P O L E N Die Furie der Verwestlichung
Die Manien und Antipathien des ostalgischen Existenzialisten Andrzej Stasiuk
Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk (Jahrgang 1960) ist eine schillernde, chamäleonhafte Figur. Bekannt, ja beinah mit einem Schlag berühmt wurde er bei uns im vorletzten Bücherherbst mit seinem Roman Dukla. Im Grunde handelt es sich dabei weniger um einen Roman als eine locker komponierte Serie von Impressionen und profanen Erleuchtungen, die dem Autor in Dukla, einem erschöpften polnischen Provinznest am Rande der Karpaten, zuteil wurden. Die Kritik verneigte sich vor der zweifellos beeindruckenden Sprache des Romans, ihrer sinnlichen Beschwörung von etwas Übersinnlichem, Atmosphärischem und hatte, geschwächt von andauernder literarischer Magerkost, nicht die Kraft, nicht den kühlen Kopf, den bisweilen seltsam schwülstigen, katholisch sedimentierten Mystizismus darin auch nur zu bemerken.
Im Grunde war dieser Roman beinah ein Manifest. Eine stolze Festung, ein poetisches Bollwerk gegen den profanierenden Geist des Westens. Hier, im leeren Viertel des Ostens, geht einem die Welt auf, im überreichen Westen, da geht sie unter. Das ist die melancholische Fronde des Romans, das fein versprühte Gift seines ausgesparten Plots.
In seinem Buch Wie ich Schriftsteller wurde (von Olaf Kühl glänzend übersetzt) wird der Autor entschieden deutlicher in seiner Westantipathie. Das Gift wird mit vollen Händen ausgeteilt, ja er hat noch einen Sprengsatz gebastelt, den er alle paar Seiten hochgehen lässt. Dieser Sprengsatz lautet: Früher war es besser. Selbst in der Ära der Unfreiheit war man freier als heute. Man kann sich vorstellen, welch ein Aufschrei durch die Reihen der Dissidenten ging und wie tief Stasiuks Aktien bei Leserschaft seitdem gefallen sind. Wenn man die ersten Seiten liest, erkennt man den Autor von Dukla nicht wieder, so betont anders ist diese persönliche Chronik einer Adoleszenz im Warschau der siebziger und achtziger Jahre geschrieben. Im saloppen "amerikanischen" Stil mit viel Speed und Frische, in stream of consciousness-Optik absatzlos durchgeschrieben, wobei es sich empfiehlt, das kleine Buch auch in einem Zug, sozusagen auf ex, durchzulesen - falls man die Nerven hat.
Was war für Stasiuk und seine Freunde in Warschau so schön damals unter der Knute Jaruzelskis? Man war zunächst mal so schön jung, so schön halbwüchsig und halb gar, so auf dem Anarcho-Trip einer heldenmäßigen Gammelei. Natürlich war man gegen den Staat. Man war gegen jede Ordnung. Und man bekämpfte sie, indem man rumhing, unablässig rauchte, schlechten Wein soff, Velvet Underground und Blues aus Chicago hörte und die Nächte durchquatschte, über Lyrik und Kunst, Cortazar, Faulkner, Sartre und die Surrealisten. Man liebte das plebejische, das schwarze Amerika. Den Kapitalismus keinesfalls, aber seine Abfallprodukte, seine trashige Poesie. Am Tage wachte man irgendwo auf, und ab ging's "durch die Pfütze": zum Zentralbahnhof, die räudige Melancholie der Vorstädte einatmen, den Dunst, der von Industriebrachen aufstieg. Dazu passend lief man im Gammel-Look imitierter Westklamotten rum, eine Ami-Flagge auf dem Jeanshintern. Niemand arbeitete, niemand hatte Pläne. Man setzte sich in die Straßenbahn und las Allen Ginsberg, "von Endhaltestelle zu Endhaltestelle, dreimal die Strecke, bis der Fahrer einen rausschmiß".
