Der Anti-Berlusconi
Hinter Italiens erstem Generalstreik in 20 Jahren steht Sergio Cofferati, der stärkste Gewerkschafter des Landes
Rom
Man möchte meinen, Sergio Cofferati eigne sich nicht für ein Porträt - er ist ein Gewerkschafter. Für diese Figur sind im Repertoire der öffentlichen Zuschreibungen wenige Adjektive vorgesehen: unbeweglich, betonköpfig, langweilig
alles in allem nicht geeignet zur prickelnden Darstellung in der Mediendemokratie. Die Regierung Berlusconi hat dies mit ihrem Gespür für öffentlichkeitswirksame Präsentation zugespitzt. Sie nennt ihn Signor No.
Auf die Frage hin, was ihn denn am meisten berührt habe, als er am 23. März in Rom vor mehr als zwei Millionen Menschen trat, müsste so einer eine gestanzte Antwort geben: Er müsste von der Macht der totgesagten Gewerkschaft reden, von ihrem Mobilisierungspotenzial und ihrer Kampfkraft. Alles berechenbares Vokabular eines Gewerkschafters.
Cofferati aber sagt etwas Unerwartetes: "Mich hat die Stille berührt. Bevor wir mit den Reden begannen, riefen wir die Teilnehmer zu einer Schweigeminute anlässlich des vier Tage zuvor stattgefundenen Mordes an dem Arbeitsrechtler Marco Biagi auf. Die Stille breitete sich vom Podium aus. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich über die Menschenmasse legte. Schließlich war sie vollkommen. Normalerweise ist es ja umgekehrt: Lärm breitet sich aus. Aber hier war es die Stille, das war wunderbar!"
Der Lärm und die Stille - das eignet sich als Metapher für den rasanten Aufstieg des Gewerkschafters Sergio Cofferati zum ernst zu nehmenden Kontrahenten von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Es gibt nämlich kaum etwas Geräuschvolleres als die politische Bühne Italiens. Seit die Regierung Berlusconi im Juni 2001 das Amt übernommen hat, erreicht der Lärmpegel neue Spitzen. Es herrscht ein allgemeines Geschrei, Gemaule und Geschimpfe. Wer nicht zu allem etwas zu sagen hat und wer dabei nicht laut wird, kann keinen politischen Erfolg haben.
Cofferati freilich bricht dieses "Gesetz". Er ist sein Leben lang seinem Geschäft nachgegangen, der Vertretung von Lohnabhängigen. Er tat dies hartnäckig und vergleichsweise unauffällig. Als Arbeiter bei Pirelli wechselte er 1976 im Alter von 28 Jahren hauptberuflich zur Gewerkschaft für Chemiearbeiter. 1994 schließlich wird er Generalsekretär der mit 5,3 Millionen Mitgliedern größten italienischen Gewerkschaft CGIL. Innerhalb der Arbeiterbewegung galt er als Rechter oder, anders gesagt: als Reformer und nicht als Revolutionär.
Unternehmer und Regierungen fanden in ihm immer einen bereitwilligen Gesprächspartner. Mit ihm konnte man reden, über die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsverträgen, über zurückhaltende Lohnforderungen im Namen des Wachstums. Er hat eine bedeutende Rolle bei dem Anfang der neunziger Jahre noch unerwarteten Sprung in die Eurozone gespielt. Als die Regierung damals den Italienern große Opfer im Namen des Euro abverlangte, hielt Cofferati "seine Arbeiter" still. Wenn Italien heute den Euro hat, dann auch dank des mächtigen Gewerkschaftsführers. Er ist also einer, der den Dialog der Sozialpartner preist und praktiziert. Alles andere als ein Signor No.
Trotzdem folgten einem solchen Mann des Ausgleichs am 23. März mehr als zwei Millionen Menschen, um gegen die Regierung und gegen den Terrorismus zu demonstrieren
trotzdem ist es ihm gelungen, am vergangenen Dienstag zwölf Millionen Menschen aus allen Schichten für den ersten von allen großen Gewerkschaften mitgetragenen Generalstreik seit 20 Jahren zu mobilisieren
trotzdem ist er der Einzige, den Berlusconi wirklich fürchtet. Die Frage ist, warum?
