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Die neue Bürgerlichkeit

Mehr Lebensstil als Besitz, mehr Ehrgeiz als Herkunft: Die Deutschen suchen das Bourgeoise

Die Formen werden wieder gewahrt, jedenfalls immer öfter. Wer mit Genuss und Gewinn etwas von Goethe gelesen hat, wird auch nicht mehr wie ein Außerirdischer behandelt. Da und dort kehrt zögerlich ein gewisser Komment zurück, vielleicht nicht gerade unter den Kids, aber doch unter jüngeren Leuten. Die Krebsgabel wird nicht länger als ein kleiner Rückenkratzer bestaunt. In Berlin sind klassizistische Villen beliebt, die mit Holz und Plüsch ausgestattet sind wie in den dreißiger Jahren. Amerikaner nennen das "Eva Braun Style". Das bürgerliche Lebenspathos meldet sich zurück, und mancher Zeitgenosse führt sich schon auf wie Thomas Mann, der größte Bürger und größte Bürgerparodist zugleich. Da ist inzwischen viel unfreiwillige Komik im Spiel, aber möglicherweise tut sich ja etwas Ernsthaftes.

Wirklich augenfällig wird es bei den Kindern. Nachwuchs ist in Deutschland zu einem knappen Gut geworden, und mit der Kinderlosigkeit lastet die Zukunft immer schwerer auf dem Gewissen. Sämtliche Experimente sind gescheitert, durch eine bestimmte Erziehung die Gesellschaft zum Guten hin zu steuern. Die zähe, wahrscheinlich immer währende Grundangst der Deutschen, ob vor Arbeitslosigkeit, Klimakatastrophen oder vor vergiftetem Essen, nährt sich unter anderem auch aus der Furcht vor dem demografischen Vermickern.

Der Mythos des Beständigen

Folglich wird die Familie seit geraumer Zeit wieder heilig gesprochen. Scheidung oder Ehebruch müssten eigentlich brisante gesellschaftliche Themen sein. Sind sie aber nicht, denn im erotischen Ernstfall möchte niemand auf die Freiräume einer laxen Sexualmoral verzichten. Die kulturelle und gesellschaftliche Liberalisierung nach 1968 droht nicht umgedreht zu werden, obgleich man doch gegen ihre Auswirkungen rebelliert. Das sind so kleine Widersprüche, welche die Rückkehr des bürgerlichen Habitus begleiten - an denen man seine Konjunktur aber auch ablesen kann.

Verschiebungen innerhalb der Werteskala gibt es: Erziehung und Bildung stehen viel höher im Kurs, als es die praktizierte Politik wahrhaben möchte. Nachdem er in den Siebzigern die Beglückungsattitüde überstrapaziert hatte, übt sich der Staat, was Erziehungsfragen betrifft, seit geraumer Zeit eher in Neutralität. Das gefällt vielleicht Liberalismustheoretikern, funktioniert aber in der Gesellschaft nur bedingt. In Wirklichkeit besteht ein enormer Bedarf an Orientierung.

Die endlosen Debatten über die richtige Schule rühren daher: Strenge Gymnasien stehen hoch im Kurs, Gelehrtenschulen und Internate, die damit werben, keine Konzessionen an den Zeitgeist zu machen. Kinder kommen in den Genuss einer sonderbar späten Taufe, weil Taufe die Minimalvoraussetzung für den Besuch einer konfessionellen Schule ist. Wer auf sich hält, zahlt wieder Kirchensteuer und redet nicht länger despektierlich über den Papst. Nach der Sozialethik der Kirchen zu leben käme ihm dennoch nicht in den Sinn. Am Ende ist die Karriere wichtiger.

Aus vielen kleinen Partikeln entsteht ein Mosaik des Neubürgerlichen, auch wenn dessen Konturen noch unbestimmt sind und vieles nicht zueinander passen will. Es ist mehr eine lebensweltliche Bastelarbeit im Gang als ein mit Ideologie beschwertes Projekt. Mit einer Rückkehr des "Konservativen" hat das nichts zu tun, die kleinen bourgeoisen Metamorphosen spielen sich in gemäßigten, oft in ehemals als "links" sich verstehenden Milieus ab. Besitz und Bildung sind keine anstößigen Angelegenheiten mehr. Sie sind sogar Gegenstände einer erstaunlich zutraulichen Idealisierung, und viele möchten daraus am liebsten "echte Werte" ziehen - während sich doch solche schon in Robert Musils Roman DerMann ohne Eigenschaften in saturierte Ironie aufgelöst hatten. Ein naives Zurück zu besitz- und bildungsbürgerlicher Selbstgerechtigkeit ist undenkbar. So einfach geht das nicht.

