Das Massaker Er kam nicht vom anderen SternSeite 2/2
Lange hat dabei eine apologetische Wirkungsforschung die Eltern in ihrer Trägheit gehätschelt: Ein direkter Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt könne nicht nachgewiesen werden. Kein Grund zur Sorge also, und erst recht nicht zum anstrengenden Eingriff in die Privatwelt der Töcher - und vor allem der Söhne, die eine hohe Affinität zu den gewalttätigen Spielen und Videos zeigen. Was es für eine Gesellschaft moralisch bedeutet, wenn sie menschenverachtende Unterhaltung für normal hält, stand kaum zur Debatte. Und die moralische Verfassung der Kinder? "Mein Junge ist ein Waffennarr. Und er ist leicht auf die Palme zu bringen", soll die Mutter des Todesschützen und Counterstrike- Fans gesagt haben, so, als ginge es um einen ganz fremden Menschen. Sie wäre nicht die einzige Mutter in Deutschland, die redet, als hätte sie auf ihren Sohn oder ihre Tochter eigentlich keinen Einfluss.
Die Freizeitgestaltung, die jugendlichen Subkulturen, die Selbststigmatisierung durch Piercing und Ghetto-Mode, all dies wird nur selten infrage gestellt. Weil es Mühe machen würde, weil man Verbote durchsetzen und zeitaufwändige Alternativen anbieten müsste; auch, weil es als spießig gilt, sich "einzumischen". Unser Bequemlichkeitsliberalismus ist hoch entwickelt: Die Kinder werden schon wissen, was gut für sie ist.
Sie wissen es nicht. Und wir liegen falsch, wenn wir ihre Coolness zum Nennwert akzeptieren. Die Kinder sehnen sich nach jener Einmischung, die vor allem eins bedeutet: Zuwendung. Doch die wird ihnen tausendfach verweigert. Die Schlussfolgerung: Warum soll man reden, wenn niemand zuhört? Warum Gefühle zeigen, die keinen interessieren? Warum sich an Regeln halten, die von den Erwachsenen nicht verteidigt werden? Das Schweigen zwischen Eltern und Nachwuchs muss aufhören. Und ebenso der fehlgeschlagene gesellschaftliche Großversuch, Verantwortung für Kinder überallhin zu schieben, um nur ja nicht diejenigen damit zu belasten, die allein verpflichtet und berechtigt sind, sie zu tragen.
Vielleicht markiert Erfurt in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Auch weil hier ein Mann selbstlos Verantwortung übernommen hat, in höchster Gefahr und unter Missachtung seines persönlichen Risikos. Von keinem Erwachsenen wird die seltene Tapferkeit des Geschichtslehrers Rainer Heise verlangt, der sich Robert Steinhäuser mit den Worten "Kannst mich erschießen, aber sieh mir dabei in die Augen" in den Weg stellte und ihn daran hinderte, noch mehr Menschen zu morden. Aber von jedem muss der Mut gefordert werden, an die Kinderzimmertür zu klopfen und mit seinem Kind zu reden. Ihm in die Augen zu sehen und auf den Bildschirm. Rechtzeitig.
- Datum 21.11.2006 - 12:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT
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