Eine No-future-Generation aus Überzeugung, als ästhetische Lebenspraxis. Ein seliger Müßiggang, wie ihn ein Beatnik aus Bochum damals auch nicht anders pflegte, oder Sven Regeners Kreuzberger Romanheld Herr Lehmann und seine Kneipenbrüder, die schon zum Frühstück (gegen drei) Relativitätsprobleme wälzten, etwa: ob die Zeit, wenn man besoffen ist, schneller oder langsamer vergeht. Doch von solcher Bluts- und Bierbrüderschaft gleich um die Ecke im Westen ahnte man in Grochow, Warschaus Kreuzberg, wohl nichts. Man kam sich mächtig originell vor.
Aus heiterem Himmel - und das gab's in Kreuzberg wirklich nicht - wurde unser Held damals einberufen. Nach einem halben Jahr schmiss er aber schon den Armeedienst, wie er früher die Schule geschmissen hatte. Seine Freiheit ließ er sich wirklich was kosten, denn jetzt hieß es: Ab in den Knast. Diese Zeit, immerhin anderthalb Jahre in verschiedenen Lagern, beschreibt Stasiuk nicht als eine Saison in der Hölle, sondern im Gegenteil wehmütig wie ein Kriegsveteran. Das waren "handfeste und sympathische" Orte mit handfesten und sympathischen Kerlen, Dieben und Banditen. Stasiuks Universitäten. Nur die in Scharen eingelieferten SolidarnoŽc-Kämpfer zerrten mit ihren frommen Gesängen an den Nerven.
Die Freiheit trat Stasiuk ohne Leidenschaft an. Er vermisste seine Knastbrüder, seine fantasieanregende Mönchszelle. Er nahm sein einfaches und raues Leben wieder auf, ging gelegentlich sogar arbeiten und konspirierte mutig weiter, indem er Buttons von den Sex Pistols trug und Céline oder Beckett abkupferte, sprich: ernstlich zu schreiben anfing. Fazit? Eine wunderbare Gesellschaft, eine wunderbare Zeit, die achtziger Jahre in Polen, "absolut liberal", ein Paradies für Künstler und Jugendliche. "Du konntest sein, wer du wolltest. Versucht das heute mal. So wird es nie wieder sein." Mit diesem Refrain kommt einem der gerade mal 40 Jahre alte Autor vor wie der "Mann, der in seiner Jugend die alten Zeiten erlebt hatte", wie es bei Ivan Wernisch heißt. Oder wie Louis-Ferdinand Céline, der mit 22 den schönen langen Tagen unter den Waffen und Kameraden nachtrauert: "Ach leider, aus und vorbei, mein armer Alter, wir sind jetzt alte Verwundete aus heroischen Zeiten."
Ein putzmunteres, vorsätzlich impertinentes Buch. Natürlich hat die betonte Affirmation mit Rechtfertigung von Repression nichts zu tun. Sie ist vor allem ein Protest gegen eine allzu opportune schematische Sicht der Dinge, ein Protest auch gegen das Pathos der Geschichte, mit der laut Peter Esterhazy im Osten jeder beleidigt ist. Für Stasiuk wie für Esterhazy, Mircea Cartarescu oder Victor Pelewin und andere jüngere osteuropäische Autoren besteht der wahre Protest in der Affirmation, das heißt in Gleichgültigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen, die immer schlecht sind, den Einzelnen immer kujonieren, in seinem Bewegungsspielraum, seinem Anspruch auf Glück. Das ist die Wunde der Zivilisationskritik von Rousseau bis Thoreau, der seine selbst gezimmerte Hütte in den Wäldern von Massachusetts aufschlug, und Botho Strauß, der vor der Krätze des Zeitgeists in die kontemplative Quarantäne des Oderbruchs entfloh wie Andrzej Stasiuk selbst vor 15 Jahren in ein einsames Bergdorf in den Beskiden.
Ein Herz für Betonkommunisten
Also schon vor dem Systemwechsel hatte bei ihm der Wildwechsel von der Großstadt in den Wald, in den Illusionsraum von Ursprünglichkeit stattgefunden. Sein Aufbruch in die Poesie hat ihn geradewegs in menschenferne ästhetische Einsiedelei geführt. In seiner Bergklause malt der rückwarts gewandte Prophet nun Buch um Buch die Furie der Verwestlichung an die Wand.