Thomas Mann hat einige Jahre nach Musil ein Porträt der Bourgeoisie als abdankende Klasse gezeichnet: Im Doktor Faustus erweist sich das deutsche Kulturbürgertum nur als allzu willfährig gegenüber den Neuen Tafeln des Bösen, sodass es am Ende zu Recht mit Hitler unterging. Die DDR stattete es nach 1945 immerhin noch mit einem Begräbnis erster Klasse aus, in der Bundesrepublik dagegen erstickte es in den Fress- und Reisewellen der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft". Am Schluss wurde es von den Achtundsechzigern in die Grube getreten. Der Bürger: ein Täter und Kollaborateur, im besten Fall ein politischer Quietist, im Privaten ein Gimpel. Man müsste das Imperfekt schon tief raunend beschwören, um das Bürgerliche in Deutschland in all seiner schillernden Pracht wiederzubeleben. Als politische Einflussgröße hat es sich verflüchtigt - als Selbstverständigungsbegriff für eine klar umrissene soziale Schicht taugt es nicht mehr. Nur in der Lebenskultur hat offenbar eine Vorstellung davon überwintert.

Das Bürgerliche als Orientierungsmarke unter heutigen Umständen ist nicht dasselbe wie die Lebensweise des Mittelstandes - und schon gar nicht, was die CDU zur Stammwählermobilisierung darunter versteht. Es ist eine in der kollektiven Seele der Deutschen ihr Wesen treibende Lieblingsidee, der Mythos des Beständigen und Gemäßigten einer Nation, die durch die Zeitläufte brauste oder stolperte oder getrieben wurde wie das Vieh. Es umreißt eine Lebensform der langen Dauer, elegisch umwölkt, weil gescheitert in seiner ideologischen Überhöhung - als Alternative zu Kapitalismus und proletarischer Diktatur -, und zwar immer wieder aufs Neue, nach den Kriegen, den Währungsschnitten und den Kulturrevolutionen.

Offensichtlich ist auch etwas anderes im Gang als eine bloße Verstetigung der von Hans Magnus Enzensberger beschriebenen Haltung bundesrepublikanischer Normalität. Für Enzensberger hieß sie Kleinbürgerlichkeit: Wir alle stellen gleichsam den gebremsten Schaum des freiheitlichen Rechtsstaats dar, mit unseren gebrochenen Leidenschaften und unserem gezügelten Ressentiment. Im Unpathetischen, Unspektakulären spiegelte sich für Enzensberger ein Dasein, das entlang demokratischer Prozeduren und vernünftiger Gesetze gelebt wurde. Im Kleinbürgerlichen bestand die wahrhafte verfassungspatriotische Lebenspraxis. Damals erschien das Private als miniaturisiertes Abbild der stabilen bundesdeutschen Demokratie.

O ja, Enzensberger war wirklich enthusiasmiert von diesem Gedanken, aber es ist wenig wahrscheinlich, dass er es heute noch genauso sieht. Wie man sein Leben auffasst, steht inzwischen nicht mehr in strikter Entsprechung zu einem von Experten gehegten Leitbild von öffentlicher Existenz. Wenn es Veränderungen gegeben hat, dann in der Ausweitung des Privaten als Raum der Daseinsorientierung, als Bereich, in dem Verpflichtungen eingegangen und wieder gekündigt werden, unabhängig davon, welches Verhalten einem die öffentliche Institutionenordnung sonst noch abverlangt.

Deswegen umreißt das Neubürgerliche auch nicht mehr die Identität einer Klasse. Es zeigt sich nicht in einer genau abgrenzbaren sozialen Schichtung. Soziologen verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass Wertüberzeugungen und Milieus auseiandergetreten sind. Selbstverständlich existieren noch erzbourgeoise Kreise, doch werden sie nicht notwendigerweise vom klassischen bürgerlichen Wertekanon zusammengehalten. So hat sich beispielsweise die FDP auf Gutsituierte kapriziert, die das Bürgerliche gleichsam in der Schrumpfform leben, nämlich extrem individualistisch und selbstverwirklichungsorientiert.

