Schrecklich normale Verhältnisse

Doppelgipfel des Bundeskanzlers: Mit Chinesen und Russen redet Gerhard Schröder am liebsten über Geschäfte. Bei den Menschenrechten schweigt des Gastgebers Höflichkeit

Einen Tag lang war in dieser Woche die Weltpolitik zu Gast in Deutschland - und die Welt hat kaum Notiz davon genommen. Dabei hat es solches nie zuvor gegeben: Vormittags der chinesische Präsident zu Gast, nachmittags der russische Staatschef - das soll Gerhard Schröder erst einer nachmachen. Und doch schaute in Europa oder Amerika niemand mit Argwohn auf des Kanzlers Doppelgipfel mit den Herrschern der ehemals roten Reiche. Der Tag von Berlin und Weimar war von berückender Harmlosigkeit: Das Protokoll hatte nur mal eben zwei wichtige Termine auf denselben Tag gelegt. Wie schnell wir uns an diese neue Normalität gewöhnt haben!

Gerade die deutsch-russischen Beziehungen waren im 20. Jahrhundert so oft eine Machtfrage, noch häufiger aber Gefühlssache. Sentimentalität und Hass, Minderwertigkeitskomplex und Herrenmenschenwahn, Katzbuckelei und Misstrauen prägten immer wieder das von einem Extrem ins andere umschlagende Verhältnis beider Länder. Sie kamen sich nahe in Rapallo und in der DDR, sie kämpften in zwei Weltkriegen und im Kalten Krieg auf Leben und Tod. Erst mit der neuen Ostpolitik ab 1969 begegneten die Deutschen der Sowjetunion mit mehr Realismus. Dabei verband ein Gedanke den sozialdemokratischen Ostpolitiker Willy Brandt mit den CDU-Kanzlern Adenauer und Kohl: Alles, was in Moskau passiert, ist für Deutschland von existenzieller Bedeutung.

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Das ist heute anders. Seitdem Gerhard Schröder und Wladimir Putin die Geschicke der beiden Länder lenken, ist der Eindruck lebenswichtiger Dramatik gewichen. Geschichtslektionen, Schuldvorwürfe und Friedensbeschwörungen bestimmen nicht länger die Tagesordnung. Es herrscht Pragmatismus. Zwar erliegt auch Schröder der Versuchung, in Kohlscher Tradition den russischen Präsidenten zu duzen und zu herzen, doch die politischen Themen sind nüchtern, allzu nüchtern. Seit Putins Amtsantritt Ende 1999 diskutierten Deutsche und Russen über die leidigen russischen Altschulden, stritten ausdauernd über von Moskau nichtbezahlte Fisch-Trawler und setzten alle Hoffnung auf die so genannten Leuchtturmprojekte: gemeinsame Unternehmungen, die sich vorzeigen lassen. Dass alles ungeheuer langsam voran geht, auch das gehört zur neuen Normalität.

Um die Nüchternheit auszuschmücken, haben Putin und Schröder den Petersburger Dialog ins Leben gerufen. Nach einem ersten Treffen in Russland vor einem Jahr gaben sich Deutsche und Russen Anfang dieser Woche in Weimar ein zweites Stelldichein. Eine "Begegnung der Zivilgesellschaften" sollte es sein und wurde doch wieder ein Kürlauf der Eliten. Immerhin waren die Bürger Weimars zur Eröffnungsveranstaltung eingeladen. Sie kamen zahlreich und sahen einen gut gelaunten, glanzvollen Auftritt des Expräsidenten Michail Gorbatschow, assistiert von seinem deutschen Gegenüber Peter Boenisch. In sechs Arbeitsgruppen versuchten Experten, sich wenigstens beim Verfassen gemeinsamer Kommuniqués etwas besser zu verstehen. Viel mehr gestattete die kurze Zeit nicht. Viel mehr ließ auch die Auswahl der Teilnehmer vor allem auf russischer Seite nicht zu: alte Bekannte aus dem vergangenen Jahrhundert.

Nur die Wirtschaft blieb bis zum Schluss hartnäckig optimistisch. Sie half dem Kanzler aus der nagenden Verlegenheit: Ein erleichterter Gerhard Schröder konnte Milliardenverträge vorzeigen. Bei Russland wie bei China ist der staatlich geförderte Wirtschaftsaustausch das Mark der Beziehungen. Russlands Anteil an der Rohölversorgung Deutschlands liegt bei gut einem Drittel der Gesamteinfuhren und steigt von Jahr zu Jahr. Beim Gas wird Russland, sollten sich die Nordseevorkommen in einigen Jahren erschöpfen, zum dominierenden Hauptversorger werden. Moskau könnte damit für Berlin wieder existenziell wichtig werden - bei der Sicherung der Energieversorgung.

Wenn Kanzler Schröder Russland als wichtige Handelsnation und Deutschlands "strategischen Partner der Zukunft" bezeichnet, dann entlässt er sich aus der Verlegenheit, ständig Russlands politische Situation kommentieren zu müssen.

Dann kann er den einen oder anderen hässlichen Schnitzer "differenziert betrachten". Die kriegszerstörten Dörfer Tschetscheniens zum Beispiel. Wohl auch die Medienkampagnen des Kremls, denen unbotmäßige Fernsehsender schnell zum Opfer fallen. Oder die Instrumentalisierung des amerikanischen Antiterrorkriegs für die Begleichung urrussischer Rechnungen auf dem Kaukasus.

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