Der Machtverderber

Nur ein Drittel seiner Wähler will Le Pen als Präsidenten. Das Motiv war Rache an der politischen Klasse. Frankreichs Demokratie ist nicht in Gefahr

Paris

Die Herren vom Inlandsgeheimdienst hatten es vorausgesagt: Schon nach dem ersten Wahlgang für das französische Präsidentenamt werde von Lionel Jospin keine Rede mehr sein. Die meisten Stimmen bekommt Jacques Chirac, gefolgt vom alten Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen. Mancher Journalist in Paris hatte schon lange vor dem ersten Wahlgang am vergangenen Wochenende von dieser Prognose gehört. Warum nur ging niemand ihr nach - bis sie sich am 21. April so spektakulär bewahrheitete? Weil sie sich nach gezielter Desinformation anhörte? Oder weil nicht sein konnte, was nicht sein darf?

Jean-Marie Le Pen, inzwischen 74 Jahre alt, ist ein Phänomen, das die Medien nicht in den Griff bekommen. Viele Jahre lang haben sie zu viel Aufhebens um ihn gemacht und sich den Vorwurf eingehandelt, ihr antifaschistisches Herumklügeln schade dem alternden Rechtsextremisten nicht - im Gegenteil. Le Pen, das war der Feind. Vor laufender Kamera hatte er die prominentesten Interviewer mit geifernder Schamlosigkeit an die Wand diskutiert. Die Branche zahlte es ihm heim und übertraf sich - auf dem Papier - in scharfen Analysen und umfangreichen Betrachtungen zur Fleisch gewordenen nationalen Schande: Eine Titelgeschichte über Le Pen, dessen Mannen und Methoden, das garantierte dem Schreiber Aufmerksamkeit und dem Verlag einen hübschen Schub in der Auflagenentwicklung.

Dabei schien der Fall Le Pen schon einmal erledigt oder jedenfalls uninteressant. Im Winter 1998 war es so weit: Alles war Dutzende Male gesagt, alle erdenklichen Bücher veröffentlicht - und nichts hatte sich getan. Der rhetorisch begabte Schreihals, den die Franzosen 1957 zum ersten Mal in die Nationalversammlung gewählt hatten, wollte einfach nicht von der Bildfläche verschwinden. Schlimmer noch: Der angesehene Politologe Pascal Perrineau, Leiter des innenpolitischen Forschungsinstituts Cevipof, sah Le Pens Wählerpotenzial schon von 15 auf 20 Prozent anwachsen.

Gerade als der Mann endgültig langweilig zu werden schien, geschah das Unerwartete - ein öffentlicher Erbfolgekrieg, von seinem eigenen Wahlkampfstrategen und ungeduldigen Zögling Bruno Mégret vom Zaun gebrochen.

Das Fernsehpublikum durfte die Eskalation live mitverfolgen - "schwule Arschlöcher", schimpfte der eine, "halt die Klappe", zischte der andere ins Mikrofon. Lauter alberne Gestalten, wie der Schriftsteller Max Gallo damals befand, vor denen ein intelligenter Mensch sich fortan nicht mehr fürchten musste.

Danach war viel Rechtsstreit um die Parteikasse und im Übrigen - Schweigen.

Seit 1999 galt Le Pen als politisch erledigt. Eine Gestalt von gestern. Zudem offenbarte sich sein Herausforderer Mégret als reaktionärer Langweiler. Das Ende eines französischen Sonderwegs? In keinem anderen Land Europas hatte ein Sechstel der Wähler 15 Jahre lang wieder und wieder für einen Rechtsextremisten gestimmt. Die Gegenfraktion der militanten Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten löste sich auf. Ein kleiner Teil von ihnen, die der alte Widerling Le Pen so oft mit Genuss provoziert hatte ("die Gaskammern sind ein Detail der Geschichte"), verlagerte sein Engagement auf den Kampf gegen den österreichischen und den italienischen Rechtspopulismus.

Und auch in anderer Hinsicht wendete sich das Blatt: Der Sozialist Lionel Jospin regierte an der Spitze einer komplizierten Regenbogenkoalition. Vom neogaullistischen Staatspräsidenten war nicht viel zu hören, und der französischen Wirtschaft ging es überraschend gut. Zwei Millionen neue Jobs entstanden, und 900 000 Arbeitslose verschwanden aus der Statistik. Schlechte Zeiten für die Wiederauferstehung des Veteranen unter den europäischen Rechtspopulisten. Hätte man meinen sollen.

Neues Kostüm, neue Wähler

Nun aber ist er wieder da, in neuem Kostüm und mit neuen Wählern, jubilierend und gleichzeitig um die weitere Strategie verlegen, zum ersten Mal im Vorhof der Macht. Das neue Kostüm: Jean-Marie Le Pen erinnert an den Wolf in Großmutters Nachthemd. Er hat für diesen Wahlkampf so viel Kreide gefressen wie noch nie. Keine gezielten Entgleisungen mehr, die dem alten Publikum des Front National so gut gefallen hatten, stattdessen ein gemäßigtes Programm mit einem besseren Slogan als Lionel Jospin ihn hatte, der vergeblich die teuersten Politikberater engagierte. Le Pens "une force pour la France", sinngemäß: meine Kraft und Vitalität für Frankreich, das ist immerhin ein positives Versprechen, unter dem man sich etwas vorstellen kann. Der moderate Ton neutralisierte Le Pens Schwefelgeruch für einen Teil des Wahlvolkes, bei dem er bislang wenig punkten konnte: bei alten Leuten, die Vichy in schlechter Erinnerung hatten, bei Kleinbauern in den sich entvölkernden Landstrichen, bei kleinen und mittleren Angestellten. Der harte Kern jedoch ist unverändert - jung, männlich, ungebildet. 38 Prozent der Arbeitslosen und 30 Prozent der Arbeiter stimmten für Le Pen.

