Der MachtverderberSeite 3/3
Aber wird Jacques Chirac sich jemals von dem Makel erholen, dass er im ersten Wahlgang nur knapp vor Le Pen lag? Ganze 19,88 Prozent der abgegebenen Stimmen, das ist die wahre Legitimitätsbasis des Staatspräsidenten, der Frankreichs Geschicke die nächsten fünf Jahre lang lenken soll.
Und doch: Le Pen hat keinen Erdrutsch zu seinen Gunsten ausgelöst. Misst man das Wahlergebnis nicht an der Zahl der abgegebenen Stimmen, sondern an der Gesamtheit aller Wahlberechtigten, dann ist der Zuwachs verblüffend gering.
1995 haben 11,8 Prozent der Wahlberechtigten für Le Pen gestimmt, diesmal 12,2 Prozent. Rechnet man die Stimmen für Mégret hinzu, dann sind es 13,2 Prozent. Das ist viel, zu viel, aber nicht die dramatische Wende, die es auf den ersten Blick zu sein schien. Erst der hohe Anteil der Nichtwähler - über 28 Prozent - steigert Le Pens Ergebnis auf unerhörte 17 Prozent der Stimmen (knapp 20 mit den Stimmen für Mégret). Von den Erstwählern blieben am vergangenen Sonntag sogar 40 Prozent zu Hause. Wenn die jungen Leute jetzt zu Tausenden auf die Straße gehen, um gegen Le Pen zu demonstrieren, dann verrät das vor allem eins: ihr schlechtes Gewissen.
Jean-Marie Le Pens Erfolg offenbart leider genau das, was er anprangert: die Krise des politischen Systems in Frankreich. Drei Viertel der Franzosen haben das Gefühl, sie seien ihren gewählten Vertretern völlig egal. Die etablierten Parteien, moderate Rechte wie die moderate Linke, sind unfähig, ihr Führungspersonal zu erneuern, attraktive Figuren für sich zu gewinnen und die Programme glaubwürdig auf ihre Wähler zuzuschneiden. In ihren Parteiapparaten geben die Elite-Zöglinge der Verwaltungshochschule Ena (École Nationale d'Administration) den Ton an. Sie haben gelernt, wie man sich unter ihresgleichen durchsetzt, nicht, wie man andere überzeugt. Diskussionen mit Durchschnittsmenschen sind ihre Sache nicht. So hat die parlamentarische Linke ihre Stammklientel verloren, die kleinen Leute. Das gilt für die Sozialisten. Bei den Kommunisten ist der Einbruch geradezu tragikomisch. Ihr Spitzenkandidat Robert Hue ist mit fachmännischer Unterstützung des Erfolgsschriftstellers und Werbetexters Frédéric Beigbeder auf einen historischen Tiefstwert abgestürzt (3,4 Prozent). Auch die moderate Rechte verstand es nicht, die alten und neuen Unterschichten an sich zu binden. So sind die so genannten Modernisierungsverlierer, wenn sie nicht gleich zu Hause blieben, diesmal einfach abgewandert, zu den Trotzkisten und zu Le Pen.
Nur die wenigsten Wähler Le Pens jedoch - etwa 30 Prozent - identifizieren sich auch mit dem Mann, dem sie ihre Stimme geben. Die Hälfte sind reine Protestwähler, die sich nicht im Geringsten für das Programm der nationalen Front interessieren. Wenn sie zur Wahlurne gehen, treibt sie die Rachlust: Rache an den Verhältnissen, Rache an ihrem glanzlosen eigenen Schicksal.
Befreiung von den beängstigenden Fernsehnachrichten, die täglich eine Viertelstunde lang über Mord und Ausländerkriminalität berichten.
Ressentiments gegen eine sich wandelnde Welt, zu der man selbst nicht die richtigen Schlüssel besitzt. Ihre Wahl ist ein Akt der Entledigung. Sie wollen es wie Le Pen dem "Establishment" heimzahlen mit einer Entscheidung, von der sie wissen, dass "die da oben" sie missbilligen werden. Das hatte der Geheimdienst schon richtig verstanden.
- Datum 25.04.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18/2002
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