E S S A Y Einst sagten sie, Allah sei barmherzig

Der Terror verdunkelt das Bild des Islam - und meine Erinnerung an eine gläubige muslimische Kindheit

Dieser Ruf verpflichtete, und so lernte ich im zarten Alter von drei Jahren schon den Koran bei Mullah Mustafa, dem Lehrer meines Vaters. Das Auswendiglernen der Verse machte Spaß, und noch mehr Spaß machte es, diese Verse zu singen. Mit knapp sechs Jahren war es dann so weit, dass mir die Ehre übertragen wurde, in der Moschee als Muezzin die Gläubigen zum Gebet rufen zu dürfen.

Mein Vater als der bekannte Heiler der Stadt unterwies mich in der Kunst des Heilens. Einmal kam ein Mann zu ihm wegen lauter Stimmen, die er immer hörte und ihn weder schlafen, essen noch arbeiten ließen. Mein Vater erklärte mir ganz ruhig, ich solle meine Hände auf die Ohren des Mannes legen, und befahl mir, ihn im Namen Allahs zu heilen. Das Wunderbare geschah, und der Mann kehrte gesundet nach Bagdad zurück. "Im Namen Allahs" bedeutete für mich Liebe, Frieden, Geborgenheit und gegenseitige Hilfe, weit entfernt von Politik und Machtspielen.

Es war nur konsequent und machte mir im Übrigen auch gar nichts aus, dass ich mit sieben Jahren statt auf die staatliche Schule auf die Islamschule der Stadt geschickt wurde. Alles, was mit dem Islam zu tun hatte, wurde mir dort beigebracht: der Koran natürlich an erster Stelle, seine Interpretation, die Hadithe (Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed) und die Scharia (das islamische Recht). Alle unsere Lehrer waren Mullahs, die uns nicht nur das jährliche Beten und Fasten lehrten, sondern auch, dass die arabische Sprache heilig sei im Unterschied zu anderen Sprachen und der Islam besser im Unterschied zu anderen Religionen. Sie lehrten uns, dass Allah seine Fragen auf Arabisch stellt und wie unbedingt wichtig es für den Eintritt ins Paradies sei, diese Fragen auf Arabisch beantworten zu können.

Kinder aus jüdischen und christlichen Familien, so hieß es, würden nicht wie wir Muslime ins Paradies kommen. Auf dieser Welt aber lebten sie in meiner Kindheit unter uns, direkt in unserer Straße. Wir waren mit den Familien befreundet, und ich besuchte sie genauso oft wie sie uns. Wenn wir gemeinsam spielten, empfand ich heimlich Mitleid mit ihnen, weil sie nicht Arabisch sprachen und ihnen das Paradies verweigert werden würde, auch wenn, wie mein Vater immer wieder betonte, Juden und Christen doch die ehrlichsten Menschen in unserer Stadt waren.

Für meine Eltern, die keine Araber, sondern Kurden sind, war es nicht ganz einfach, der Verpflichtung nachzukommen, die Gebete auf Arabisch zu sprechen. Sie sprachen die Gebete auf Arabisch, ohne ein Wort dessen zu verstehen, was sie sagten. Als Kind bewunderte ich sie für ihre Fähigkeit, in der Sprache Allahs zu sprechen. Als ich später Arabisch gelernt hatte, lachte ich über den Unsinn, den sie von sich gaben. Es gab immer nur ein einziges Wort, das richtig war - Allah -, und genau dieses Wort wurde von ihnen dann umso lauter gesprochen. Damals glaubte ich, Allah verzeihe alles und sei barmherzig. Er verstehe das Bemühen meiner Eltern und werde sie im Paradies willkommen heißen. Und wenn er das tue, dann könne er selbstverständlich auch alle anderen nicht Arabisch sprechenden Menschen aufnehmen.

