Ein Kino im Krieg: Palästinensische Flaggen überziehen die Fassade, und von zig Plakaten blickt uns dieser vollbärtige Filmheld entgegen, das Palästinensertuch locker über die Schultern geworfen, ein Maschinengewehr im Anschlag, hinter ihm der Davidstern, in einem Feuerball verglühend. In einer halben Stunde beginnt die Abendvorstellung, doch alle Karten sind schon verkauft. Enttäuscht stehen die zu spät Gekommenen vor dem Kino, hundert Männer vielleicht und einige Frauen mit Kopftuch. Plötzlich hört man ein Rufen, und binnen Sekunden stimmen alle ein, derb ihr Brüllen, mechanisch wie das Kommando von Soldaten: Dschihad! Dschihad! Heiliger Krieg! An den Fassaden zappeln die Fahnen im Seewind Alexandrias.

Seit drei Wochen ist die Stadt an der Nordküste Ägyptens nicht mehr ganz, wie sie war. Erst trafen sich nur die Studenten, um ihre Wut auf Israel herauszulassen. Dann kamen die Schüler und schließlich auch solche Bürger, die sich sonst nicht trauen, ihre Stimme zu erheben, denn Demonstrationen sind im ägyptischen Recht nicht vorgesehen. 30 000 hatten sich neulich versammelt, aufgeregt, die eigene Angst überschreiend: Weist Israels Botschafter aus!, riefen sie. Boykottiert amerikanische Produkte! Und immer wieder: Heiliger Krieg! Manche trugen Arafats Furchengesicht vor sich her, und auf einem der Plakate stand gekritzelt: "Millionen sind bereit, für Jerusalem zu sterben". Dann flogen Steine auf eine Filiale von Kentucky Fried Chicken, die Polizei schlug zu, 200 Demonstranten wurden verletzt, einer blieb tot zurück.

Eine Absage an den Westen?

Gestorben ist Mohammed El-Sayed Alsakka vor einem Haus, in dem die Stadt Alexandria ihre stolze Vergangenheit ins Heute hinüberholen wollte, ja, das für ganz Ägypten ein Bekenntnis der Geistesfreiheit werden sollte. Er ist gestorben, wo in dieser Woche eine grandiose Auferstehung geplant war: die Eröffnung der Bibliotheca Alexandrina. 40 internationale Staatsgäste hatten sich angesagt, um den wunderbaren Neubau zu feiern und den uralten Mythos zu beschwören, der zurückgeht bis auf Alexander, den Großen und Stadtgründer. Er wie seine Nachfolger glaubten an die Macht des Buches und wollten sich von jedem Manuskript der Welt eine Abschrift beschaffen, von den Klassikern wie von den Ketzern, denn in ihrem Universum des Wissens gab es Platz für alle Gedanken, die geliebten und ungeliebten. Das machte die Bibliothek zur wichtigsten des Altertums, in ihrem Universalismus zu einer Universität, 300 Jahre vor Christus.

Später verbrannte der Bücherhort, der Traum aber von einer forschenden Toleranz war nicht zu zertrümmern, und jetzt, endlich, sollte er sich in der Gegenwart erproben, unterstützt von der Unesco, getragen von hohen Spenden aus Okzident und Orient

selbst Saddam Hussein gab 21 Millionen Dollar. Die Eröffnung hätte ein Fanal der Freiheit werden sollen, doch dann, vorige Woche, wurden die Festgäste ausgeladen: Der Traum ist verschoben, auf unbestimmte Zeit.

Eigentlich ist Ägyptens Dauerpräsident Hosni Mubarak kein überhitzter Charakter, seine Worte sind gesetzt, die Gesten gewählt