Mitsprache, ein Bürgerrecht
Der Erfolg Cofferatis ist ein Paradox. Denn er ist das Produkt des fortschreitenden Zerfallsprozesses seiner eigenen politischen Heimat: der italienischen Linken. Sie hat sich von der Wahlniederlage gegen Berlusconi bis heute nicht erholt. Zerrissen, schwach und orientierungslos, gelingt es ihr nicht, eine respektable Opposition gegen die Regierung zustande zu bringen. Berlusconi kann, wann immer er will, widerstandslos durch das Parlament marschieren.
Bei diesen Durchmarsch stieß Berlusconi auf jene Stelle, die Cofferati zum entschlossenen Widerstand herausforderte: den Artikel 18 des so genannten Arbeiterstatuts. Dieses Statut wurde 1970 verabschiedet und fasst die Rechte der italienischen Arbeiter zusammen. Der Artikel 18 besagt, dass kein Lohnabhängiger in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten "ohne triftigen Grund entlassen werden kann". Mit anderen Worten, es schützt den Arbeiter davor, dass sein Arbeitgeber ihn beispielsweise wegen gewerkschaftlicher Tätigkeit oder politischer Ansichten entlassen kann. Berlusconi will den Artikel 18 nicht abschaffen, sondern aufweichen: Künftig soll einem "ungerechtfertigt Entlassenen" nicht mehr die Wiedereinstellung garantiert werden. Er soll stattdessen eine finanzielle Entschädigung bekommen - das Recht sollte käuflich werden.
"Nein", sagt Cofferati, "darüber werden wir nicht einmal diskutieren. Der Artikel 18 ist ein Baustein der Zivilisation." Das freilich ist ein großes Wort, aber es ist eines, das zündet.
Die eigentliche Überraschung bei der Demonstration vom 23. März war nicht nur ihre Größe, sondern vor allem ihre Zusammensetzung. Die Gegner der Globalisierung waren gekommen, die Intellektuellen, die seit Wochen unter Führung des Filmregisseurs Nanni Moretti gegen Berlusconi demonstrieren, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sozialisten, Christdemokraten und eine Vielzahl von Menschen, die sich der politischen Zuordnung entziehen. Es geht offensichtlich um weit mehr als um den Artikel 18, der bei genauerer Betrachtung kein wirkliches Hindernis für das Wachstum ist. Im vergangenen Jahr kamen ganze 100 Fälle wegen dieses Artikels vor das Arbeitsgericht. Der Artikel 18 ist nicht mehr als ein Symbol für die Spaltung zwischen Regierungspolitik und Gesellschaft.
Das ist die innenpolitische Seite, aber das allein erklärt den Erfolg Cofferatis nicht. Als er in seiner Ablehnung der Regierungspläne die Worte "Zivilisation" und "Würde" aussprach, hatte er auch den Schlüssel zu den Herzen all jener gefunden, denen die Globalisierung zumindest suspekt ist.
Zufall war das nicht. Cofferatis Gewerkschaft hat seit langem ihren Vertretungsbegriff schrittweise ausgeweitet: Sie kümmert sich zwar immer noch in der Hauptsache um die klassischen Fragen, aber sie spricht unter den geänderten Bedingungen der globalen Wirtschaft mehr und mehr von den Rechten des Einzelnen als Mitglied einer Gemeinschaft - es geht um die Gewerkschaft als eine Art Bürgerrechtsbewegung
es geht, wie Cofferati sagt, "um den Kern der Demokratie, das Recht auf Mitsprache".
Genau an diesem Punkt wirkte die diffuse Angst vor der Globalisierung mobilisierend. Was zähle ich heute noch als Bürger eines Landes? Wer schützt mich vor den anonymen Kräften des allmächtigen Marktes? Das sind die brennenden Fragen, nicht nur in Italien - auch Cofferati hat keine Antworten gegeben, aber er hat eine Grenze benannt, wo den entfesselten Kräften des globalen Kapitalismus Einhalt geboten werden muss. Das hat ihn populär gemacht.
Es kann gut sein, dass aus dem Gewerkschaftsführer Cofferati bald ein politischer Führer Italiens wird. Viele drängen ihn dazu. Aber er sagt nur: "Nach Ende meiner Amtszeit im Juni gehe ich zurück zu Pirelli." Da wird er mehr Zeit haben zur Pflege seiner Leidenschaft: der Oper. Da geht es nicht um Lärm, sondern um Musik.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 17/2002
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