberger versöhnt Poesie und Wissenschaft

Poesie und Wissenschaft - das ist so eine Sache. Auch wenn C. P. Snows berühmte zwei Kulturen nicht allein geblieben sind und das zunehmende Spezialistentum viele "Kulturen" mehr geschaffen hat, die wenig voneinander halten und nichts voneinander verstehen, bleibt der Graben zwischen Naturwissenschaften und Dichtung doch ein ganz besonders tiefer.

Die Schuld daran - sofern man bei einem Phänomen, das jeder quasi als eine Art Naturzustand vorfindet, von Schuld sprechen kann - ist auf der Seite der Schöngeister größer als auf der der Faktenhuber. Diese interessieren sich zwar meist nicht weiter für "das Musische", bringen ihm aber aus der Ferne den gleichen stillen Respekt entgegen wie allem Unverstandenen. Das ist etwas anderes als die vorsätzliche und verächtliche Ignoranz, die auf der anderen Seite verbreitet ist, wo es zum guten Ton gehört, die Methoden der Wissenschaft für langweilige Erbsenzählerei, ihre Erkenntnisse für so unverständlich wie verstehensunwert und die Wissenschaftler für unheilbrütende Frankensteins zu halten, getreu Novalis' Motto, dass vor der Wahrheit der Märchen und Gedichte "das ganze verkehrte Wesen" der "Zahlen und Figuren" verfliege, kurz, dass Poesie wahrer, zuträglicher, menschlicher sei als Wissenschaft - und dass "die, so singen oder küssen, / Mehr als die Tiefgelehrten wissen".

Einer der wenigen Poeten, die diese Antipathie ganz und gar nicht teilen, ist Hans Magnus Enzensberger (andere wären Lars Gustafsson und Primo Levi). Als er 1975 mit den 37 biografischen Balladen seines großartigen Mausoleums historischen Geistesgrößen nahe rückte, darunter mehrheitlich Wissenschaftler, stieß er im poesienahen Feuilleton auf einiges Befremden, fast so, als hätte er Fahnenflucht begangen. Über ein Jahrhundert nach dem Exitus der "Gedankenlyrik" demonstrierte er glanzvoll, dass sich nicht nur über Wissenschaftler Gedichte schreiben lassen, über das oft bizarre Missverhältnis zwischen dem Menschen als Menschen und dem Menschen als erkennendem Wesen, sondern durchaus auch über Inhalte der Natur- und Sozialwissenschaften. Man muss nur den dichterischen Hochmut abschütteln und sich intelligent auf sie einlassen, und schon wird die Wissenschaft zu einem unerschöpflichen Steinbruch für Gedichte, die haltbarer sind als die unentwegten Auslotungen der eigenen Befindlichkeit. Tatsächlich ist Enzensbergers Mausoleum so frisch geblieben wie am ersten Tag, und das, was vor einem Vierteljahrhundert am frischesten daran schien, die gelegentlich vorschnelle persönliche Polemik im Namen einer allgemeinen Fortschrittsskepsis, ist am stärksten gealtert.

Dass es sich damals nicht um einen bloßen Seitensprung gehandelt hat, beweist Enzensberger jetzt mit seinem Buch Die Elixiere der Wissenschaft - 65 Aufsätze und Gedichte zum Thema aus den letzten Jahrzehnten, darunter 22 aus dem Mausoleum und 13 zumindest teilweise neue (von detaillierten Drucknachweisen hält der sonst so akribische HME offenbar leider nichts).

Die notorische Kluft zwischen Poesie und Wissenschaft kommt nicht von ungefähr. Sie ist nicht nur eine zur lieben Tradition gewordene Pose. Die beiden Geistestätigkeiten sind tatsächlich weitgehend inkompatibel. Poesie, das ist die naive, "warme" Erkenntniswelt des Mythischen, Wissenschaft dagegen die durch und durch skeptische, "kalte" des Faktischen. Poesie handelt von der menschlichen Anschauungswelt, von der Wirklichkeit, wie sie sich unvermittelt, ohne Instrumentenhilfe erfahren und erleben lässt - die Naturwissenschaft dagegen von der oft völlig unanschaulichen Wirklichkeit dahinter.

