Die Mutter der Klapse
Marie-Luise Knopp macht Schule - für Zwangsgestörte, Manisch-Depressive und Selbstmordkandidaten
Am liebsten sind ihr die Kinder mit Angststörungen. Aber auch die Essgestörten hat sie richtig gern. Wenn Marie-Luise Knopp das ganze Spektrum der seelischen Krankheiten, die ihr in den vergangenen 20 Jahren untergekommen sind, im Geist Revue passieren lässt, muss sie über Vorlieben und Abneigungen nicht mehr lange nachdenken. Damals fing sie als Lehrerin für Deutsch und Geschichte an einer Sonderschule in Düsseldorf an. Und als dort wenig später eine Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie eingerichtet wurde, bekam sie eine Klientel, die zu unterrichten für jeden "normalen" Pädagogen einem Klassenausflug in die Vorhölle gleichkommt. Denn die Schüler sind zugleich Psychiatriepatienten der Düsseldorfer Universitätsklinik.
Ganze Schülergenerationen von Borderlinern, Selbstmordkandidaten, Manisch-Depressiven und Zwangsgestörten hat sie hier, an der heutigen Alfred-Adler-Schule, unterrichtet, und man sollte meinen, dass davon bei ihr nach so langer Zeit zumindest ein massives Burn-out-Syndrom zurückgeblieben wäre. Doch die 60-Jährige, die gut und gerne zehn Jahre jünger aussieht und das Temperament einer 20-Jährigen ausstrahlt, hat nach eigenem Eingeständnis eher Mühe, ihre übersprudelnden Ideen und hochfliegenden Pläne etwas zu bremsen und selbst halbwegs Bodenhaftung zu behalten. "Vielleicht hab ich deshalb relativ viel Schwierigkeiten mit den Depressiven. Dieses ewige Durchhängen, Sichbeklagen, Ins-schwarze- Loch-Fallen, damit hab ich zu wenig Geduld. Da bin ich manchmal schon richtig ungerecht geworden."
Wer hier landet, ist privilegiert Der Unterricht in solchen Klassen mit jugendlichen Schülerpatienten (in der Adler-Schule spricht man von Gruppen, selten sind mehr als zehn Schüler zusammen) verläuft in einer Art Sonderzone zwischen Wissensvermittlung, Therapie, menschlicher Zuwendung, gespielter Normalität und ausagierten Krankheitsschüben. Da klingelt plötzlich das Telefon, weil wieder mal ein Schüler seine Medikamente vergessen hat oder nicht zur Einzeltherapie erschienen ist, einer läuft unablässig im Raum herum, weil er an diesem Morgen zu unruhig zum Sitzen ist, einen anderen treibt sein Waschzwang alle paar Minuten aus der Klasse, während zwei Magersüchtige eine Art Wettbewerb in Selbstverstümmelung austragen. Es geht darum, wer am tiefsten ritzt und am meisten tropft. Dieses "Ritzen" sei eine Form des Stressabbaus und der Kampf um noch mehr Aufmerksamkeit, erklärt Marie-Luise Knopp - und findet das nicht besonders befremdlich.
"Ritzen ist auch an ganz normalen Schulen heute ungeheuer verbreitet", sagt sie. Es werde als Entspannung, als Ventil für den furchtbaren Druck empfunden, unter dem häufig ein spezieller Mädchentyp leidet: stille, überangepasste, ergebene Töchter von überfürsorglichen, ehrgeizigen Eltern.
Nicht selten sind gerade diese Kinder anfällig für Magersucht.
So erschreckend es klingen mag: Wer in der Jugendpsychiatrie landet, hat meist schon eine oder mehrere Therapien hinter sich und gehört zu den Privilegierten. Denn immerhin sind solche Kinder und Jugendlichen einmal jemandem begegnet, der begriff, dass Hilfe nötig ist. Die anderen, um die sich niemand kümmert, auch wenn sie sich auffällig verhalten, landen allenfalls in irgendwelchen Besserungsanstalten und werden oft ein Leben lang nicht behandelt. In der Alfred-Adler-Schule aber steht die Therapie natürlich im Vordergrund.
