A R C H I T E K T U R Theater in Gold und Lila

In Leuven wurde ein großartiges Kulturzentrum eröffnet, gestaltet von den behutsam- verrückten Architekten Neutelings und Riedijk aus Holland

Gepflegte Exzentrik ist vielleicht das auffälligste Charakteristikum niederländischer Architektur in den neunziger Jahren. Eine ganze Anzahl jüngerer Planer versuchten sich in ihren Bauwerken gegenseitig zu überbieten. Und immer, wenn Investoren, Baubeamte und Nutzer dachten, es ginge nicht mehr verrückter, wurde gleich ein noch kühneres Unternehmen konzipiert. Auch das Büro von Willem Jan Neutelings und Michiel Riedijk ist mit einer Reihe solcher Stil-, Form- und Fassadenexperimente bekannt geworden. Vor allem ihr Minnaert-Physikinstitut der Universität Utrecht sorgte für Aufsehen: ein auf dem Gras ausgestreckter Panzerkreuzer, dessen skulpturale Form mit orangerotem Spritzbeton überzogen ist, unter dem sich schlängelnde Wulste aufwerfen. Fassade und Inhalt, das geben die Planer unerschrocken zu, haben sich in diesen Projekten voneinander entfernt. Während man daher im Inneren solcher Bauten so manchen Umweg in Kauf nehmen muss, stimmen zumindest die äußeren Effekte: Das heiße Modethema "Branding" führen Neutelings Riedijk zur Perfektion. Ihre wiedererkennbaren Solitäre werben für den Auftraggeber und ebenso für die Architekten.

Mit dem Kulturzentrum STUK in der flämischen Universitätsstadt Leuven sind Neutelings Riedijk nun vorerst am Ende der gebauten Scherze angelangt. Hier wird eine andere Seite ihrer Entwurfsarbeit betont, die den Planern zwar nie wirklich fremd war, aber durch spektakuläre Aufträge bisher im Hintergrund stand: kreatives Weiterdenken einer vorhandenen Situation, Einfühlungsvermögen, Denkmalpflege - Themen mithin, von denen man glaubte, sie würden von den turbomodernistischen Niederländern als unbedeutend angesehen. Nicht mit der Abrissbirne näherten sich die Planer dem späthistoristischen Bau des Laboratoire de Chimie Generale, sondern mit der Idee einer behutsamen Konversion, bei der ein Großteil der alten Bausubstanz weiterverwendet werden konnte.

Dabei war das Bauprogramm äußerst komplex und vielfältig. STUC, das war ein in den siebziger Jahren gegründetes Studentisches Centrum, welches schnell zu einer der wichtigsten Subkulturstätten der Stadt avancierte; Musik und Theater sind neben dem kommunalen Kino seine wichtigsten Pfeiler. Fast gleichzeitig wurde in Leuven das renommierte internationale Tanzfestival Klapstuk gegründet, das in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindet und seit geraumer Zeit eng mit dem Team des STUC zusammenarbeitete. Als sich daher die Möglichkeit bot, das leer stehende Chemielabor für Kulturzwecke zu besetzen, entschied man sich zur Fusion der beiden Institutionen. Aus Klapstuk und STUC wurde STUK, und die hufeisenförmig um einen Innenhof gelegenen Laborbauten verwandelten sich zu einer zehntausend Quadratmeter großen Kulturfabrik mit sechs Sälen, Proberäumen und Werkstätten - eine kompakte, meisterlich organisierte Anlage zum Preis von erstaunlich niedrigen sechs Millionen Euro.

Ein Kino ganz in Kunstleder

Zur Straße hin hat sich die Situation kaum gewandelt. Die Backsteinfassade nur gereinigt, ruht der viergeschossige Labortrakt am höchsten Punkt des Leuvener Arensberges, ein wenig zurückgesetzt von der Straße. Das Mäuerchen vor dem Haus ließen Neutelings Riedijk abtragen und ersetzten es durch riesige Lettern mit dem Namen der Institution. Im Souterrain des Altbaus, geöffnet durch große Fenster und Türen, liegt das zentrale Entree, in das der abgesenkte Vorplatz förmlich hineinfließt. Hier kommen alle Gäste und Künstler an, bevor sie weiter in die Tiefen der Anlage vordringen oder aber hinübergehen in den Hof, in dem sich Alt und Neu ganz nah kommen.

Während im rechten Seitenflügel ein historischer Hörsaal erhalten blieb und darüber die Werkstätten unterkamen, wurde ein zweiter Trakt abgerissen, an dessen Stelle jetzt wohl proportionierte Backsteinkuben lagern. Trotz der relativen Enge, die nicht zuletzt aus der schieren Wucht des rot leuchtenden Mauerwerks resultiert, ließen die Architekten immer wieder Durchblicke in die Nachbarschaft frei. Der große Theatersaal selbst, der das Hofquadrat schließt, schwebt wie eine Brücke über dem Durchgang zum zweiten Hof, einem hortus conclusus mit steiler Hanglage.

Unter dem Theater liegen auch die Zugänge zu den Sälen, in denen sich die Architekten als Innenausstatter ausleben konnten. Das Kino etwa wurde komplett mit schwarzem Kunstlederpolster ausgeschlagen, das - wie in den fünfziger Jahren - mit Nieten an der Wand befestigt ist. Im Musiksaal gestalteten Neutelings Riedijk mit goldenen Ziegeln, lilafarbenem Plafond und rotem Parkett eine fast kitschige Paradiesatmosphäre. Im Theatersaal schließlich dominiert der Sichtbeton, aufgelöst in ein rautenförmiges Relief von stoffartiger Textur und spielerischer Leichtigkeit. Sehr ungewöhnlich ist zudem, dass sich der Bühnenraum durch ein sechs auf zehn Meter großes Erkerfenster zum Innenhof öffnen lässt. Im Sommer kann man diesen Ausguck in einen Balkon verwandeln, und der umschlossene Platz im Zentrum des Ensembles wird zum Zuschauerraum unter freiem Himmel, die gesamte Kulturfabrik zum Theater. Fast liebevoll sprechen die Architekten davon, dass sie einen historischen Prozess wieder umkehren wollten: die Schauspielkunst, die sich im Mittelalter auf öffentlichen Märkten abspielte, spätestens seit dem 18. Jahrhundert aber in geschlossenen Räumen stattfindet, sollte zurück auf die Straße geholt werden.

Bei der Eröffnung des STUK ließ sich diese Idee erstmals ausprobieren, sogar das Außentheater auf dem Dach des Kinos wurde gleich bespielt. Und auch jene Teile, die dem Zuschauer gemeinhin verborgen bleiben, öffneten sich dem Publikum: eine autonome Stollenanlage aus Sichtbeton etwa, über die alle Gebäude für den reibungslosen Ablauf miteinander verbunden sind. Hier parken die Hubwagen, hier geht es zu doppelten Böden, Verschlägen und Schaltstellen, in denen der komplizierte Technikapparat des Hauses versteckt liegt. Diese Nagelprobe nahm die Organisatoren schließlich so sehr für die Architektur ein, dass sie auch bei beharrlichem Nachfragen keine negativen Seiten an ihrem neuen Haus finden konnten. Dass sich - ein seltener Fall - der öffentliche Auftrag zu einem wahrhaften Bauherrnglück entwickelte, liegt sicher nicht zuletzt daran, dass sich Neutelings Riedijk mustergültig auf die Potenziale des Vorhandenen eingelassen haben - allen Klischees der niederländischen Exzentrik zum Trotz, an denen sich die Architekten selbst immer wieder abarbeiten.

 
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