Ist ein Schwarzbuch Globalisierung noch nötig? Ja. Denn trotz aller schönen Erklärungen hat sich an der internationalen Finanzarchitektur und der Handelsorganisation, die den reichen weißen Norden privilegiert, nichts geändert, und die Wirtschaftsteile sind noch lange nicht so aufgeklärt wie die Feuilletons. Die ökonomische Alphabetisierungskampagne muss also weitergehen. Das Schwarzbuch enthält analytische und strategische Aufsätze zu allen Aspekten der Globalisierung: Technik, Finanzen, Landwirtschaft, Multis, Politik. Ihre Autoren: einige der wichtigsten Köpfe der NGOs, die weltweit den Kampf gegen den Globalisierungsgoliath begonnen haben. Wer also wissen will, "was die Globalisierungskritiker wollen", der bekommt es hier aus den radikalen Quellen.

Um nur einige zu nennen: Walden Bello, der philippinische Soziologe, stellt dar, wie die Politik des IWF in der Asienkrise florierende Schwellenländer in bürgerkriegsähnliche Situationen stieß und die Arbeit von Jahrzehnten zerstörte

Vandana Shiva, zornige Anführerin der weltweiten Bewegung der Kleinbauern, analysiert die Zerstörung der Subsistenzlandwirtschaft in Indien durch den Weltagrarmarkt

Hermann Scheer, Präsident des Weltsolarforums, skizziert eine "solare Weltwirtschaft", in der die Märkte für landwirtschaftliche Produkte und Ressourcen regional und die für Technik global würden, womit die ökologisch und sozial desaströsen langen Handels- und Energieketten zerbrächen.

In 27 Kapiteln wechseln strategisch-theoretische Vorstöße mit dem Bericht lokaler Kämpfe, und der kanadische, katholische Sozialethiker Tony Clarke bringt sie auf einen Punkt: Die gemeinsame Basis des Handelns all der Tausende von Gruppen ist die Wiedererlangung der "Volkssouveränität", weltweit. Am Ende geht es nicht nur um Armut, sondern um die Demokratie und deshalb zuallererst um die politische Transparenz der opaken globalen Herrschaftsorganisationen.

Und wo wäre das "politische Subjekt" für dieses unerhörte Unterfangen? Das Wort ist von gestern. Naomi Klein traut der von den Kritiker-Kritikern oft angemahnten "gemeinsamen strategischen Vision" wenig zu: "Denn wem genau sollten wir dann diese Zehn Gebote übergeben?" Die Vielfalt der Bewegung, ihrer Formen und Ziele spiegelt die Totalität des finanzkapitalistischen Zugriffs auf die Welt und das Leben. Richtungslos ist sie deshalb nicht. Sie speist sich aus "einem Nein (zum Neoliberalismus) und vielen Jas": vom eigensinnigen Protest der indischen Kleinbauern über die Studenten der Aktion "Saubere Kleidung", die den Textilmultis Verhaltenskodizes abnötigten, die Angestellten des öffentlichen Dienstes, die sich gegen die Privatisierung der Bildung wehren, bis zum malaysischen Finanzminister, der das IWF-Diktat ablehnte und seinem Land die Asienkrise ersparte.

Die globale Zerstörung hat tausend Formen: spektakuläre, die ganze Regionen verwüsten

alltägliche, wie die 70 Millionen Kilo "hochwertigen" Lachs, den die Deutschen jedes Jahr verzehren. Für jedes Kilo davon werden fünf Kilo Fischmehl gebraucht, die Folge: Der Südpazifik wird leer gefischt. Und deshalb hat der Kampf gegen diese Globalisierung tausend Formen, eigensinnige, soziale, ökologische, politische. Gegen die "Möchtegern-Führer", die von demokratischen Weltregierungen oder revolutionären Parteien träumen, ist diese Bewegung in einen neuen und radikalen Sinne, ja: reformistisch, nimmt sich nichts vor, das nicht unmittelbar erreichbar wäre. Sie beginnt in "autonomen Zonen" - der Landlosen in Brasilien, die das Herrenland, der Gruppen, die in England den kommerzialisierten öffentlichen Raum besetzen, sie setzt sich fort in den Demonstrationen vor den Kongressen der Geldelite oder dem aufklärenden Gespräch mit einem Abgeordneten über das, was er "unserem Mann bei der WTO" (den er oft nicht einmal kennt) mitgeben soll.

Bei aller Thematisierungsmacht, die diese Bewegung schon hat: Der Weg zur Tobin-Steuer, zur Änderung der WTO-Regeln, zur Demokratisierung des IWF ist weit, er führt notwendig über die Instandbesetzung der Parlamente der Industrienationen durch ihre Bürger. Ein weiter Weg? Sicher, aber auch der Weg in die erste Moderne begann in autonomen Räumen: kleineren Stadtfreiheiten, internationalen Netzwerken einzelner Bürger. In diesen Aufsätzen erscheinen die Anfänge der globalen Zivilgesellschaft. Und dazu liefern sie ein Arsenal von Zahlen, Argumenten und Ideen, mit deren Hilfe der Kampf um Souveränität geführt wird. Alles noch mal, diesmal global.

Jerry Mander/ Edward Goldsmith (Hrsg.): Schwarzbuch Globalisierung

Eine fatale Entwicklung mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern

aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Ursel Schäfer

Riemann Verlag, München 2002

516 S., 24,90 e