Bis zum Abitur in einer islamischen Oberschule war es mir gelungen, sämtliche Suren des Korans wie auch die Inhalte der Hadithe auswendig wiederzugeben. Viele der Stellen waren mir wie im Schlaf geläufig, geradezu blindlings konnte ich Auskunft darüber geben, was wie und wo behandelt wird. Viele der Geschichten empfand ich als hart und gnadenlos, andere wiederum zeigten sich mir menschlich und großmütig. Damals ahnte ich, dass der Islam - wohl genauso wie die anderen Religionen - nicht ohne Fehler und Widersprüche ist. Doch ich hatte meine eigene Art, damit umzugehen. Die Ungerechtigkeiten, die zu Zeiten des Propheten und danach geschahen, gehörten ja der Vergangenheit an.

Der Einschnitt in meiner Wahrnehmung des Islam kam mit der Machtübernahme Saddam Husseins im Jahre 1979. Durch Geld und einflussreiche Positionen köderte Hussein erfolgreich kurdische und arabische Mullahs, die sich bereitwillig bewaffnen und als Handlanger des neuen Machthabers einsetzen ließen. Die Freitagsgebete, bisher geprägt durch die sanften und wohlwollenden Worte der Mullahs über die Güte Allahs und Seines Propheten, veränderten sich zu einem einzigen Gebrüll. Jetzt hieß es: "Allah beschütze unser Land und unseren Führer Saddam Hussein und vernichte den ungläubigen Iran!" Als ich 1981 im Rahmen meiner Flucht aus dem irakischen Teil Kurdistans nach Deutschland den Iran durchquerte, vernahm ich in den dortigen Freitagsgebeten das rhetorische Pendant. Iranische Mullahs schrien: "Tod dem ungläubigen Saddam und den ungläubigen Amerikanern!"

Mit der Machtübernahme Chomeinis und der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat durch den islamischen Dschihad hat sich der Islam politisch vom Frieden verabschiedet. Die Zeit eines fundamentalistisch geprägten Islam begann. Mancher sah ihn als geeignetes Mittel an, sich arabischer Diktatoren zu entledigen und einen gerechten islamischen Gottesstaat zu errichten.

Inzwischen studierte ich an der Universität Bonn Islamwissenschaften und bemerkte, dass Semester für Semester immer mehr islamische Gruppierungen wie Pilze aus dem Boden schossen, deren Mitglieder arabischen Ländern mit diktatorischen Regimen entstammten. Deutschland gewährte ihnen Schutz. Einmal fragte mich ein arabischer Kommilitone aus Palästina verständnislos, ob ich keine Angst vor der Strafe Allahs hätte, wo ich doch mit einer deutschen Frau zusammenlebte und dazu noch mit einer nicht zur Konvertierung bereiten Christin. Die moralische Distanzierung der Fundamentalisten von der hiesigen Kultur endete nur, wenn es darum ging, vom "Land der Ungläubigen" Sozialhilfe zu beziehen. Eines Tages erklärte besagter Kommilitone in einer Vorlesung, Frauen, die keine Kopftücher tragen, seien Huren.

Damals waren es nicht nur die anwesenden Studentinnen der Orientalistik, die sich fragten, mit welchem Recht sich eine derartige Ideologie eigentlich auf den Namen Allahs berufen könne. Diese Geschichte eines religiös getarnten Radikalismus beginnt mit der Gründung der Muslimbruderschaft des Ägypters Hassan al-Banna im Jahre 1928. Er vertrat die Auffassung, der Islam sei "ein totales, alle Aspekte des Lebens umfassendes System". Al-Banna gab seinen Ideen Nachdruck, indem er sich bewaffnete Milizen unterstellte, denen Dutzende von Menschen zum Opfer fielen.

Al-Banna beruft sich auf die erste Verkündigung des Propheten. In Mekka wollte Mohammed in den Jahren 610 bis 622 nach Christus die arabischen Stämme davon überzeugen, dass der Islam die Religion des Friedens und der Liebe sei. Doch die Überzeugungsarbeit des Propheten scheiterte. Die Mekkaner verweigerten ihm nicht nur ihre Solidarität, sie sahen in ihm auch eine Gefahr für ihre Handelsprivilegien und zwangen ihn und seine Gefolgschaft daher, Mekka zu verlassen. Der Prophet reagierte mit Bitterkeit und Härte. Er erklärte: "Ich habe befohlen zu töten, bis sie (die Ungläubigen) sagen, dass es außer Allah keinen anderen Gott gibt."