Poesie greift niemals in das Leben ein, selbst die engagierteste muss sich mit meist wirkungslosen Appellen begnügen - wissenschaftliche Erkenntnisse dagegen haben im letzten halben Jahrtausend jedermanns Leben zutiefst umgekrempelt. Die Poesie ist vorsätzlich subjektiv, kann gar nicht subjektiv genug sein - die Naturwissenschaften dagegen bemühen sich, alles Subjektive abzustreifen und methodisch abgesicherte Modelle der Wirklichkeit zu liefern, die zeigen, wie diese objektiv beschaffen ist.

Keinen Augenblick lang hört HME auf die verwirrenden Sirenengesänge der wissenschaftskritischen Postmodernisten, die den Naturwissenschaften genau diese ihre tendenziell objektive Gültigkeit absprechen und jede wissenschaftliche Erkenntnis am liebsten für ein subjektives sozialpsychologisches Konstrukt halten würden, einen Text mehr, an dem sie ihre akrobatischen Dekonstruktionskünste auslassen können. Enzensberger hat denen, die an den nichtsubjektiven menschlichen Erkenntnismöglichkeiten zweifeln, sogar ein hübsches neues Gedicht ins Stammbuch geschrieben:

Lautlos versichert die Welt mir,

daß sie da ist, geduldig,

augenblicklich, immer von neuem:

der Staub, in der Hitze flimmernd,

auf dem Daumen der Hammer,

mit ihren Krallen die Katze,

auch jene fliehende Wolke dort,

die der Wirklichkeit

so leicht keiner nachmacht.

Sie fragt nicht nach euch,

liebe Mystiker, äußert sich nicht,

wenn ihr sie wieder einmal

für Augentrug haltet.

"Konstruktivismus",

Philosophengemurmel,

physikalische Träumereien,

"ein paar Quarks und sonst nichts",

läßt sie auf sich beruhen.

Sie hört nicht auf euch, die Welt

mit ihren Katzenaugen.

Sie läßt euch reden, geduldig,

so lang, bis sie zuschlägt

mit ihren Krallen, spielt

noch ein Weilchen mit euch,

vergißt euch, und bleibt.

Das Gedicht zeigt auch prototypisch, wie sich jener Graben überbrücken lässt: die Abstraktionen der Wissenschaft im Einzelnen kennen, sie intelligent mitdenken, sie in die subjektive Anschauungs- und Assoziationswelt übertragen.

Früher war Enzensberger-Essays ein gewisser unverkennbarer, schneidender Ton eigen, der bestens in die Zeit passte und etwas Betörendes hatte. Sie lasen sich, als erklärte jemand einer dümmlichen Mitwelt endlich einmal scharfsinnig und elegant zugespitzt, wie es um die Dinge wirklich bestellt ist: auf jeden Fall schlimm. Dem wissenschaftlichen Diskurs ist dieser Ton fremd. Er wird beherrscht von einem Bewusstsein der Vorläufigkeit und Fehlbarkeit jeder Erkenntnis, das vorsichtig und bescheiden macht.

In diesem Buch sagt sich Enzensberger von jener Selbstgewissheit los. Nicht nur das, er verabschiedet sich ausdrücklich von jeder Geschichtsphilosophie, die der Geschichte einen gesetzmäßigen Gang zuschreibt, einen vielleicht stolpernden, aber unentrinnbaren Fortschritt auf ein letztes Ziel zu. Wer aber Sinn und Ziel der Geschichte nicht mehr kennt, der wird nicht mehr so bereitwillig selber unter die Propheten gehen.

