I N V E S T I T I O N Auf zu neuen Wohltaten
Ethische Geldanlage will gutes Gewissen und ordentliche Rendite vereinen. Doch die Sparer ahnen selten, nach welchen Prinzipien ihr Vermögen wirklich verwaltet wird
Ethik sei ihnen wichtig bei der Geldanlage, behauptet fast die Hälfte der Deutschen. Das hat Kirein Franck vom Imug-Institut an der Universität Hannover bei einer Untersuchung herausgefunden. "Nach Angaben von Bankberatern fragen aber nur zwei Prozent der Kunden tatsächlich selbst nach solchen Angeboten", sagt er. Anders sieht es lediglich aus, wenn die Kunden am Bankschalter ausdrücklich auf solche Investitionsmöglichkeiten hingewiesen werden. "Plötzlich sind rund 50 Prozent der Befragten bereit, zumindest Teilbeträge nach sozialen oder ökologischen Kriterien anzulegen", sagt Franck.
Vielleicht liegt es daran, dass kaum jemand genau weiß, was ethisches Investment genau ist. "Ethik ist ein interpretationsbedürftiger und moralischer Begriff, unter dem jeder etwas anderes versteht", stellte sogar das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen fest, als es einem "Ethik-Fonds" die Zulassung in Deutschland verweigerte. Seitdem kommen die meisten solcher Anlageprodukte aus Luxemburg. Um den Begriff "Ethik" zu vermeiden, benutzen die Anbieter inzwischen lieber andere Bezeichnungen. "Öko" zum Beispiel, aber auch das Etikett "Nachhaltigkeit" - auf Englisch "sustainability". Das ist zwar kaum weniger schwammig, klingt aber besser. Investiert wird nur in Unternehmen, die sich umweltfreundlich und sozial angemessen verhalten.
Im internationalen Vergleich schneidet der heimische Markt für ethische - oder nachhaltige - Investitionsmöglichkeiten schlecht ab. Während in den Vereinigten Staaten zwischen 10 und 13 Prozent der Fondsvermögen nach ethischen Gesichtspunkten angelegt werden, sind es in Deutschland gerade mal 0,7 Prozent. Rund 2,45 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr. "Eine ganz kleine Marktnische", sagt Kirein Franck. Dennoch wächst das kleine Segment beständig: Noch zwei Jahre zuvor steckten nur 600 Millionen Euro in ethisch verwalteten Fonds.
In den Vereinigten Staaten hat die Idee, Geld nach moralischen Kriterien zu verwalten, eine lange Tradition. Dort legten schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Methodisten und Quäker gemäß ihrer religiösen Grundhaltung das Vermögen nicht in so genannten sin stocks an - Sündenaktien. Zu diesen geächteten Papieren gehörten Anteilsscheine von Alkohol- oder Waffenherstellern. Ebenso verpönt waren Casino- und Glücksspielbeteiligungen. In den sechziger Jahren kamen mit der wachsenden Bürgerbewegung in den USA ökologische, feministische und pazifistische Aspekte auch bei Investitionen zum Tragen.
1971 schließlich wurde der erste ethische Fonds, der Pax World Fonds, aufgelegt. In den vergangenen zehn Jahren erwirtschaftete dessen Management eine durchschnittliche jährliche Rendite von 9,85 Prozent. Zum Vergleich: Der herkömmliche Index Standard & Poor's 500 kam im selben Zeitraum auf 12,9 Prozent Wertzuwachs. Auswertungen von britischen Fondsdaten zeigen zudem, dass in Europa nach ethischen Grundsätzen gemanagte Fonds kontinuierlich Geld zufließt. Deutlich regelmäßiger als beispielsweise bei Fonds aus dem High-Tech-Sektor, deren Zuflüsse stark schwanken.
Auch die Banken haben inzwischen das Marktpotenzial des ethischen Investments erkannt und bieten ihren Kunden eine ganze Reihe verschiedener Produkte an. Die Nachfrage ist da, sind sie sich sicher: "Mittlerweile interessieren sich dafür ganz normale Anleger, die als Miteigentümer auch eine Mitverantwortung übernehmen wollen", sagt Andreas Knörzer, Leiter des Bereichs Sustainable Investment bei der Schweizer Bank Sarasin. Um für ihre Kunden ethisch korrekte Investitionsmöglichkeiten zu finden, können Banken und Fondsgesellschaften nach zwei Methoden vorgehen: der Negativliste und dem Best-of-Class-Ansatz.
In einer Negativliste werden klare Ausschlusskriterien festgelegt, die ein Investment zum Beispiel in Rüstungsbetriebe oder Kondom-Produzenten verbieten. Allerdings reduzieren sich auf diese Weise die Zahl der infrage kommenden Unternehmen und der Spielraum der Fondsmanager.
Der Best-of-Class-Ansatz hingegen lässt den Aktienkauf von Unternehmen zu, die innerhalb ihrer einzelnen Branchen zu den ethisch, ökologisch oder sozial führenden Unternehmen gehören. "Unter den Blinden ist der Einäugige König", beschreibt Steffen Jörg das Prinzip des Best-of-Class-Ansatzes. Jörg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Siegburger Südwind Institut. Die Nichtregierungsorganisation beschäftigt sich mit Entwicklungspolitik. Nach dem Best-of-Class-Ansatz kann es also gut sein, dass sich in derartigen Fonds die Wertpapiere von Royal Dutch finden, einem der größten Erdölkonzerne der Welt. Allein aus dem Grund, weil Royal Dutch bei der Erdölförderung geringere Umweltschäden als seine Konkurrenten verursacht. Nach Lesart der Fondsmanager gilt das bereits als "ökoeffizient".