Die vernichtende Niederlage der Mekkaner folgte zwei Jahre nach der Vertreibung Mohammeds aus Mekka. Der Sieg von Badr im Jahr 624 nach Christus schien die Richtigkeit der neuen Strategie des Propheten zu beweisen und markierte den Beginn eines kriegerischen Korans. Von nun an wurden nicht nur arabische Stämme zur neuen Religion gezwungen, sondern auch Juden und Christen, obwohl sich diese formell mit Mohammed und dessen Gefolgschaften verbündet hatten. Die Massaker an Juden und Christen zu Zeiten Mohammeds sind berüchtigt. So wurden die drei großen jüdischen Stämme in Medina grundlos angegriffen und gezwungen, ihre Unterwerfung zu bekennen. Alle Besitztümer mussten sie vor dem Verlassen ihrer Heimat herausgeben. Der Stamm der Kuraisa fand keinerlei Gnade; der Prophet delegierte die Entscheidung, 600 Männer zu töten und deren Frauen unter den Muslimen zu verteilen, an Saad Ibn Muaaz. So kommentiert der Koran das Verhältnis zu Juden und Christen: "Und wenn sie eurer Auffassung zum Glauben kein Gehör schenken, dann ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet. Denn gegen diese haben wir euch volle Gewalt gegeben." (Sure 4, Vers 90 und 92)

Juden und Christen werden im Koran als "Buchbesitzer", will heißen: Ungläubige oder sogar Feinde charakterisiert. Die Worte Osama bin Ladens oder islamistischer Gruppierungen wie Hamas und Islamischer Dschihad lassen sich ohne große Mühe auf den Koran zurückführen, wo es heißt: "O ihr Gläubigen! Nehmet nicht die Juden und die Christen zu Freunden. Sie sind untereinander Freunde, aber nicht mit euch. Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen und nicht mehr zu der Gemeinschaft der Gläubigen. Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht." (Sure 5, Vers 52)

Der Schrecken über den Einsturz der Türme des World Trade Center im Herzen der USA erschütterte die ganze zivilisierte Welt. In der islamischen Welt aber gab es Freude über den 11. September - ja es gab sie tatsächlich, auch wenn die Presseberichte darüber vielfach bestritten wurden. Es war eine sehr weit verbreitete Freude über das Unglück der Ungläubigen. Man bekundete sie zunächst mehr oder weniger offen. Erst als man merkte, wie einmütig der Rest der Welt den Terror verurteilte, änderte sich diese Haltung. Jetzt wurde demonstrativ für die toten Ungläubigen gebetet. Doch ein wirklicher Sinneswandel ergab sich daraus nicht - das erfahre ich seitdem in vielen Gesprächen.

Angesichts solcher Erfahrungen verdunkelt sich vor meinen Augen der gesamte Islam. Gab es jemals eine goldene Epoche außerhalb von Krieg und Verwüstung in dieser Religion? Wenn überhaupt, dann muss es die Zeit des kurdischen Sultans Saladin gewesen sein, der den Islam als tolerante Religion weltweit bekannt machte. Diese Toleranz hat zwar den Arabern viel genützt, nicht aber seinem eigenen Volk, den Kurden, die unter dem Vorwand, Ungläubige zu sein, bis heute von vielen islamischen Ländern unterdrückt werden.

