TRAUM Ich habe einen TraumSeite 2/2

Die Wüsten der USA sind die reine Geologie, in den arabischen Wüsten hingegen begibt man sich in die Tiefen der Zivilisation. Meine Vorliebe galt immer den anonymen, unpersönlichen amerikanischen Wüsten. Ihr Nichtkultiviertsein ist für mich ein Gegengewicht zur europäischen Zivilisation, eine totale Befreiung von diesem sehr überfüllten Europa voller kultureller und sozialer Referenzen, voller Geschichte und voller Landschaften. Im Traum von der Wüste gelingt es mir, die ganzen Komplikationen der Kultur hinter mir zu lassen. Interessanterweise verbinde ich mit der Wüste nur Positives und habe sie nie als Bedrohung gesehen. Es gibt natürlich die Vorstellung, sich zu verlieren, zu verschwinden, aber das ist ja gerade Teil des träumerischen Spiels, das vom Verschwinden handelt. Man verschwindet aus der Zeit, weil alles wirkt, als existiere es schon seit Ewigkeiten. Dabei geht es sicherlich auch um die Neugier darauf, wie die Welt aussehen könnte, wenn man selbst nicht mehr da ist. Man spielt die eigene Abwesenheit durch. Dieser Zustand oder dieses Spiel ist im Herzen der Zivilisation, innerhalb der Anforderungen des Alltags, sehr schwer herzustellen. Einsamkeit und Rückzugsorte haben da immer etwas mehr oder weniger Künstliches. Man kann zum Beispiel auch in dem, was man schreibt, verschwinden, im Fernsehen oder im Computer. In der Wüste hingegen muss ich die Einsamkeit nicht erst suchen, ich bin Teil davon. Ich bin auch nicht mit mir selbst allein, das wäre wieder die romantische, westliche Form der Einsamkeit. Nein, die Wüste ist für mich die klarste, schönste, hellste, stärkste Form der Abwesenheit. Genau darum geht es ja letztlich auch bei der Fotografie: Man verschwindet als Subjekt hinter dem Objektiv. Nur die Dinge sind noch da.

Die Welt ohne das eigene Ich, das könnte auch die Welt ohne die menschliche Spezies sein. Die Welt, bevor die Menschen sie betreten haben. Oder nachdem sie wieder von ihr verschwunden sind. In meiner Fantasie steht die Wüste für diese Vorahnung eines Planeten, der nicht mehr von Menschen bewohnt wird. Natürlich geht es dabei auch darum, der Verpflichtung zu entkommen, immer da und präsent zu sein, immer identifiziert werden zu müssen. Eine Befreitung von den anderen, die manchmal durchaus eine Last im Leben sind. In der Wüste bin ich da, aber es gibt niemanden, der mich ansieht, keinen Spiegel. Also habe ich auch kein Bild von mir und bin letztlich von mir selbst befreit.

Aufgezeichnet von Katja Nicodemus

 
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