Die nationale Front ist heute die größte Partei der kleinen Leute, der couches populaires, wie sie auf Französisch heißen. 4,8 Millionen Franzosen votierten am 21. April für Jean-Marie Le Pen und nochmal 667 000 für seinen abtrünnigen Lehrling Bruno Mégret, den man bei allen Betrachtungen zum französischen Rechtsextremismus dazurechnen muss.

Ist das nun ein "Erdbeben", wie die ersten Kommentare lauteten? Einerseits ja: weil es ausgerechnet in Frankreich geschehen ist, dem Vaterland der Menschenrechte und zweitstärksten Land der Europäischen Union.

Symbolisch gesehen ist das Ergebnis des ersten Wahlgangs eine Katastrophe. 14 Tage lang gilt Jean-Marie Le Pen nun als einer von zwei gleichberechtigten Bewerbern um das höchste Amt der Republik. Ein Mann, mit dem sich Jörg Haider und Gianfranco Fini nicht auf offener Straße zeigen würden. Gewiss, die Franzosen sind nicht so verrückt, den Mann tatsächlich ins Elysée zu wählen.

Aber wird Jacques Chirac sich jemals von dem Makel erholen, dass er im ersten Wahlgang nur knapp vor Le Pen lag? Ganze 19,88 Prozent der abgegebenen Stimmen, das ist die wahre Legitimitätsbasis des Staatspräsidenten, der Frankreichs Geschicke die nächsten fünf Jahre lang lenken soll.

Und doch: Le Pen hat keinen Erdrutsch zu seinen Gunsten ausgelöst. Misst man das Wahlergebnis nicht an der Zahl der abgegebenen Stimmen, sondern an der Gesamtheit aller Wahlberechtigten, dann ist der Zuwachs verblüffend gering.

1995 haben 11,8 Prozent der Wahlberechtigten für Le Pen gestimmt, diesmal 12,2 Prozent. Rechnet man die Stimmen für Mégret hinzu, dann sind es 13,2 Prozent. Das ist viel, zu viel, aber nicht die dramatische Wende, die es auf den ersten Blick zu sein schien. Erst der hohe Anteil der Nichtwähler - über 28 Prozent - steigert Le Pens Ergebnis auf unerhörte 17 Prozent der Stimmen (knapp 20 mit den Stimmen für Mégret). Von den Erstwählern blieben am vergangenen Sonntag sogar 40 Prozent zu Hause. Wenn die jungen Leute jetzt zu Tausenden auf die Straße gehen, um gegen Le Pen zu demonstrieren, dann verrät das vor allem eins: ihr schlechtes Gewissen.

Jean-Marie Le Pens Erfolg offenbart leider genau das, was er anprangert: die Krise des politischen Systems in Frankreich. Drei Viertel der Franzosen haben das Gefühl, sie seien ihren gewählten Vertretern völlig egal. Die etablierten Parteien, moderate Rechte wie die moderate Linke, sind unfähig, ihr Führungspersonal zu erneuern, attraktive Figuren für sich zu gewinnen und die Programme glaubwürdig auf ihre Wähler zuzuschneiden. In ihren Parteiapparaten geben die Elite-Zöglinge der Verwaltungshochschule Ena (École Nationale d'Administration) den Ton an. Sie haben gelernt, wie man sich unter ihresgleichen durchsetzt, nicht, wie man andere überzeugt. Diskussionen mit Durchschnittsmenschen sind ihre Sache nicht. So hat die parlamentarische Linke ihre Stammklientel verloren, die kleinen Leute. Das gilt für die Sozialisten. Bei den Kommunisten ist der Einbruch geradezu tragikomisch. Ihr Spitzenkandidat Robert Hue ist mit fachmännischer Unterstützung des Erfolgsschriftstellers und Werbetexters Frédéric Beigbeder auf einen historischen Tiefstwert abgestürzt (3,4 Prozent). Auch die moderate Rechte verstand es nicht, die alten und neuen Unterschichten an sich zu binden. So sind die so genannten Modernisierungsverlierer, wenn sie nicht gleich zu Hause blieben, diesmal einfach abgewandert, zu den Trotzkisten und zu Le Pen.

Nur die wenigsten Wähler Le Pens jedoch - etwa 30 Prozent - identifizieren sich auch mit dem Mann, dem sie ihre Stimme geben. Die Hälfte sind reine Protestwähler, die sich nicht im Geringsten für das Programm der nationalen Front interessieren. Wenn sie zur Wahlurne gehen, treibt sie die Rachlust: Rache an den Verhältnissen, Rache an ihrem glanzlosen eigenen Schicksal.

Befreiung von den beängstigenden Fernsehnachrichten, die täglich eine Viertelstunde lang über Mord und Ausländerkriminalität berichten.

Ressentiments gegen eine sich wandelnde Welt, zu der man selbst nicht die richtigen Schlüssel besitzt. Ihre Wahl ist ein Akt der Entledigung. Sie wollen es wie Le Pen dem "Establishment" heimzahlen mit einer Entscheidung, von der sie wissen, dass "die da oben" sie missbilligen werden. Das hatte der Geheimdienst schon richtig verstanden.

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    • Von Jacqueline Hénard
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 18/2002
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