Der Euro ist mir egal, dachte ich. Da stehe ich drüber. Zwei zu eins umrechnen, damit hat sich's. Worüber soll man da nachdenken, worüber reden?

Der Euro, das ist was für die Bild-Zeitung und die Kittelschürzenrentnerinnen. Ein Saure-Gurken-Thema wie das Ungeheuer von Loch Ness, Scharpings Badegewohnheiten und die Fußnägel der Jakob Sisters.

Von wegen. Jetzt, da ich ihn habe, hat er mich am Wickel, der Euro. Ich komme nicht damit klar. Mache dauernd Fehler, denke immer noch in D-Mark, lasse mich ködern und betrügen. Fingere an der Supermarktkasse in meinen Münzen herum wie ein Parkinson-kranker Greis, verrechne mich unentwegt, lasse mich von den niedrigen Summen täuschen, kaufe weit über meine Verhältnisse und muss ein ums andere Mal die Karte in die Wand stecken, um neues frisches Geld zu ziehen.

Wenn ich das Wort Geld nur höre, halte ich mir die Ohren zu Es ist gar nicht lange her, da war Geld das letzte bürgerliche Tabu. Man sprach nicht darüber, weil man wusste: Der eigene Reichtum basiert auf der Armut der anderen. Also musste, wer halbwegs bei Trost war, genau darüber reden. Die enge Beziehung zwischen Geld und Dreck, zwischen Gold und Kot, wie sie die Psychoanalyse konstatiert, tritt immer noch in jenem Doppelsinn zutage, wenn wir davon sprechen, ein Kind habe ein Geschäft gemacht. Weil das Geld als schmutzig galt, musste es gewaschen werden, indem man es gegen eine Ware (ein Haus, ein Auto, ein Pferd) tauschte, die man dann - je nachdem stolz oder diskret, jedenfalls aber ohne schlechtes Gewissen - der Mitwelt präsentieren durfte.

Inzwischen allerdings wird über nichts anderes mehr gesprochen. Und wenn ich das Wort Geld nur höre, halte ich mir bereits die Ohren zu. Wer auf der Straße ein Kind nach der Uhrzeit fragt, muss damit rechnen, die Aktienkurse genannt zu bekommen. Dauernd erhält man ungebetene Anrufe von windigen Anlageberatern. Täglich ist der Briefkasten mit haltlosen Glücksversprechen verstopft. Und man fragt sich, was die Fernsehanstalten von ihren eigenen Programmen halten, da sie offenbar glauben, uns von jeder zweiten Sendung durch die mitlaufenden Börsendaten ablenken zu müssen. Oder meint man dort wirklich, dass Mutti beim Bügeln oben dem Pastor Fliege lauscht, um unten zu schauen, wie ihre Beate-Uhse-Aktien stehen?

Das schlechte Gewissen gibt es nicht mehr. Und auch nicht den diskreten, kunstsinnigen Banker, der sich etwas zugute hält auf seinen Geschmack und seine Bildung. Stattdessen sind unsere Innenstädte bevölkert von einem Heer hoch bezahlter, junger Idioten. Sie taumeln durch die Straßen und machen alles voll mit ihren blöden, bunten Krawatten, mit ihrem Geld und ihrer Dummheit.

Da die Ökonomie die immense allgemeine Beschleunigung nicht nur befördert, sondern ihr auch unterworfen ist, schwindet aber die Strahlkraft der Statussymbole. Sony ist längst keine Edelmarke mehr, jeder zweite Straßenjunge fährt ein Cannondale-Bike, und hinter dem Steuer eines schwarzen Mercedes 190 sitzt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein junger Arbeitsloser. Weil der Fetischcharakter der Waren immer kürzeren Verfallszeiten unterworfen ist, muss das Geld selbst zum Fetisch werden. Eine Ware wird attraktiv nicht durch ihre faktische Qualität, sondern durch ihren hohen Preis, der suggerieren soll, hier habe man es mit einem hochkarätigen Produkt zu tun. Je teurer ein Artikel, desto besser läuft das Geschäft, sagen die Manager der Luxusgüterindustrie. Qualitätsvermutungseffekt nennen es die Marketingstrategen. Man könnte es auch Verarschung nennen.