B I O G R A F I E U N D W E R K A U S G A B E Halldór fra Laxnesi, Poëta
Dichter von Kindesbeinen an: Eine Biografie und eine Werkausgabe des isländischen Schriftstellers Halldór Laxness, aus Anlass seines 100. Geburtstages
Das Tempo, das der isländische Bauernsohn Halldór Gudjónsson vorlegt, ist wahrhaft rasant. Bereits als Siebenjähriger hat er die Vision, die sein Leben dem Schreiben zuführt. Auf dem elterlichen Hof Laxnes kennt er Kunst eigentlich nur in Gestalt des gelegentlichen Violinspiels seines Vaters, doch das hindert ihn nicht, sich in Büchern zu vergraben und sich störrisch allen bäuerlichen Arbeitspflichten zu widersetzen. Zwölf ist er, als eine Zeitung einen Gedichtzyklus und eine Tierzeitschrift eine Erzählung von ihm druckt; als Konfirmand legt er ein 600-Seiten-Skript zur Seite; als Siebzehnjähriger lässt er auf Kosten des Vaters sein erstes Buch drucken und geht ins Ausland, nach Dänemark zunächst. Auf seiner Visitenkarte und an seiner Tür steht: HALLDÓR FRA LAXNESI, POËTA.
Der Dichter Halldór Laxness, wie er sich fortan nennt, zieht aus, um "für die Welt zu singen", in jenen Worten zu singen, die er sich aneignet, wo immer sie ihm begegnen. Die Bauernromane Hamsuns hat er verschlungen, doch die Verherrlichung des Landlebens geht ihm, der es nur zu gut kennt, schnell auf die Nerven; er ist versessen auf die Zivilisation, auf die Moderne, auf die Welt. Mit Staunen liest man in Halldór Gudmundssons konziser Biografie, dass in der Hauptstadt Reykjavík vor 100 Jahren nur 6000 Menschen lebten: Das ist keine Metropole, die einem landflüchtigen Kopfmenschen etwas zu bieten vermag.
Umwölkt von der neuesten Poesie
Laxness zieht durch Europa, findet Berlin "teuflisch gemütlich", versucht nach Amerika einzureisen, wird jedoch von den Behörden abgewiesen, da er kein Geld vorzuweisen hat. Die Lektüre von Nietzsche und Freud, Strindberg und Weininger verstärkt den Hang zu Selbstverherrlichung und Größenwahn, den sein Biograf dem jungen Laxness attestiert, doch einen Lebensweg hat er noch nicht gefunden. In einer Erzählung, die er als Neunzehnjähriger schreibt, steht der Satz: "Ich rufe das Wort Gott; das bedeutet aus meinem Munde Hilfe!" Da fällt ihm die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis in die Hände, und "mit großer Wonne" sinnt Laxness dem Begriff der Demut nach.
Die neu entdeckte Demut dürfte der Hauptgrund sein, warum sich Laxness 1922/23 fast ein Jahr lang in einem Benediktinerkloster in Luxemburg verkriecht und bei dieser Gelegenheit zum Katholizismus konvertiert. Freilich hatte er eben zuvor noch eine dänische Dienstmagd geschwängert, und den Verpflichtungen, die sich daraus ergeben, versucht er sich mit der Begründung zu entziehen, als Katholik trage er keine Verantwortung mehr für das, was er als Protestant angestellt habe.
Nach allem, was der Biograf Gudmundsson an Zeugnissen zusammengetragen hat, war Laxness wohl doch nicht drauf und dran, Mönch zu werden. Die Klostermonate nutzt er vor allem, um ausgiebig zu schreiben, und als ihm all das zu langweilig wird, zieht er wieder in die profane Welt hinaus. Was ihm von dieser Episode bleibt, ist sein neuer Mittelname Kiljan und seine anhaltende Schwärmerei für die Tugend der Demut.
