Geschichte wiederholt sich nicht. Aber immer wieder versuchen wir, uns die Geschichte wiederzuholen: Hier ein Stadtschloss, dort eine Kirche. So sind auch die Dresdner frohgemut an den Wiederaufbau ihrer Frauenkirche gegangen; nur über die Rekonstruktion der Orgel darin tobt seit Monaten ein Streit, der auch dann nicht zu Ende sein wird, wenn in dieser Woche ein Bauauftrag vergeben werden sollte. Auf den ersten Blick scheint es nur darum zu gehen, ob die 1736 in der Frauenkirche gebaute Silbermann-Orgel "originalgetreu" rekonstruiert wird oder ob stattdessen eine moderne Allzweck-Orgel gebaut und in einem Orgelgehäuse versteckt wird, das nur von außen aussieht wie von Silbermann. Aber in Wirklichkeit geht es gerade darum nicht - und deshalb ist der Streit so interessant, weit über Dresden hinaus. Es geht nämlich um die Frage: Was ist und soll eine Orgel heute - und gibt es für heutige Zwecke überhaupt die eine Orgel?

Eine ähnliche Frage wird derzeit am Lübecker Dom diskutiert. Dort geht es um ein Instrument von Arp Schnitger, von dessen Klangkörper es wie in Dresden keinerlei körperliche Spur mehr gibt. Der Grund dafür ist nicht, dass beide Kirchen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden; sondern dass ihre Orgeln schon Generationen zuvor umgestaltet, schließlich durch einen in ihrer Zeit "modernen" Neubau (oder, was dem gleichkommt: Totalumbau) ersetzt wurden. Wer vor den Bombennächten in die Frauenkirche oder in den Lübecker Dom ging, bekam weder hier Silbermann noch dort Schnitger zu hören, sondern eine Orgel von Walcker hier und eine von Jahn dort.

Das gegenwärtige Rekonstruktionsverlangen will also nicht die Kriegsfolgen überwinden, sondern den Geschmack der Epoche zuvor. Die Fragen lauten daher erstens: Warum sollte man das tun? Und zweitens: Wäre dies überhaupt möglich? Fängt man mit der zweiten Frage an, so zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede zwischen Dresden und Lübeck. Für eine Rekonstruktion des Schnitger-Instrumentes gibt es keinerlei Anhaltspunkte - weder in materiellen noch in dokumentarischen Spuren. Eine "Rekonstruktion" wäre reine Fiktion. Was in Lübeck vorgenommen werden soll, ist in Wirklichkeit eine "Klonierung"; nämlich, mit fast unwesentlichen Änderungen, der Nachbau der Schnitger-Orgel von St. Jacobi in Hamburg. Diese allerdings ist ihrerseits eine weithin getreue Rekonstruktion des ehemals dort bestehenden Originals. (Ein ähnlicher Klon der Schnitger-Orgel von St. Jacobi, Hamburg, steht inzwischen schon in Göteborg.) Die Frage, die sich hier stellt, ist im Grunde diese: Muss Hamburg es sich gefallen lassen, dass sein "Original" durch fortgesetztes Klonieren seiner Originalität beraubt wird?

Anders verhält es sich in Dresden - und mit Gottfried Silbermann. Hat man erst einmal den Registerplan, die Disposition einer (untergegangenen) Silbermann-Orgel vor sich, kann man mit einem Nachbau näher an das Original herankommen als bei jedem anderen Orgelbauer seiner Zeit. Denn Silbermann pflegte sich im Detail sozusagen selber zu "klonen". Hatte der Freiberger Orgelbauer für ein Problem, für ein Regis-ter und seine Mensur und für Klanggruppen innerhalb des Instrumentes seine Lösung gefunden - dann baute er sie praktisch von Mal zu Mal nach. Er war von der Richtigkeit seiner Bauweise so überzeugt, dass er es rundheraus ablehnte, jemals an Orgeln anderer Erbauer bessernd und verändernd herumzuwerkeln; er verwendete auch nie Register aus Vorgängerinstrumenten in den seinen. Er baute also entweder "sein Ding" - oder gar nicht. Das heißt nun nicht, dass deswegen schon absolute Kopien untergegangener Instrumente möglich wären - aber denkbar wären immerhin sehr bemerkenswerte Annäherungen.

Dass die Wiederherstellung des Silbermann-Instrumentes in Dresden weitgehend möglich wäre, heißt natürlich noch nicht, dass man sie anstreben müsste. Warum also sollte man? Gewiss nicht nur deshalb, weil die Initiatoren des dortigen Neubaus dies zunächst selber lauthals versprochen hatten, um später abzuschwenken in Richtung auf eine "moderne Orgel im Geiste Silbermanns", was eine Augenwischerei ersten Grades wäre, ein eklatanter Widerspruch in sich selbst und wichtige Geldgeber verschreckte, auch zum weltweiten Protest prominenter Musiker und Orgelbauer führte.

Wer für den größtmöglichen Rückgriff auf Silbermann plädiert, muss allerdings über beides sprechen, über den Verlust wie über den Gewinn an musikalischen Möglichkeiten. Zunächst zum Verlust: Wer eine Silbermann-Orgel in Disposition und historischer Temperatur nachbauen will, kann auf einem solchen Instrument das Repertoire nach der Frühklassik nicht spielen. Silbermanns Orgeln waren auf eine für ihn typische Weise "mitteltönig" gestimmt; das heißt, dass bestimmte Intervalle wunderbar rein klingen, dass aber die Halbtonschritte der Tonleiter ungleichmäßig sind und dass deshalb die Tonarten, je weiter man sich in Quintenzirkeln von C-Dur entfernt, erst charakteristischer, dann aber regelrecht schräg klingen. Anders verhält sich dies bei der "gleichschwebenden" modernen Stimmung, bei der jeder Halbtonschritt um ein so geringes Maß "falsch" gestimmt, nämlich verkleinert ist, dass es das "normale" Ohr nicht wahrnimmt. Die Mitteltönigkeit bedeutet eine gravierende Beschränkung der Möglichkeiten. Man kann eine solche Orgel zudem bei Oratorienaufführungen und Konzerten mit Orchester nicht einsetzen. Das wäre in der Frauenkirche kein Verlust, weil dies dort selbst mit einem modernen Instrument unmöglich wäre - die Orgel steht 18 Meter über allen anderen Musikern; die Schallverzögerung schließt jedes exakte Zusammenspiel aus - und bei Oratorien verwendet man sowieso ein kleines Positiv im Orchester.

Aber nun zum Gewinn: Wie eine Orgel Silbermanns wirklich klingt, erfährt man erst, wenn das Instrument auf seine Weise mitteltönig gestimmt ist. Silbermann hatte diese "Temperatur" in sein Klangkonzept gewissermaßen integriert und sich gegen andere Stimmungsmodelle schon in seiner Zeit (wenn man will: durchaus konservativ) verwahrt. Die Musik, die auf Silbermanns Orgeln gut klingt, klingt erst mitteltönig richtig schön, wenn auch für unsere "modernen" Ohren zuweilen fremd. (Zur Not könnte man sich allerdings auf eine modifizierte Mitteltönigkeit einigen.)