Jenseits dessen werden alte bürgerliche Tugenden wie Gemeinsinn, Persönlichkeitsbildung, ästhetische und moralische Sensibilität von Gruppen angenommen, die man als gesellschaftliche "Zerfallsprodukte" bezeichnen kann: von Resten der früher sozialdemokratisch geprägten Facharbeiterschaft oder den Angestellten. Dazu kommen neue Milieus wie die Dienstleisterkaste der Medienwirtschaft und der IT-Industrie oder das Aufsteiger-Unternehmertum ohne Traditionsverpflichtung, wozu auch das höhere Management von Banken und Konzernen gehört. Das Neubürgerliche ist nur wenig festgelegt; unterschiedlichste Milieus können es adoptieren, aber auch wieder verstoßen.

Eine Gesellschaft von Erben

Solche Beobachtungen werden durch etwas erhärtet, das Folge der verformten deutschen Alterspyramide ist: Die Generation, die heute gesellschaftliche Verantwortung zu tragen beginnt, die zu einem Gutteil das Sozialprodukt erwirtschaftet, Familien gründet und durch ihre Nachfrage die Binnenkonjunktur stabilisiert, macht als erste Generation nach dem Krieg in Deutschland die Erfahrung von Kontinuität. Weder ist der Russe gekommen, noch die Ökokatastrophe eingetreten; weder RAF noch Neonazis haben die Republik okkupiert; die Deutschen sind auch nicht die Opfer eines atomaren Super-GAUs geworden. Im kollektiven Unterbewusstsein sedimentiert sich Vertrauen, das Leben sei - jenseits der inzwischen routiniert bewältigten Medienapokalypsen - auf Dauer angelegt.

Für viele Jüngere ist gut Vertrauen haben. Das Erbschaftsaufkommen wird in den kommenden zehn Jahren um 92 Prozent steigen. Nicht weniger als 2,5 Billionen Euro wechseln im Trauerfall den Besitzer. Heute wird jeder Erbe im Schnitt mit 16 000 Euro begünstigt, aber schon 2010 wird es doppelt so viel sein: größere Vermögen bei schrumpfender Bevölkerung. Sich eines Besitzes zu schämen - verbreitet unter Achtundsechzigern - wird zu einer lächerlichen Attitüde angesichts der Verantwortung, die Arbeits- und Sparleistung der Altvorderen zu übernehmen, und zwar unverdient.

Solche Verschiebungen sind es, die unterhalb der Politik das gesellschaftliche Klima beeinflussen werden. Die eiserne bundesrepublikanische Klammer zwischen Wohlstand und Meriten rostet weg. Auch wer keinen Finger rührt, kann ein Auskommen haben, Kuponschneiden statt Sozialhilfe. Viele aus der jüngeren Generation haben das zu erwartende Erbe bereits in ihr Lebenskonzept eingepasst. Es lassen sich lang gehegte Pläne realisieren, worunter häufig die Flucht aus einer Angestelltenexistenz in eine unabhängige Tätigkeit gerechnet wird. Die Theater, die Filmbranche, das TV und auch die Zeitungen leben geradezu von der Arbeit nach Sinn suchender Sinnproduzenten. Die kommen mit schlechten Honoraren zurecht, weil sie finanziell unabhängig sind. Mit ererbtem Geld können auch Familien unter den Bedingungen von Freiberuflichkeit versorgt werden, und das Bild vom Single, der alles in Marbella verjuxt, wird eine kulturpessimistische Angstvision bleiben.