Dieses Gespenst, das Gespenst des Kapitalismus, geht mächtig um in seinem neuesten Roman mit dem schlichten Titel Neun (weil es sein neuntes Buch ist?). Der Roman, diesmal mit viel Action, ist das genaue symmetrische Gegenstück zum munteren Schelmenstreich seiner Autobiografie, das heißt, alles ist mit negativem Vorzeichen versehen. Wir befinden uns im Jahre x nach dem Zusammenbruch der Ewigen Ordnung, im Herzen des polnischen Räuberkapitalismus. Pawel ist ein guter Junge von 35 Jahren, der wie der Autor seinerzeit sein Leben am liebsten in somnambulen Busfahrten durch Warschau verträumen und versäumen möchte. Doch die Verhältnisse sind nicht so. Sie zwingen zum Handeln. Das tut Pawel, und zwar mit Textilien, als Kleinunternehmer in Wolle und Baumwolle, die seinem Leben eine bescheidene Geschäftsgrundlage geben sollen. Doch irgendwie geht alles schief. Er hat sich verschuldet im kriminellen Milieu, und nun sind sie hinter ihm her.
Pawel rennt. Seine Wohnung haben sie ihm schon demoliert. Er irrt durch Warschau, trifft Jacek, einen Kumpel aus alten konspirativ durchzechten Nächten. Doch der kann sich selber nicht helfen, ist als Kleindealer selber auf der Flucht vor Revierfeinden. Aus den Freunden von damals sind rivalisierende Amigos geworden mit lächerlich mafiösem Gehabe, kleinbürgerliche Kleinganoven mit Goldkettchen im Brusthaar, Kampfhunden an ihrer Seite und dummen Miezen, für deren Konsumräusche sie armen Schweinen die Knochen brechen. So einer ist auch Bolek, der Jacek jagt und Pawel abblitzen lässt. Sein einziger Halt sind nostalgische Träumereien, doch die Erinnerungen brechen ab wie eine tote Leitung, ausgelöscht von der Gegenwart wie die Poesie der Hinterhöfe, die sich in finstere Hinterhalte verwandelt haben.
Der Moloch Warschau verschluckt alles mit seinem Höllenlärm, seinem Abgasgestank und scheußlichen Neonlicht, das schon in Kieslowskis Filmen Leichenfarbe auf die Gesichter malte. Nur der Erzähler behält den Überblick auf der Simultanbühne des kapitalen Elends. Wir blicken mit ihm in kleine Kienholzsche Tableaus: Ein Paar in einer tristen Wohnküche. Im Auto eine Frau, die ihren Lippenstift nachzieht, bevor sie ihren Mann betrügt. Hinter einer dünnen Wand versucht Pawel im Traum zu schreien, während der Ganove Bolek und sein Betthäschen im goldenen Morgenlicht erwachen. Doch "in der Schlichtheit ihrer Herzen" können sie das Wunder des Lichts nicht fassen, wie auch der Bettler am Bahnhof wohl nicht weiß, dass sein löchriger Pullover "seine Hände wie ein Strahlenbündel" umgibt, und der Industrieschornstein nicht, dass seine roten Schlusslichter oben aussehen "wie elektrische Dornenkronen".
Das alles sieht nur der Autor mit seinem himmelblauen Madonnenblick, und vielleicht sollten wir ergriffener sein, denn es ist sicher kein leichtes Stück Arbeit gewesen: den Geist der Unreife eines Witold Gombrowicz mit der dreckigen Unschuld eines Céline und einer Art Bitterfelder Weg zu diesem rußschwarzem ostalgischen Existenzialismus zusammenzuschmieden, der das Herz eines Betonkommunisten erwärmen müsste, wäre da nicht dieser paranoische Katholizismus. Wahrscheinlich handelt es sich um so etwas wie postmoderne Ironie. Aber eine Ironie, die man nicht versteht, ist wie ein Angeklagter, der die Aussage verweigert.
Andrzej Stasiuk:Wie ich Schriftsteller wurde Versuch einer intellektuellen Autobiographie; aus dem Polnischen von Olaf Kühl; 135 S., 9,- €
Beide Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001 und 2002
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