Ist es nicht doch charmanter als andere Länder, dieses Frankreich? Da wächst und gedeiht ein politisches Biotop, das anderenorts längst museal geworden ist: Drei der 16 Präsidentschaftskandidaten sind Matadore von drei Parteien, die sich trotzig "trotzkistisch" nennen.

"Na, siehst du wohl", sagt nur halb im Scherz ein französischer Freund, "die 'exception française' hat alle Modernitätsschübe überlebt", jener Glaubenssatz also, nach dem das Land der Jungfrau von Orleans, Ludwigs XIV.

und Napoleons eben anders sei als alle anderen Länder. Generationen französischer Intellektueller haben mit der exception française französische Besonderheiten (oder Absonderlichkeiten) erklärt - und oft auch Frankreichs angebliche kulturelle Menschheitsmission legitimiert. Nun aber die späte Hausse des Trotzkismus, welteinmalig.

Es passt zu Trotzkisten, dass ihre "Königin" Arlette Laguiller, 62, eine pensionierte kleine Bankangestellte ist, sympathisch, bescheiden. Sie bewohnt als Mieterin ein 45-Quadratmeter-Appartement im Pariser Arbeiterviertel Les Lilas, lebt von 1500 Euro Rente, hat nur 3000 Euro auf dem Sparbuch und kein Ferienhaus. Ihre Diäten als Abgeordnete des Europa-Parlaments gehören der Partei.

Sie ist der Star dieses Präsidentschaftswahlkampfs, mühelos füllt sie die Versammlungssäle. In den Meinungsumfragen kommt sie auf unerhörte zehn Prozent der Stimmen und könnte damit zum Entsetzen der Kommunisten deren Kandidaten Robert Hue glatt überrunden. Den Parteichef der großen alten KPF, die nach Kriegsende bis zu 27 Prozent der Stimmen abgeräumt hat, überrunden - es wäre ein Triumph für Arlette, wie nicht nur ihre Anhänger sie liebevoll nennen.

Dabei ist sie, nicht anders als die Wahlkampffossile Jacques Chirac und Lionel Jospin, längst eine in zahllosen politischen Schlachten erprobte Veteranin. Nun kandidiert sie schon das fünfte Mal für eine Präsidentschaft, die sie nicht erringen kann. Aber anders als der gaullistische Staatschef und der sozialistische Regierungschef wirkt sie nicht müde und von gestern, sondern unverbraucht - auch wenn sie unverdrossen seit 30 Jahren ihre Versammlungen mit der rituellen Anrede "Arbeiterinnen und Arbeiter" eröffnet, kampfeslustig die Faust dazu reckt und am Ende die Internationale anstimmt.

Inoxydable Arlette heißt eine Schlagzeile des Pariser Express - Arlette, die nicht rostet.