"Das ist kein Widerspruch", sagt Reto Ringger, Geschäftsführer der Schweizer SAM Sustainable Asset Management, einer Vermögensverwaltung, die Fondsgesellschaften bei Fragen rund um nachhaltiges Investment berät. "Gerade in den schmutzigen Branchen ist der Einfluss besonders positiv, wenn sich Unternehmen nachhaltig ausrichten."
Ein Problem beschäftigt die ethischen, ökologischen oder sozialen Investments gleichermaßen: ihr Alter. Die meisten Produkte sind noch nicht lange genug auf dem Markt, als dass Anleger ihre Chancen und Risiken auf lange Sicht bewerten könnten. Große Investoren greifen aber erst zu, wenn sie sichere Daten zur Verfügung haben. "Für die meisten der ethisch-ökologischen Fonds liegen keine Zehnjahresdaten vor", sagt Franck.
Stärkere Impulse erhofft sich die Branche durch die Vorschriften der Riester-Rente in Deutschland. Denn egal ob Lebensversicherer oder Fondsgesellschaft - die Produkte werden nur dann staatlich gefördert, wenn offen gelegt wird, ob und wie sie ökologische, soziale und ethische Belange berücksichtigen. Das Kalkül: Wenn sich die Menschen ohnehin intensiv mit ihrer Altersversorgung beschäftigen müssen, dann werden sie sich auch fragen, wie eigentlich das Geld arbeitet, von dem sie später leben wollen.
Darauf setzen unter anderem die IG Metall und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Die von beiden Organisationen gegründete Gesellschaft Metallrente nutzt den Begriff der Nachhaltigkeit ganz bewusst für ihre Riester-Produkte. Ethische Prinzipien sollen bei der Anlagestrategie berücksichtigt werden. Wie genau das aussehen soll, ist allerdings nicht festgelegt. "Wir verzichten bewusst auf einen eng gefassten Kriterienkatalog", sagt Heribert Karch, Geschäftsführer der Metallrente. Vielmehr werde ein Beirat jährlich prüfen, ob von einem finanziellen Engagement in bestimmten Fällen abgesehen werden soll. Im Übrigen sei die Anlagepolitik dann Sache der Vermögensverwalter. Dass ein Aktien-Investment von vornherein von altgedienten Gewerkschaftlern als unethisch abgelehnt wird, glaubt Heribert Karch indes nicht: "Die Metallrente ist weitgehend frei von ideologischen Hypotheken. Da spielen Gegensätze von Arbeit und Kapital keine Rolle", sagt er. Für die Versicherten stehe schließlich die erwirtschaftete Rendite der Anlagen im Mittelpunkt. Dem stünde eine Berücksichtigung von ethisch-sozialen Kriterien nicht entgegen.
Auf dem deutschen Markt gibt es mit der anthroposophisch orientierten GLS Gemeinschaftsbank in Bochum und der Frankfurter Umweltbank zwei Geldinstitute, die ihren Kunden vom ethischen Tagesgeldkonto über zinsgünstige Kredite für ökologisches Bauen und bis hin zum Umweltfonds alles anbieten, was das Anlegerherz begehrt. Zahlreiche Versicherer bieten ethisch-ökologische Lebensversicherungen an. Mittlerweile sind rund 40 entsprechende Fonds in Deutschland erhältlich. Geprägt sind sie meist vom Umweltgedanken, der sich seit den ersten, frühen Investitionen in Windkraftanlagen erhalten hat.
Auch die Kirchen bieten ethische Investitionsmöglichkeiten. Vor 27 Jahren gründete der Weltkirchenrat die internationale ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Anfangs belächelt, gehört Oikocredit heute mit einem Kapital von 160 Millionen Euro zu den größten ethischen Investmentfonds in Europa.
Für maximal zwei Prozent Dividende auf das angelegte Geld dürfen die Anleger entscheiden, wo investiert wird. Dabei werden nicht bestimmte Branchen gemieden, sondern anhand von Positivkriterien sinnvolle Projekte gefördert. "Nicht Spenden, sondern faire Kredite" lautet das Motto. Das Anlagekapital wird als zinsgünstiges, langfristiges Darlehen in armen Ländern vergeben - an Einzelpersonen, Genossenschaften und kleine Unternehmen, die bei den lokalen Banken nicht als kreditwürdig gelten.
Die Rückzahlungsquote der Kredite liegt bei rund 90 Prozent. Wenn Kreditnehmer ihre Schulden nicht begleichen könnten, liege das fast immer an äußeren Einflüssen, sagt Ulrike Chini vom Oikocredit-Förderkreis in Bonn. "Naturkatastrophen wie der Hurrikan Mitch in Mittelamerika oder die Finanzkrise in Asien bewirkten, dass etliche bis dahin zuverlässige Kreditnehmer zumindest zeitweise nicht mehr zahlungsfähig sind." Die Investition in faire Kredite hat ihren Preis - auch für die Anleger. Bei Oikocredit war die Dividende in den Jahren 1999 und 2000 auf ein Prozent gesunken. Im Jahr 2001 wurden allerdings wieder zwei Prozent ausgeschüttet - für den deutschen Förderkreis rund eine Million Euro.
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