Die im Osten sieht man nicht
Arbeitslose aktivieren, Billigjobs fördern, Flächentarifverträge lockern: Der Westen redet von wirtschaftlichen Reformen, die für Ostdeutschland nicht passen. Das Land bleibt geteilt
Helmut Kohl versprach, niemandem im Osten würde es schlechter gehen, als Klaus Minks anfing, Blasenstimulatoren zu reparieren. Roman Herzog forderte, es müsse ein Ruck durch die satte Republik gehen, als Minks zustimmte, nur noch für 10 statt 11 Mark in der Stunde zu arbeiten. Die Medizintechnikfirma war längst pleite, Minks verkaufte jetzt Industriewaagen. Gerhard Schröder sagte, der Aufbau Ost sei Chefsache, als Minks sagte, na gut, dann nur noch 9 Mark, wenn es der Firma hilft.
Es half nicht. "Kurz vor Weihnachten hat es mich erwischt." Klaus Minks (Name geändert), 55 Jahre alt, gelernter Dreher und Mechaniker, wohnhaft in Leipzig, ist seit vier Monaten arbeitslos. Hin und wieder schaut er durch den Fernseher nach Berlin. Dann sieht er, wie Politiker, die fast alle aus dem Westen kommen, ihre Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit bewerben. Denen motzt er ins flimmernde Gesicht: "Ihr redet doch noch größeren Mist als die Kommunisten."
Es wird wieder viel geschimpft im Osten. "Ein Großteil der Ostdeutschen ist in höchstem Maße unzufrieden mit dem Funktionieren von Demokratie und Marktwirtschaft", sagt der Soziologe Detlef Pollack von der Universität Frankfurt (Oder), der regelmäßig die Umfragen auswertet. Ein Großteil der Unzufriedenen sind Menschen wie Klaus Minks, die im Plattenbau auf PVC-Boden wohnen und damit gut zum Klischee vom ewigen Ossi passen: den Verlust des Versorgungsstaates nicht verwunden, den Kapitalismus nicht verstanden.
Tatsächlich sind es eher die Westdeutschen, die einiges an der Marktwirtschaft im vereinten Land nicht verstanden haben.
Seit fast 13 Jahren läuft keine Mauer mehr durch Deutschland, dafür stehen im Osten jetzt Zäune. Sie trennen die, die einen Job haben, von denen, die keinen haben, und das werden immer mehr. Im Westen liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei 8 Prozent, im Osten bei 19, so hoch wie nie seit der Wende. Wahlforscher sagen, die größere Wirtschaftskompetenz entscheide die Bundestagswahl. In Berlin sprechen Regierung und Opposition, Ökonomen und Verbandspräsidenten davon, mehr Druck auf Arbeitslose auszuüben, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, Billigjobs zu fördern. Nur: "Die Rezepte sind alle stark auf die alten Bundesländer zugeschnitten", sagt Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Das vereinte Deutschland sorgt sich um seine Wirtschaft, diskutiert Reformen und offenbart damit nur: Die Republik ist immer noch geteilt. Der Westen ignoriert den Rest, er redet von sich - und denkt am Osten vorbei.
Zum Beispiel an Klaus Minks. Jeden Morgen um sechs läutet sein Wecker. Dann steht er auf, kauft Zeitungen, liest Stellenanzeigen, telefoniert. Im Leipziger Erwerbslosenzentrum tippt er seinen Lebenslauf in den Computer, legt sein Foto auf den Scanner, verschönert die Farben ein wenig, adressiert die Anschreiben. Minks hat sich als Verkäufer beworben und als Putzmann, als Lagerist und als Montagearbeiter. Dummerweise waren da immer Dutzende, manchmal Hunderte andere Bewerber, und fast alle waren jünger.
Er ist jetzt von Beruf Arbeitsuchender. Weil es das offiziell aber nicht gibt, gehört Klaus Minks für die Statistik zur selben Kaste wie diese Menschen, von denen er spricht wie von seltsamen Zootieren. "Richtige Asis waren das, überall tätowiert." Die sah er in Talkshows sitzen, "im Westfernsehen". Stolz erzählten sie, wie sie sich mit einem kühlen Bier in die vom Staat geknüpfte Hängematte legen. In deren Haut schlüpfen? Bloß nicht. "Was mach ich den ganzen Tag?"




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