Als Gauvin fünf Monate alt war, brachten ihn seine Eltern voller Hoffnung zum Spezialisten. Der Mediziner verdrahtete den Kopf des Säuglings mit Elektroden und fing an, sein linkes Ohr mit klickenden Lauten zu reizen. Er begann leise, erhöhte den Pegel, drehte lauter und lauter, bis das Geräusch 95 Dezibel erreichte. Doch das Kind blieb ungerührt. Auch das rechte Ohr erwies sich als fast funktionslos. Erst ab 75 Dezibel reagierte das Gehirn auf den Lärm.

Gauvins Eltern waren zufrieden. Ihre Mühen hatten sich gelohnt: Der Junge ist wie sie selbst - nahezu vollständig taub.

Bereits zum zweiten Mal haben Sharon Duchesneau und ihre lesbische Partnerin Candace McCullough in der genetischen Lotterie ihr Glückslos gezogen. Vor fünf Jahren kam Tochter Jehanne zur Welt. Auch damals standen die Chancen fünfzig zu fünfzig, dass das Mädchen das gewünschte Merkmal der Gehörlosigkeit trägt. Und auch damals konnte Sharon Duchesneau glücklich in das Geburtsbuch schreiben: "11. Oktober 1996 - keine Antwort bei 95 Dezibel - taub!"

Behinderung als Auszeichnung

Der Plan des gehörlosen Paares war aufgegangen - trotz Hindernissen. Als Sharon Duchesneau, eine Sozialarbeiterin aus Bethesda in Maryland, sich an die örtliche Samenbank wandte, hatte sie zuerst eine Abfuhr erhalten. Nicht dass sie homosexuell ist, disqualifizierte sie als Kundin. Lesbische Paare gehören zu den Hauptklienten amerikanischer Samendepots. Doch ihre Bitte um das spezielle Sperma eines Gehörlosen blieb erfolglos. Also musste ein Freund einspringen, gehörlos in der fünften Generation. Vergangenen November hatte die Zeugungshilfe zum zweiten Mal Erfolg, auch wenn der Weg zum Wunschkind schwieriger war als in normalen Fällen.

Doch was heißt normal? Mehr als andere Nachrichten aus der schönen neuen Welt der modernen Fortpflanzung bringt der Fall Gauvin und Jehanne herkömmliche Vorstellungen ins Wanken: Was ist normal oder abnormal, gesund oder krank, erlaubt oder ethisch zu verurteilen? Zudem wirft die Fallgeschichte, erzählt in einer langen Reportage der Washington Post, ein grelles Licht auf eine Minderheit, die ihre Behinderung als Auszeichnung versteht. Ihre Vertreter fordern vollständige Anerkennung und Teilhabe - und sei es am neumodischen Recht, sich Kinder nach dem eigenen Bild zu formen.

Insofern stellen die "ersten tauben Designerkinder", wie die amerikanische Presse sie nennt, alle Debatten über die eugenischen Gefahren der neuen Reproduktionstechniken auf den Kopf: Statt krankes Leben auszusondern, wurde hier behindertes Leben bewusst angestrebt. Der perfekte imperfekte Mensch.