Unternehmen Zerreißprobe
Unser Leben hängt oft an Seilen - auf der Brücke, am Berg, im Fahrstuhl. Wie sie leiden, altern und brechen, erkundet die Seilforschung
Wenn das Institut für Fördertechnik und Logistik der Universität Stuttgart dem Publikum etwas bieten will, ist die Abteilung Seilforschung gefragt. In der 14 Meter hohen Seilhalle wird dann auf einer Prüfmaschine ein 74 Millimeter dickes Schiffstau eingespannt. Bei etwa 1500 Kilonewton Zugkraft gibt es einen ordentlichen Knall. Danach stellen sich die Institutsmitglieder zum Gruppenfoto auf, halten die beiden Tauteile hoch wie ein erlegtes Tier und lachen in die Kamera. Versuch gelungen, Patient tot.
Das Seil ein Patient? Wer sich mit Seilforschung befasst und insbesondere mit Seilforschern eingelassen hat, dem geschieht Wunderliches: Alsbald beginnt er selbst Menschliches an dem bescheidenen Maschinenelement zu entdecken. Es lebt, leidet, altert und bricht, ist weder gern schief gewickelt noch unterfordert, braucht Beachtung und schlägt sich so durch wie unsereiner. Den größten Teil seines Lebens ist das Seil nicht ganz intakt. Und immer ein bisschen krank.
Solange wir und unser Leben dran hängen, wenn wir im Aufzug fahren oder mit der Seilbahn gondeln, in einer Seilschaft klettern oder eine Hängebrücke überqueren, hoffen wir, dass das Seil hält, und schauen lieber nicht genauer hin. Doch wer einmal ein soeben für rund 50 000 Euro montiertes Tragseil irgendeiner alpinen Seilbahn aus der Nähe betrachtet, hat Anlass zur Sorge: Schon reißen die ersten Litzen, Drahtbruchnester entstehen, Rost befällt entfettete Partien. Überall beginnt ein Reiben und Knirschen, ein Biegen und Brechen. Die Vorstellung mag dem Laien nicht behagen, aber das Leben des Seils ist Verfall. Das Sterben beginnt mit der Montage. Der Fachmann tröstet uns mit dem wunderbar sentimentalen Hauptsatz der Seilforschung: "Seile sterben langsam."
Die erstaunlichen Herausforderungen der Seilforschung und ihre liebenswerten Repräsentanten konnte man kürzlich in Stuttgart kennen lernen, wo sich fast die Hälfte der weltweit tätigen Experten traf. Mit dem ersten Internationalen Stuttgarter Seiltag feierte das dortige Institut sich selbst und seinen 75.
Geburtstag. Aber auch die Seilforschung als solche, die eigentlich eine deutsche Disziplin ist. Vor 168 Jahren war es schließlich der Clausthaler Oberbergrat Wilhelm Albert, der erstmals in der Schachtförderung die unter ihrem Eigengewicht reißenden Ketten durch Seile ersetzte und seitdem als Erfinder des Drahtseils gilt. Und heute? Die ETH Zürich hat ihre weltweit anerkannte Seilforschung jüngst eingestellt. Frankreich kümmert sich nur noch um Brücken-, England um Off-Shore-Seile. Allein in Stuttgart ruht der Blick auf dem Ganzen. Zehntelmillimeter dicke Drahtseilchen zum chirurgischen Knochensägen werden hier geprüft. Der internationale Bergsteigerverband lässt Bergseile auf Reißfestigkeit und Knotbarkeit testen. Die zerstörungsfreie Prüfung oberschenkeldicker Stahltrossen steht auf dem Programm. Aber auch die Physik des Seils. Sowie: Seilimagepflege.
"Seile sind eigentlich Kunstwerke. Leider teilt der Rest der Welt diese unsere Erkenntnis nur selten", hatte der Drahtseilindustrielle Michael Molkow in seiner programmatischen Rede Seile, und was die Leute davon erwarten beklagt. Sein Kollege Johannes Verwaayen (BTS Drahtseile Gelsenkirchen) legte gleich los und gab Einblicke in die Wunderwelt der Seile. 3150 Meter lange Förderkorbseile sind derzeit in südafrikanischen Goldminen gefragt! Im Off-Shore-Bereich etwa, auf Ölplattformen, kommen Kranseile zum Einsatz, die sogar 15 Kilometer lang sind. Gewicht: 160 Tonnen. Die schwersten jemals geschlagenen Seile: 260 Tonnen. Stückgewicht! Limitierender Faktor der Produktion ist mittlerweile der Transport. In einem Südtiroler Dorf sitzt ein Drahtseilhersteller, der gewaltige Seile herstellen könnte - nur kann er sie nicht mehr wegschaffen. Die Straße ist zu eng für die monströsen Spezialtransporter. Hängebrückenbauer haben solche Probleme nicht. Bei einem Durchmesser von einem Meter - wie bei der Golden Gate Bridge - werden Mammutseile gleich an Ort und Stelle gefertigt.
Den eindrucksvollen Leistungen der Industrie steht allerdings ein erstaunlich rudimentäres Wissen über die Physik des Seils gegenüber. Was im Seil vorgeht, wenn es über eine Rolle gebogen oder mehrlagig aufgewickelt wird, ist der Wissenschaft immer noch ein Rätsel. Die Reibungs- und Spannungsverhältnisse im Inneren des Seils sind so komplex, dass es bis heute kein mathematisches Modell für deren Beschreibung gibt, keine Algorithmen, keine Computersimulationen. Alles Wissen über das Seil wurde im Experiment gewonnen
- Datum 11.04.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16/2002
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