Die Bibel lebt auf Alpha plus

Der Bayerische Rundfunk leistet sich in seinem Digitalprogramm eine ungewöhnliche Religionssendung. Und eine einzigartige Moderatorin: Ruth Lapide von Katrin Wilkens

Zuweilen kommen die Männer nicht gut bei ihr weg. Adam zum Beispiel, der erste Vertreter der Spezies Biertrinker, Playboy-Leser und Schumi-Gucker, ist in ihren Augen ein unkooperativer, mürber, lethargischer Mit-Esser. So. Und Ruth Lapide ist keine von diesen emanzipierten Pluderhosen, die einfach mal aufs Geratewohl hin männermordet. Ruth Lapide begründet: Na, schauen Sie sich doch mal diesen Adam an, er lässt sich von einer einzigen Frucht betören. Fragt nicht nach, sondern kaut stumpf das ihm Gereichte. Fast könnte man meinen - so wie sie über Adam redet -, Frau Lapide hätte den Leidgeprüften schon bei sich auf der Fernsehcouch gehabt.

Ruth Lapide ist theologische Historikerin, jüdische Bibelforscherin, religiöse ... Damit fängt es schon an, unterbricht sie, in der jüdischen Lehre kennt man den Theologen als Wissenden von Gott nicht. Was wir von Gott wissen, geht auf eine Briefmarke. Ich hab in Jerusalem die Geschichte des zweiten Tempels studiert. Frau Lapide studiert also das Alte und das Neue Testament, was insofern außergewöhnlich ist, als dass die meisten Theologen sich entweder auf das eine oder auf das andere beschränken, ergo entweder jüdisch oder christlich argumentieren.

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Schnickschnack, sagt Ruth Lapide. Das Neue Testament ist nur zu lesen, wenn man das Alte auch verstanden hat, schließlich zitiert das Neue Testament 456 Stellen des Alten.

Eine 30-Minuten-Sendung für biblische Übersetzungsfehler

Sie lässt sich schwer in eine Schublade stecken und macht für vielschichtige Menschen etwas völlig Paradoxes: Fernsehen. In diesem Medium, in dem jeder ein Image, ein Profil, eine personality braucht - möglichst einfach gestrickt -, muss Ruth Lapide die Rolle der Theologin einnehmen und zeigen, dass Religion und Fernsehen kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Die Geschichten des Alten Testaments eignen sich hervorragend zum Senden. Weil sie in ihrer Alterslosigkeit unverwüstlich sind. Weil sie auf jeden zutreffen. Weil sie spannend sind. Also ist Frau Lapide Theologin. Aber keine, die im Bibel-TV Spielfilme anmoderiert, wo alte Männer mit weißem Bart beschriebene Schiefersteinplatten abholen, keine, die beim Wort zum Sonntag so lind-lau lispelt, dass man ihr nur mit Bachblütentee lauschen mag. Ruth Lapide versteht man auch ohne Bachblüten.

Und mit den Privaten hat sie sowieso nix am Hut, ihr Haussender ist der Bayerische Rundfunk. Auf dem Digitalkanal BR alpha ist sie regelmäßig als Religionswissenschaftlerin präsent. Und was für deutsches Fernsehen so verwunderlich und selten ist wie ein Reicher im Himmel oder ein Kamel im Nadelöhr: Frau Lapide ist weder betulich noch klebrig und liebreizend hold.

Auch der von solchen Frauen oft getragene Wickelrock fehlt ihr völlig. Ihre Stimme ist nicht friedlich und im Unter-uns-Pfarrerstöchtern-Timbre. Sondern laut. Stark. Schrill. Ihre Kleidung: ein rotes Kostüm. Lippenstift. Schmuck.

Leserkommentare
  1. Wer sich kritisch mit Sinn und Wahrheit von Altem und Neuen Testament und ihrer Auslegung befasst, der ist, wie die meisten von uns, auf deutsche Übersetzungen als Grundlage für seine Arbeit angewiesen ist.

    Demzufolge muss er unterm Strich allerdings eingestehen:

    Er liest (und versteht) immer nur die deutsche Übersetzung der lateinische Übersetzung der griechischen Übersetzung der hebräisch/aramäischen Übersetzung: Luther, Vulgata, Septuaginta, Pentateuch.

    Daraus folgt nach dem Prinzip der "Stillen Post", dass wir in großen Teilen genötigt sind, mehr die Übersetzer und ihre Übersetzungsfehler zu rezipieren, als das, was die Autoren ursprünglich gemeint hatten.

    Was wir also "wirklich" lesen bzw. verstehen, ist eine Grundsatzfrage, der sich kein kritisch lesender Christ entziehen kann.

    • dlv
    • 30. November 2010 22:58 Uhr

    Es ist höchste Zeit, dass jemand wie Frau Lapide die gefärbten Übersetzungen des Tanach und des neuen Testamentes sowie die damit einhergehenden falschen Glaubenstraditionen öffentlich in Frage stellt.

    Wie sie in einer Sendung sagte, soll man selbständig denken (lernen). Dass das wenigen gelingt, macht die Verantwortung der "Schriftgelehrten" umso größer. Da diese wiederum selber Gott und Seine Wege immer wieder neu suchen müssen, bleibt nur, möglichst viele auf diese Suche anzusetzen.

    Ansonsten bleibt nur: Das zu leben, was man als richtig zu erkennen glaubt, und sehen, ob es Gott gefällt.

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