Die freilich durchaus ihre Grenzen hat, wie die arroganten Züge in dem zu dieser Zeit entstandenen Roman Der große Weber von Kaschmir und vor allem den Artikeln, die der junge Mann für eine isländische Zeitung schreibt, zeigen. Laxness will sein rückständiges Volk erklärtermaßen erziehen, nämlich zur neuen Zeit, und deswegen polemisiert er nach Kräften gegen "dieses Gequatsche über die isländische Bauernkultur", die alte Saga-Dichtung einbegriffen. Traditionen sind dem jungen Laxness nur Zöpfe, die es abzuschneiden gilt.
Mit seinen Tiraden ist Laxness sofort ein berühmter Mann in Island; das Parlament diskutiert über eines seiner empörend sprachgewagten Gedichte und entzieht ihm ein Stipendium. Als Laxness Anfang 1926 nach Island zurückkehrt, vermelden die Zeitungen: "Jetzt hat man Kiljan wieder in den Straßen der Stadt gesehen, lang und dürr, mit dicker Brille und breitem Hut schreitet er in großen Schritten dahin, ausgezehrt von der Reflexion über den Abgrund menschlicher Existenz, eingehüllt und umwölkt von allen neuesten Formen der Poesie." Wohlgemerkt: der Beschriebene ist erst Anfang zwanzig.
Und er hat neue Pläne, zum Beispiel "das unbändige Verlangen, nach Hollywood zu fahren und zehn Drehbücher zu schreiben", um "Millionen von Dollars" zu verdienen. Die Filmskripte, die er unter dem Pseudonym Hall d'Or schreibt, will freilich niemand verfilmen, und die beiden Jahre in Amerika werden für Laxness zum krassen Misserfolg. 1929 ist er zurück auf Island und verkündet mit beneidenswerter Selbstgewissheit: "Eine neue Revolution hat in der Seele des Autors stattgefunden, und er lädt das isländische Volk ein, von ihren Früchten zu kosten."
Diese Früchte, nun ja, sie sind rot: In Amerika hat Laxness den Sozialismus für sich entdeckt, der ihn nun ein Vierteljahrhundert nicht mehr loslassen wird. Gudmundsson beschreibt ausgiebig die Verschiebungen, die in den dreißiger und vierziger Jahren in Laxness' Weltbild stattfinden, doch im Grund gilt immer, bis 1956: Laxness steht an der Seite der Sowjetunion. Bei seinen Russland-Reisen wohnt er Schauprozessen und Verhaftungen bei, und der Terror des Stalin-Regimes ist mit Händen zu greifen. Laxness jedoch protestiert nicht, ficht vielmehr weiter für die kommunistische Sache, weil er meint, nur so lasse sich Hitler bezwingen.
Aber er schreibt auch Romane, die dreißiger Jahre sind die produktivsten seines Lebens, und erstaunlicherweise ist diesen Romanen jeder Dogmatismus vollkommen fremd. Sosehr Laxness in diesen Jahren die sozialistische Sache vertritt, so sehr weigert er sich, in der Praxis seines Romanschaffens den Geboten des sozialistischen Realismus zu gehorchen. Seinem Biografen gelingt der Nachweis, dass Laxness in seinem schriftstellerischen Schaffen Ideale verfolgt (und in weiten Teilen auch einholt), die weit jenseits der Ziele seines politischen Wirkens liegen: Laxness hat es auf eine überirdische Schönheit abgesehen, wie sie eigentlich nur die Musik hervorzubringen vermag oder der Gesang der Vögel. In seinen Romanen, so Gudmundsson, stelle Laxness "vieles von dem in Frage, was er in seinen Essays offensiv vertritt", und das zeit seines Lebens.
