Der Anti-BerlusconiSeite 3/3
"Nein", sagt Cofferati, "darüber werden wir nicht einmal diskutieren. Der Artikel 18 ist ein Baustein der Zivilisation." Das freilich ist ein großes Wort, aber es ist eines, das zündet.
Die eigentliche Überraschung bei der Demonstration vom 23. März war nicht nur ihre Größe, sondern vor allem ihre Zusammensetzung. Die Gegner der Globalisierung waren gekommen, die Intellektuellen, die seit Wochen unter Führung des Filmregisseurs Nanni Moretti gegen Berlusconi demonstrieren, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sozialisten, Christdemokraten und eine Vielzahl von Menschen, die sich der politischen Zuordnung entziehen. Es geht offensichtlich um weit mehr als um den Artikel 18, der bei genauerer Betrachtung kein wirkliches Hindernis für das Wachstum ist. Im vergangenen Jahr kamen ganze 100 Fälle wegen dieses Artikels vor das Arbeitsgericht. Der Artikel 18 ist nicht mehr als ein Symbol für die Spaltung zwischen Regierungspolitik und Gesellschaft.
Das ist die innenpolitische Seite, aber das allein erklärt den Erfolg Cofferatis nicht. Als er in seiner Ablehnung der Regierungspläne die Worte "Zivilisation" und "Würde" aussprach, hatte er auch den Schlüssel zu den Herzen all jener gefunden, denen die Globalisierung zumindest suspekt ist.
Zufall war das nicht. Cofferatis Gewerkschaft hat seit langem ihren Vertretungsbegriff schrittweise ausgeweitet: Sie kümmert sich zwar immer noch in der Hauptsache um die klassischen Fragen, aber sie spricht unter den geänderten Bedingungen der globalen Wirtschaft mehr und mehr von den Rechten des Einzelnen als Mitglied einer Gemeinschaft - es geht um die Gewerkschaft als eine Art Bürgerrechtsbewegung
es geht, wie Cofferati sagt, "um den Kern der Demokratie, das Recht auf Mitsprache".
Genau an diesem Punkt wirkte die diffuse Angst vor der Globalisierung mobilisierend. Was zähle ich heute noch als Bürger eines Landes? Wer schützt mich vor den anonymen Kräften des allmächtigen Marktes? Das sind die brennenden Fragen, nicht nur in Italien - auch Cofferati hat keine Antworten gegeben, aber er hat eine Grenze benannt, wo den entfesselten Kräften des globalen Kapitalismus Einhalt geboten werden muss. Das hat ihn populär gemacht.
Es kann gut sein, dass aus dem Gewerkschaftsführer Cofferati bald ein politischer Führer Italiens wird. Viele drängen ihn dazu. Aber er sagt nur: "Nach Ende meiner Amtszeit im Juni gehe ich zurück zu Pirelli." Da wird er mehr Zeit haben zur Pflege seiner Leidenschaft: der Oper. Da geht es nicht um Lärm, sondern um Musik.
- Datum 18.04.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17/2002
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