Trotzdem sollte der Unterricht - als Teil der Therapie - so normal wie möglich sein. Hier soll der Schonraum, den die Klinik um die kranken Kinder aufbaut, ein wenig nach außen, zurück "ins Leben", geöffnet werden. Denn da wartet wieder der Alltag, der nicht selten Mitauslöser der Krankheit war: die Familie, die Freunde und ein Schulumfeld, das den Heimkehrer gnadenlos stigmatisiert als "durchgeknallt" oder schlicht "bekloppt". Und auch nach der Schule bleibt der Makel. Psychiatrieaufenthalt im Bewerbungsschreiben, im Lebenslauf, das ist mindestens genauso schlimm wie Gefängnis Knast oder Klapse, da macht die Gesellschaft keinen Unterschied. Häufig dauert es nur ein paar Monate, dann stehen die als geheilt Entlassenen wieder vor der Kliniktür. Besonders in den vergangenen Jahren, in denen rigoros gespart wurde, wuchs die Zahl der "Drehtürpatienten" auch in der Jugendpsychiatrie.
Schon immer hat Marie-Luise Knopp (die von sich sagt: "Ich hasse Mitleid") an dieser Ausgrenzung ihrer Schützlinge mitgelitten. Und vor rund sechs Jahren hatte sie dann die zündende Idee, wie sich öffentliche Abwehr und Ablehnung überwinden oder doch wenigstens abschwächen lassen.
Sie gab zusammen mit Gudrun Ott, der Leiterin der Düsseldorfer Jugendpsychiatrie, die von ihren Schülern in der schulklinikeigenen Zeitung Klapse (die erste Schülerzeitung einer Klinikschule) erschienenen Artikel als Buch heraus. Wenn die Seele überläuft hieß der Band - eine Sammlung autobiografischer Erfahrungsberichte der Jugendlichen mit ihrer Krankheit (siehe Kasten) -, und er erhielt auf Anhieb so viel Beachtung, dass er den Urhebern nicht nur zu einem Preis (der Düsseldorfer Sparkasse), sondern auch zu einem spektakulären Fernsehauftritt verhalf. "Das war bei Hans Meiser, damals konnte man in solche Shows ja noch reingehen", erinnert sie sich.
Danach habe es einen Riesenwirbel gegeben Eltern wollten sogar aus Süddeutschland nach Düsseldorf ziehen, um ihre Kinder dort psychiatrisch behandeln zu lassen. "Der falsche Effekt, wir wollten ja keine Reklame für Psychiatrie machen." Aber vor allem wurde nach mehr Information gefragt.
So entwickelten sich die Lesereisen. In regelmäßigen Abständen bricht Marie-Luise Knopp mit sechs bis acht Schülern auf, um bei Organisationen und immer stärker auch in Schulen vorzulesen und zu diskutieren. Zwei weitere Bücher und eine Hörkassette entstanden. Mittlerweile hat sich das Projekt als Teil der Therapie erwiesen. Die Jugendlichen entfalten nicht nur ihre Kreativität und schriftstellerischen Talente (die Marie-Luise Knopp zufolge ganz erstaunlich sind), sondern gewinnen bei ihren öffentlichen Auftritten auch an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Es sei sicher kein Zufall, dass viele von ihnen im Studium oder in der Ausbildung einen Beruf ansteuern, der mit Medien, Öffentlichkeitsarbeit oder Literatur zu tun hat, meint sie.
In der kommenden Woche wird in Düsseldorf das neueste Buch präsentiert, diesmal ein Ratgeber mit dem Titel Total durchgeknallt. Stolz trägt sie inzwischen den Ehrentitel "Mutter der Klapse".
Und die Schüler, die anfangs vor allem kommen, "um mal zu gucken, wie die Verrückten so drauf sind", wollen hinterher nicht mehr aufhören mit Fragen über die Wirkung von Drogen, über Mager- und andere Süchte und den Aufenthalt in der Klinik. Meistens stellen sie fest: "Die sind gar nicht so viel anders als wir - ziemlich normal eben." Marie-Luise Knopp hat schon lange festgestellt, "dass doch ganz viele mit einer dicken Macke rumlaufen. Da sagt auch keiner: Ab in die Psychiatrie!"
Schwerer tun sich da schon die Lehrer. Selten klappt die Zusammenarbeit. Die meisten blocken ab, ist ihre Erfahrung. Und das sei auch kein Wunder, denn die wenigsten Lehrer könnten, wenn sie denn überhaupt eine psychische Störung bei einem ihrer Schüler bemerkten, damit umgehen. "Ein ganz großes Versäumnis unserer Lehrerausbildung" sieht sie hier. Und durch Pisa sei alles noch schlimmer geworden. "Die Lehrer sind in Panik, haben nur noch Leistungssteigerung im Kopf. Sie geben den Druck an ihre Schüler weiter. Und die landen nicht selten dann wieder bei uns."