Praktisch trennt sich HME von dem schneidenden Ton in seiner bewundernswürdigen Reportage über das Genfer Atomforschungszentrum Cern, die mit scheinbar leichter Hand etwas Schweres, eigentlich Unmögliches nicht nur versucht, sondern vollbringt. Ausdrücklich tut er es in seinem Aufsatz über das Digitale Evangelium, wo er sich im Namen des gesunden Menschenverstands über die teils apokalyptischen, teils euphorischen Theorien der Propheten mokiert, ohne doch selber ganz ohne sie auszukommen. Und siehe da, wenn ihm in seinem Cern-Aufsatz ein Fehler unterläuft, wie er auch dem Besten passieren kann, wenn er das World Wide Web für "das Protokoll des Internet" hält, von einem Informatiker des Cern erfunden, um Physikern "schnelle, gut vernetzte Datenverbindungen mit hoher Kapazität" zu verschaffen (die gab es lange vor dem World Wide Web), dann macht das gar nichts.

Wenn er aber in dem Aufsatz über Neue Medien im früheren schneidenden Ton beispielsweise befindet, die Encyclopædia Britannica von 1911 mit ihren langen Lemmata sei ein "Wunderwerk an Erklärungskraft", verglichen mit den neuen Medien, die "nur Datenschutt und Splitter anzubieten" hätten, so bekommt jeder Zahnschmerzen, der etwas von der Sache versteht: Wo man sich nicht auskennt, sollte man nicht so selbstgewiss auftrumpfen. (Die kurzen Lemmata waren damals und sind heute eine Spezialität deutscher Enzyklopädien; die der Britannica, ob gedruckt oder digital, sind immer noch so lang wie damals, und natürlich gibt es im Internet keineswegs nur Schutt - aber um sich davon zu überzeugen, hielte man eine Metasuchmaschine auch besser nicht für ein Ding mit "richtigen Filtern".)

Die Fachsprache ist nicht dunkel

Dass einer Aussage ihre Schneidigkeit nichts nützt, wenn sie faktisch falsch ist, wird deutlich, wenn bei HME gelegentlich - sehr selten - der alte herrschaftskritische Ton durchbricht: "Die Logenbrüder der Technik bilden, ebenso wie die Mediziner, eine Geheimsprache aus, einen Jargon, der ihr Herrschaftswissen sichern soll." Was für eine Verkennung von Ursprung und Funktion der Fachterminologien! Sie wurden gewiss nicht erfunden, um das Herrschaftswissen irgendeiner Clique vor dem Volk zu schützen, und sind das genaue Gegenteil einer Geheimsprache: völlig offen, völlig eindeutig, völlig klar - nur dass das Volk sie nicht lernen will, weil es sich nicht besonders für die Dinge interessiert, über die sich die Experten mit ihrer Hilfe verständigen.

Unbeabsichtigt bestätigt HME selber, was es mit der verdächtigen Dunkelheit der Fachterminologien auf sich hat, wenn er sich nämlich über die dicken Computerfachbücher beklagt (die es leider kaum noch gibt). Der Computer, findet er, müsste sich eigentlich so leicht bedienen lassen wie ein Auto, nicht bedenkend, dass der Computer eine ungleich komplexere Universalmaschine ist - und dass selbst vor dem Autofahren eine Prüfung steht. Natürlich ist es jedermanns Recht, vom Innenleben des Computers nichts wissen zu wollen; nur kann man sich dann nicht über das verschlossene Herrschaftswissen seiner Konstrukteure beschweren.

Ebenso - und auf eine gravierendere Weise - zweifelhaft ist es, wenn HME den heutigen Boom der Biowissenschaften als "Putsch" bezeichnet und beschreibt. Es hat da ja nicht ein Forscherklüngel die Macht ergriffen, indem er mit falschen oder zumindest maßlos übertriebenen "utopischen Verheißungen" der Öffentlichkeit Sand in die Augen streute. Viele der immer wieder bemühten Zitate, mit denen die unverantwortlichen Heilsversprechen der Biowissenschaften belegt werden sollen, stammen gar nicht von deren Forschern, sondern aus dem Lager der Künstlichen Intelligenz, wo man die eigene Spielzeugbastelei gern mit vollmundigen Großvisionen aufpeppt.

