Dresden baut. 1,2 Millionen Quadratmeter Gewerbefläche und 580 000 Quadratmeter Wohnraum sollen hier mittelfristig entstehen - weit mehr als auf der einst größten Baustelle Europas am Potsdamer Platz. Fragt man aber in Dresden nach aktuellen Bauprojekten, dann ist die Rede von der Frauenkirche, gefolgt von der Frauenkirche und, neuerdings, von der Rekonstruktion des Neumarktes, der in Teilen nach dem Prinzip Frauenkirche neu errichtet werden soll: aus alten Steinen, nach alten Plänen. Geradezu besessen vom Barock ist die Stadt an der Elbe, voll Sehnsucht nach vorgeblicher Integrität, Identität und historischer Schönheit. Die Moderne, die leidige, hat hier jeden Kredit verspielt. Nun soll sie am liebsten heimlich stattfinden, vor den Toren der Stadt oder verborgen unter der Erde.

So wie bei der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB). Deren 90 Millionen Euro teurer Neubau wird dieser Tage fertiggestellt. Jedoch, so erinnert sich der aus Wien stammende Architekt Manfred Ortner: "Den Wettbewerb dafür haben wir nur gewonnen, weil wir den Bau unterirdisch anlegten." Alle Konkurrenten hätten da "riesige Klopper" hingestellt.

Hinstellen müssen, denn sieben Millionen Bücher und tausend Leseplätze sollten untergebracht werden. 40 000 Quadratmeter benötigt man dafür. Und weil es moderne Quadratmeter sind, will man sie in Dresden nicht sehen, auch nicht auf dem Universitätsgelände, im Neubaugebiet.

Also versenken. Dass auch dies eine Kunst sein kann, demonstrieren die Architektenbrüder Manfred und Laurids Ortner mit der Bibliothek eindrucksvoll. Denn eine solche soll es explizit sein, im Gegensatz zu den aktuell angesagten Mediatheken. "Es ist ein Haus für Leser, nicht für User", sagt Manfred Ortner und greift dafür voll ins Repertoire des Klassischen: mit dunkler Täfelung, Säulen, schweren Teppichen und vor allem mit einem Lesesaal. "Jahrzehntelang war der große Saal verpönt", erläutert der Architekt, "da hat man lieber dezentrale Lesezonen übers ganze Haus verteilt, mit Blick nach draußen, am liebsten aufs Mittelmeer." Diese Aussicht gibt es in Dresden nicht. Es herrscht Konzentration, und alle Wege in dem unterirdischen Haus führen hin auf den mehr als tausend Quadratmeter großen Saal mit seinen 250 Arbeitsplätzen. Nur von oben dringt hier das Tageslicht ein, je nach Wetter automatisch abgeschattet durch elektrochromatisches Glas.

Darunter auf dem Parkett soll, hergestellt durch Tischleuchten als einzige künstliche Lichtquellen, intime Arbeitsatmosphäre einziehen, so ähnlich wie einst in der British Library.

Von alldem ist draußen nichts zu sehen, außer einer Wiese mit eingelassenen Fenstern. Das Gelände, ein ehemaliger Sportplatz mit einem Grundmaß von 110 mal 110 Metern, wurde von Ortner und Ortner komplett mit drei nach unten gegrabenen Geschossen ausgefüllt. An den Enden ragen zwei kleinere Kopfbauten auf. Der eine, mit Buchausgabe und Vortragssaal, für die Besucher, der andere für die Verwaltung. Die einzige Extravaganz auf deren Seite besteht in einer beheizbaren Zufahrtsrampe, damit die Laster im Winter nicht in die Fassade hineinrutschen. Dort würden sie mit thüringischem Travertin kollidieren, der mit einem Relief aus unterschiedlich breiten, senkrechten Streifen versehen ist. Dieses Motiv soll laut Ortner als Strichcode oder Bücherwand gelesen werden. Es zieht sich von den Wandvertäfelungen bis zum Parkett des Lesesaals durchs ganze Haus.

In einem Gebäude fast ohne Fenster ist die Lichtregie natürlich von gehobener Bedeutung. Wichtige Orientierung geben zunächst die Dachfenster. Sie sind sämtlich quer zur Laufrichtung angeordnet. Ihr Licht reicht über tiefe Schnitte bis ins dritte Untergeschoss. Ansonsten aber beschränkt man sich wie bei den Leseplätzen auch bei den Regalen auf Beleuchtung kleiner Arbeitsbereiche. Zusammen mit mehrgeschossigen Galerien und kilometerlangen Bücherwänden ergibt dies eine konservativ intime Atmosphäre.