Sind die radikalen islamistischen Gruppen tatsächlich so isoliert, wie viele Muslime behaupten? Nein, die verschiedensten Strömungen benutzen deren Ideen für ihre eigenen Zwecke und Interessen. Zum Beispiel Saddam Hussein, der sich als Führer der Muslime bezeichnet, oder die iranische Regierung, die behauptet, der von ihr installierte islamische Gottesstaat habe die Religion zu einer neuen Blüte geführt. Aber auch die Marokkaner, die ihren König als den König der Muslime bezeichnen, oder die Anhänger der fundamentalistischen Kaplan-Gruppe und der radikalen türkischen Gruppe Milli Görus in Deutschland. Wenn Osama bin Laden die Messer wetzt und Aufrufe verbreitet, Muslime sollten Christen und Juden töten, wo immer sie ihnen begegnen, dann weiß er, dass er weltweit auf offene Ohren stößt. Er weiß, dass dies selbst bei hochrangigen muslimischen Würdenträgern des Islam der Fall ist. Der ägyptische Scheich al-Azhar zum Beispiel erklärt zwar öffentlich, der Islam verbiete die Tötung Unschuldiger. Seine eigene antiwestliche Haltung aber habe ich in einem Interview erfahren müssen, das ich vor einiger Zeit mit ihm führte und in dem er die Politik Saddam Husseins vehement verteidigte.

Radikale islamische Gruppierungen handeln nach dem Prinzip: Der Zweck heiligt die Mittel. Zweck ist der weltweite Heilige Krieg gegen die Ungläubigen (Dschihad). Legitim sind dafür Mittel wie die Vergewaltigung von Frauen, Schmuggel und der Handel mit Alkohol und Drogen, also Handlungen, die im Islam ausdrücklich verboten sind. Genauso widersprüchlich ist die Haltung, wenn es um die Errungenschaften des Westens geht. Im Land der Ungläubigen gibt es nun einmal hoch entwickelte Technologien, von der Raketenabwehr bis hin zum künstlichen Leberersatz - Dinge, die gemäß der fundamentalistisch-islamischen Logik eigentlich unrein sind. Dennoch werden sie bedenkenlos genutzt. Der Widerspruch geht so weit, dass todkranke Muslime westliche Staaten aufsuchen, um Organtransplantationen vornehmen zu lassen. So verdanken sie ihr Weiterleben dem technischen Fortschritt - und den Organen der Ungläubigen.

Die zusammengebrochenen Türme des World Trade Center sind zum Mahnmal gegen Terror und religiösen Fanatismus geworden. Ich kann sie nicht vergessen, wenn Tausende von Muslimen Allahu Akbar (Gott ist groß) rufen. Dann denke ich unwillkürlich: Sie haben doch nichts anderes als Töten und Verbrennen im Kopf. Ich kann sie nicht vergessen, wenn ich Deutsche voller Verständnis vom Islam reden höre. Wenn ich einen jungen deutschen Mann sehe, der konvertierte, nur um eine Türkin zu heiraten. Wenn ich sehe, wie hier Moscheen neben Kirchen gebaut werden und ich mich an die endlosen Diskussionen um die Kopftuchfrage in Deutschland erinnere.

Wie aktuell sind die kriegerischen Zeiten von Badr? Welchen Sinn macht es, den Kampf des Propheten zu wiederholen, bis Christen und Juden "aus freien Stücken den Tribut entrichten und ihre Unterwerfung anerkennen"? (Sure 9, Vers 29). Die Zeiten der Unterwerfung sind vergangen. Und sollte noch jemand daran glauben, so sind sich doch gerade die kämpfenden Muslime sehr bewusst, dass sie dieses Ziel nie erreichen werden. Die einzige Zukunft für den Islam liegt darin, in ein Zeitalter gegenseitiger Anerkennung aufzubrechen. Auch dafür bietet der Koran gute Grundlagen, auch dafür bietet die Geschichte der islamischen Völker eine Basis. Der folgende Vers des Korans ist weit mehr als der Abglanz eines vergangenen Kindheitstraums. Er sollte und könnte das menschliche und zukunftsweisende Prinzip dieser Religion werden: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten." (Sure 5, Vers 33)

 
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  • Schlagworte Religion | Islam | Koran | Religion | Fundamentalismus
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