Die von den Gegnern der Gentechnik immer wieder ins Feld geführten übertriebenen Heilsversprechen kommen in Wahrheit aus jenem surrealen Echoraum, wo Medien und Werbung aus jeder Andeutung einer Möglichkeit zwanghaft eine Fanfare machen; der Mehrheit der forschenden Biowissenschaftler liegen sie fern, wie HME selber an einer Stelle einräumt. Sie wissen schließlich viel genauer als andere, wie weit und dornig der Weg von einer Entdeckung zu einer Anwendung, etwa einer neuen Therapie, ist. Aber sie wissen ebenfalls, dass die Biologie begonnen hat, erstmals an die molekulare Wurzel vieler Krankheiten und Leiden vorzudringen, und dass daraus eines Tages auch Therapien hervorgehen werden. Der Motor des vermeintlichen Putsches sind nicht die Hegemoniegelüste einer Laboranten- und Kapitalistenjunta. Es ist die einmal nicht grundlose Hoffnung auf eine Minderung von Krankheit und Leid, die so alt ist wie die Menschheit und die ihr nicht erst von einer Hand voll Putschisten eingeblasen werden muss.

Die Metaphern der Wissenschaft

Solche Einwände sollen das Buch mitnichten herabsetzen; sein Rang ist ihm gewiss. Für meinen Geschmack machen es seine Schwachstellen sogar sympathischer. Enzensbergers Schreiben zielte immer auf das absolut perfekte Produkt: glänzend glatt wie der siderische Quader in Kubricks Weltraumodyssee. So etwas ist in der Tat eindrucksvoll; menschlicher ist es, den Lesern hin und wieder auch eine Rissstelle darzubieten, wo sie einhaken können.

Im letzten Essay widmet sich HME ausdrücklich dem Verhältnis von Poesie und Wissenschaft. Er kommt nicht umhin, die Kluft zu konstatieren, findet dann aber doch eine Brücke: die Metapher, den bildhaften Vergleich. Nicht nur die Poesie schaffe Metaphern, sondern auch die Wissenschaft, könnte ihre Inhalte ohne sie vielleicht gar nicht kommunizieren, und manche klängen geradezu poetisch: Fluchtgerade, Böschungslinie, Sonnenwind, Wurmloch, Quantenschaum.

Das ist richtig, aber es ist leider nur eine schmale und wacklige Brücke. Für die Poesie ist das Metaphernfinden eine der Hauptsachen; für die Wissenschaft ist es nur eine Kommunikationshilfe, nicht ihr Inhalt. Die poetische Metapher kann jedermann einleuchten, weil potenziell jeder beide Seiten des Vergleichs sieht. Die wissenschaftliche Metapher kann nur dem Fachwissenschaftler wirklich einleuchten, der das abstrakte Modell kennt, für das da ein anschaulicher Vergleich aufgeboten wird; für den Laien bleibt er ein bloßer verbaler Oberflächenreiz.

Ich fürchte, die Existenz von Poesie lässt sich nicht durch den Verweis auf rudimentäre Gemeinsamkeiten mit der Wissenschaft legitimieren. Sie muss wohl auf ihrer Andersartigkeit bestehen. Die russische Mathematikerin Sonja Kowalewskij (1850 bis 1891) schrieb einmal: "Viele halten die Mathematik für eine trockene und unfruchtbare Wissenschaft. In Wahrheit ist die Mathematik die Wissenschaft, die ein Höchstmaß an Einbildungskraft verlangt (die mehr ist, als sich irgendetwas auszudenken) ... Mir scheint, dass der Dichter sehen muss, was andere nicht sehen, dass sein Blick tiefer sein muss als der anderer. Der Mathematiker muss es auch." Erst auf dieser tiefen Ebene (etwas sehen, was andere nicht sehen) sind die beiden Kontinente verbunden.

Enzensbergers Gedichte über die Wissenschaft sind der beste Beweis, dass sich der poetische Blick vor der Wissenschaft nicht blamieren muss.

Hans Magnus Enzensberger:Die Elixiere der Wissenschaft Seitenblicke in Poesie und Prosa; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002; 281 S., 19,90 €

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Literatur | Lyrik | Wissenschaft | Poesie
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service