Mitleid ist die Quelle des Gesangs
Im Alter bekennt Laxness: "Alle Ismen habe ich mitgemacht. Und was ist das alles jetzt? Stoff für meine Romane." Was freilich nur eingeschränkt stimmt, denn der Stoff seiner Romane sind nicht Ideologien oder Konzepte, sondern immer Menschen. Ob es nun halsstarrige Autokraten sind, die um ihrer Unabhängigkeit willen andere ins Verderben stürzen, arrogante Idealisten, die leere Phrasen über das Wohl der Menschen stellen, oder sektiererische Bauernfänger: bei aller Ironie, allem Spott und allem Sarkasmus versagt Laxness ihnen nie seine erzählerische Liebe. Denn Laxness will die Sprache zum Klingen bringen, und schon in Sein eigener Herr weiß er: "Die Quelle des erhabensten Gesangs ist das Mitleid."
Halldór Gudmundssons Buch über Leben und Werk des größten Sängers, den Island hervorgebracht hat, ist zu schmal, um uns die vielen Persönlichkeitsfacetten Laxness' wirklich nahe bringen zu können. Erfrischend ist, wie er die Arroganz des jungen Laxness und die Borniertheit des späteren Propagandisten schildert; überzeugend, wie er den inneren Zusammenhang zwischen Lebensgang und Werkentstehung nachzeichnet, und gleichzeitig das Maß hervorhebend, in dem das Werk den Einsichten des Lebens vorauseilt. "Der kämpferische Sozialist wurde zum humanistischen Skeptiker": das ist wohl richtig, was den Menschen und Essayisten Laxness betrifft, doch in seinen Romanen ist er fast von Anfang an ein allen Dogmen abholder Skeptiker der humansten Art.
So macht Gudmundssons Buch vor allem Lust, das Werk Laxness' wiederzulesen. Es erscheint seit einigen Jahren neu (und zum Teil neu übersetzt) im Steidl-Verlag, der pünktlich zum 100. Geburtstag des Autors am 23. April eine schmuck ausgestattete und limitierte elfbändige Laxness-Kassette vorlegt. Sie mag den Bücherschrank zieren; der wahre Laxness-Freund freilich wird sich ärgern, dass damit der Abschluss der Ausgabe signalisiert wird, obwohl sie noch beträchtliche Lücken aufweist. Der Roman Salka Valka, mit dem Laxness 1932 in die Weltliteratur eintrat, ist bei Steidl nicht zu haben, obwohl es ihn bereits in (schlechter) deutscher Übersetzung gab. Dass das arg dünne lyrische und das allzu breite dramatische Schaffen Laxness' nicht berücksichtigt wurden, ist durchaus verschmerzbar, doch wann bekommt die deutsche Leserschaft endlich die autobiografischen Essayromane der letzten Werkphase zu lesen? Auf Deutsch gab es davon bisher nur Auf der Hauswiese, und auch dieser Band fehlt in der Steidl-Werkausgabe, ebenso wie die Kirchspielchronik, der lediglich Die Geschichte vom teuren Brot entnommen und als (von Sarah Kirsch illustrierter) Separatdruck aufgelegt wurde.
Wer Halldór Laxness noch nicht kennt, hat mit den elf Bänden der Werkkassette freilich fürs Erste genug zu entdecken - historische Schelmenromane, moderne Heldensagen, bizarre Entwicklungsromane und leichtfüßige Erzählungen, die in Stoff und Fabel ausgesprochen vielgestaltig sind, die freilich eines eint, nämlich ein kauziger, schalkischer, immer ebenso sarkastischer wie poetischer Erzählton. Dies ist Weltliteratur, geschrieben mit einer Konsequenz, zu der wohl nur ein kleiner Bauernjunge vom Ende der Welt fähig ist, der unversehens unter die Bücher gefallen ist.
Halldór Gudmundsson:Halldór Laxness Leben und Werk; 192 S., 19,- €
Halldór Laxness:Werkausgabe in elf Bänden Hrsg. von Hubert Seelow; aus dem Isländi- schen von Hubert Seelow und Bruno Kress; 3796 S., Subskriptionspreis 250,- €, ab 1. Juli 295,- €, Vorzugsausgabe 980,- €
Die Geschichte vom teuren Brot Mit Aquarellen von Sarah Kirsch; aus dem Isländ. von Hubert Seelow; 32 S., 12,- €
Alle im Steidl Verlag, Göttingen 2002
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