Mit Büchern gegen BombenSeite 4/4

Vier Millionen Bücher kann die Bibliothek fassen, 500 000 lassen sich unter die Terrassen stellen, direkt zugänglich für jeden Leser. Noch allerdings sind viele Regale leer, und die Computer sirren vor sich hin, ohne dass die Programme funktionierten. Nur die Bildschirmschoner flackern schon und zeigen eine Art Diashow mit den schönsten Bildern des erstaunlichsten Bücherbaus der Gegenwart - als wäre die Architektur Inhalt genug, als wollte man ablenken davon, dass es hier (die Zeitschriften abgerechnet) wenig mehr als 130 000 Bände gibt, eine kunterbunte Mischung, die Besucher aus fernen Ländern kaum anlocken dürfte.

Viel entscheidender jedoch als Zahlen und Sammlungssystematik ist die Frage, wie frei eigentlich angekauft, gelesen und gestritten werden darf. Ägypten ist ein Land der Zensur, mit unterwürfigen Zeitungen und streng überwachtem Kulturprogramm. Alles, was dem Koran zuwiderläuft, gar den Präsidenten lauthals kritisiert, fällt durchs Raster: Ein Hauptwerk des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfus darf nicht erscheinen, selbst ein Deutschlehrbuch wurde beanstandet, weil das Wort Bierbrauer darin vorkam und damit das religiöse Alkoholverbot verletzt schien.

Wird die neue Bibliothek diesen schweren Zensurdeckel lüpfen können? Nur zwei Computer bieten unbegrenzten Informationsrausch im Internet, die anderen öffnen eine Vorauswahl digitaler Seiten. Und kontroverse Bücher wie die Satanischen Verse von Salman Rushdie will man zwar anschaffen, doch im Panzerschrank bewahren, zugänglich nur für den, der Forschungsinteresse nachweisen kann. Es gibt Freiheit - im Hinterzimmer.

Gleichwohl sollte niemand die Macht dieses Bauwerks unterschätzen: Die mächtige Hohlform des Zylinders wird einen Sog auslösen, wird verlangen, gefüllt und belebt zu werden. Für die Fünfmillionenstadt Alexandria, die keine vernünftige Buchhandlung kennt, könnte das Haus zum Kraftzentrum werden. Und für den Staat Ägypten, in dem jeder Zweite nicht Lesen und Schreiben kann, eine 240 Millionen Euro teures Zeichen dafür, dass ihm Bildung doch etwas wert ist.

Ismail Serageldin, einst Vizechef der Weltbank und heute Direktor der (künftigen) Weltbibliothek, ist entschlossen, einen Ort der Debatten und der intellektuellen Gefechte zu etablieren, er ist ein Idealist, der sich zu glauben traut, dass die Macht der Bücher stärker sein könnte als die Macht der Bomben. Ein Kulturprogramm baut er auf, zeigt Kunst, Theater, lädt zu internationalen Kongressen. Und bald schon, so hofft er, werden die ersten Leser hereindürfen. Zumindest öffnen in dieser Woche bereits die kleinen Museen der Bibliothek (für Archäologie und Wissenschaftsgeschichte), und aus aller Welt kommen Besucher, um das Gebäude zu sehen. Sie werden ein Haus erleben, das schon offen ist, doch noch nicht öffentlich - just wie das Land Ägypten, das Zeitungen in ihrer Freiheit beschneidet, doch große Parabolschüsseln auf Privathäusern zulässt, das Autoren unterdrückt, sich aber an Internet-Cafés nicht stört, das Demonstrationen verbietet und Demonstranten duldet. In diese verschlossene Offenheit tritt die Bibliothek hinein, kein stolzes Monument, eher ein symbolischer Poller, an dem sich viele verschiedene Freiheitswünsche vertäuen lassen. Afrika, Europa, Asien, drei Kontinente könnten hier anlegen, gelockt vom antiken Traum einer Vielfalt in Einheit, einer Welt ohne erschlagene Studenten, ohne verglühende Davidsterne, ohne Trümmer der Rache.

 
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