Das neue Selbstbewusstsein einer ökonomisch und kulturell einflussreichen Schicht wird in den kommenden Jahren die Hierarchien in Betrieben und Institutionen aushöhlen. Das wird Umgangsformen und Machtverhältnisse der Arbeitsgesellschaft berühren. Ein Selbstversorger versteht sich nicht mehr zuvörderst als Dauerkunde des Sozial- und Verbändestaats. Was er seinem Verständnis nach sei, beantwortet sich nicht mit dem Hinweis auf Firma, Gewerkschaft, Partei oder Konfession, sondern ist Resultat einer Selbstdefinition. Das Bürgerliche bedeutet ja im Augenblick vor allem dieses Anwachsen gesellschaftlichen Eigensinns. Und wo die einen nur Privatismus erkennen und den Verlust republikanischer Tugend anmahnen, löst sich der gern beschworene Gegensatz zwischen Individualismus und Gemeinwohlorientierung langsam, aber beharrlich auf. Dass aber aus dem selbst designten Bürgertum nach dem Ende der New Economy eine neue Gründergeneration hervorgehe, ist eine Wunschvorstellung. Schon der Ökonom Joseph Schumpeter hielt von den Erben nicht viel. In seinen Augen haben sie "mit der Beute nicht auch die Klauen geerbt". Der Vermögenstransfer stärkt keineswegs die unternehmerische Energie. Vermutlich wird dem Wirtschaftskreislauf in Zukunft viel Kapital entzogen werden, weil es zur Sicherung individueller Unabhängigkeit dienen muss.

Die Moral wird individuell

Mit einer relativ breiten Schicht, die über ererbten Besitz verfügt und über Bildung als Hinterlassenschaft einer problematischen, aber wirkungsmächtigen Bildungsreform, wird eines Tages auf unerwartete Weise ein anderes Problem zurückkehren: das Problem der sozialen Ungleichheit. Denn wenn die Generationenbilanz der gegenwärtigen Politik so katastrophal ausfällt wie befürchtet und sich Renten- und Sozialversorgungssysteme in der bestehenden Form nicht aufrechterhalten lassen, wird es irgendwann politische Ratlosigkeit auslösen, dass eine ansehnliche Zahl davon gar nicht betroffen ist. Die Jüngeren werden sich nicht an den Alten reiben, weil die ihre Aufstiegs- und Versorgungschancen zunichte machen. Die Bruchlinie wird vielmehr zwischen jenen verlaufen, die ihr Leben in Selbstbestimmung und Selbstverantwortung organisieren können, und jenen, die mehr denn je auf staatliche Politik und staatliche Förderung angewiesen sind.

Die Frage ist also, ob eine runderneuerte bürgerliche Haltung eines Tages hinreichend Kraft entwickeln kann, um solche Schieflagen auszugleichen. Dazu müsste sie mehr sein als ein täppisches, vor Freunden und Nachbarn aufgeführtes Theater der Wohlerzogenheit. Vorläufig hat die Renaissance mehr mit praktischer Lebensbewältigung zu tun, mit dem Anspruch auf ein Dasein jenseits halsbrecherischer Lebensexperimente. Wer sich bürgerlich geriert, signalisiert, dass er sich Grenzen setzen kann, Grenzen des Konsumismus, des Genusses, der Sexualität. Das zeigt ein Bedürfnis nach Moral an, aber die Moral besteht nicht mehr in einem verlässlichen Koordinatensystem aus Erlaubtem und Untersagtem. Beschränkungen des eigenen Handelns zu entwickeln und zu begründen wird zur Sache des Einzelnen. Entgegen der Vermutung droht Moralität keineswegs zu verdampfen. Nur muss sich die Person das normative Gerüst selbst zimmern, in dessen Rahmen sie leben will. Darin steckt auch Rebellion: Man ist ja in Wirklichkeit nicht jener spaßgesellschaftliche Depp, der zu sein einem der Chor aus People-Presse, konservativer und linker Kulturkritik einredet.

Daraus geht keine neue "Identität" hervor, und Versuche, eine solche auszurufen und mit Schlagworten wie "Neue Mitte" zu verknüpfen, sind ja aufgegeben worden. Der neubürgerliche Habitus ist nichts Homogenes. Er ist zum Leidwesen der politischen Parteien hinsichtlich seiner Interessen auch nicht genau ausrechenbar. Vielleicht ist es ein Zeichen der Dämonie des deutschen Bürgertums, dass es sich mit dem eigenen Ende niemals abfindet. Vielleicht zeigt sich aber etwas anderes: wie man souverän über die Freiräume der Modernisierung verfügt und Verwestlichung nicht als Vergewaltigung erfährt. Das wäre neu in Deutschland.

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  • Von Thomas E. Schmidt
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