Aber ganz so leicht, wie sich das anhört, fällt ihr die Arbeit dann doch nicht immer. Mitansehen zu müssen, wie manche immer wieder in der Klinik landen, rückfällig werden, ihre Magersucht bis tief ins Erwachsenenalter mitschleppen, die Selbstmordkandidaten, die es irgendwann, irgendwie dann doch "schaffen", die nächtlichen Anrufe. "Es kostet eine Mordskraft, ständig andere aufzubauen und sich nicht selbst runterziehen zu lassen." Ohne verschiedene "Stützsysteme" hätte sie es nie geschafft, gibt sie zu. Ohne gleichgesinnte Kollegen, einen Lebenspartner, der sich verständnisvoll die ganzen Elendsgeschichten anhört, und ohne das Joggen in der Freizeit hätte sie nicht so lange durchgehalten. Ständig müsse man aufpassen, nicht vereinnahmt, nicht "aufgefressen" zu werden.
Mit 60 hat sie nun also beschlossen, kürzer zu treten: endlich am Enkelkind gutmachen, was sie am Sohn versäumte, als sie vor 30 Jahren nach einem Jahr Gefängnis die DDR verließ und ihren Jungen bei der Mutter und dem Exmann vorerst zurücklassen musste. Dann zusammen mit ihrem jetzigen Ehemann, einem Deutschamerikaner, den dritten Lebensabschnitt in den USA, in Kalifornien, vorbereiten.
Doch auch die letzten zwei Jahre bis zur Rente werden wenig beschaulich verlaufen. Denn sie hat noch einmal den Arbeitsplatz gewechselt: Jetzt unterrichtet sie an der Klinikschule schwer physisch kranke Kinder, Krebspatienten, Jugendliche mit teils irreparablen Herzfehlern und Mukoviszidose-Kranke. Hier wird sie mit jungen Leuten konfrontiert, die - ganz anders als ihre suizidgefährdeten Angst- und Depressionskinder - erbittert um jeden Zipfel ihres Lebens kämpfen.
Und Marie-Luise Knopp wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht gleich wieder das nächste Projekt plante: Sie will diese Jugendlichen mit den psychisch Kranken zusammenbringen, damit diese wieder lernen, wie wertvoll ihr Leben ist.
Eine Schülerin erzählt.
Als ich Herbert Grönemeyer das erste Mal sah und seine Stimme hörte, war ich fasziniert. Schon bald kannte ich alle seine Lieder auswendig. Besonders gern hörte ich sein Lied Für dich. Ich ging stundenlang im Park spazieren und baute mir eine Traumwelt auf, die ich nur mit einem teilte, nämlich mit meinem Idol. Dann las ich in der Zeitung, dass er eine Freundin habe, und erfuhr dort auch ihren Namen. Ich stellte mir vor, bei ihr anzurufen und sie zu bedrohen, falls sie nicht bereit sei, ihn zu verlassen. Mein Hass wurde immer größer. Er sollte mir allein gehören.
Wenn ich seine Lieder hörte, gab es außer mir und ihm niemand mehr auf dieser Welt. Als er einmal im Fernsehen auftrat, bekam ich einen Weinkrampf. Zu seinem Geburtstag schrieb ich ihm eine Karte, und er schickte mir ein Autogramm zurück, das ich fortan wie einen Augapfel hütete. Ich war selig.
Dass er noch andere Fans hatte, daran dachte ich nicht. Ich wusste, dass er mich auch liebte.
Zu meinem Geburtstag bekam ich einen Strauß Rosen geschickt, dem eine Karte mit seinen Initialen beilag. Ich dachte natürlich, dass sie von ihm seien. In Wirklichkeit steckten meine Eltern dahinter, die mir eine Freude machen wollten. Aber ich war so der Welt entrückt, dass ich nichts mehr wahrnahm.
Weil ich mich zurückzog und mit niemandem mehr redete, gingen meine Eltern mit mir zu einer Ärztin. Die stellte mir eine Menge Fragen, legte mir Klecksbilder vor und ließ mich Fragebögen ausfüllen. Das Ergebnis des Tests war: Ich kam in die Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Erfahrungsbericht von Leni, 16, aus dem Buch "Wenn die Seele überläuft" (Psychiatrie-Verlag)
- Datum 18.04.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17/2002
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