Z E I T L Ä U F T E König Zahirs Goldenes Zeitalter
Die Rückkehr des greisen Exmonarchen nach Kabul weckt viele Hoffnungen - doch die Bilanz seiner Regentschaft von 1933 bis 1973 war verheerend
Doch wie sah seine Regentschaft wirklich aus, wer war dieser König eigentlich?
Al Mutawakale Alal Lah (auf Gott vertrauend) Mohammed Zahir Schah, Padischah Afghanistan, so lautete einst sein Name samt Titel. Geboren am 15. Oktober 1914 in Kabul, entstammt er dem paschtunischen Stamm der Mohammed Saei aus der Gegend von Kandahar, einer Dynastie, die seit dem 18. Jahrhundert Afghanistan beherrscht hat.
Nach seiner Schulzeit in Kabul wurde er zur Weiterbildung nach Frankreich geschickt. Dort lebte sein Vater, General Mohammed Nadir, der Anfang der zwanziger Jahre Afghanistan in Paris vertrat. Dieser war jedoch bald mit König Amanullah zerstritten, der sein Land 1919 aus britischer Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit geführt hatte. Vor allem Amandullahs Reformpläne - ob nun zur Frauenbildung, zur Abschaffung der Polygamie oder zur Einschränkung der Macht der Geistlichkeit - behagten dem Botschafter-General nicht. Mohammed Nadir nahm seinen Abschied und genoss fortan das schöne Leben in Nizza.
1929 wurde Amanullah mit britischer Hilfe und Unterstützung der erzkonservativen Mullahs gestürzt. Der neue Herrscher Batschae Saqau, ein krimineller Despot, hielt sich allerdings nicht lange; noch im selben Jahr 1929 ließen ihn seine stillen Kombattanten fallen, holten General Mohammed Nadir zurück nach Afghanistan und machten ihn zum König. Unter seiner Regentschaft durfte die Geistlichkeit wieder schalten und walten, wie sie wollte. Sein Sohn und Thronfolger, Prinz Mohammed Zahir, absolvierte derweil die Kriegsschule in Kabul und wurde 1932, mit 18 Jahren, zum stellvertretenden Kriegs- und 1933 zum Erziehungsminister ernannt.
Als sein Vater am 8. November 1933 einem Attentat zum Opfer fiel, ernannte man den jungen Mohammed Zahir zum König. Es heißt, "der kleine Prinz" habe geweint, als er zur Krönung gebracht wurde. Nominell war er zwar jetzt der Herrscher, tatsächlich aber regierte sein Onkel, Ministerpräsident Prinz Mohammed Haschem Chan - und zwar mit eiserner Faust. Nach außen betrieb er eine Politik der absoluten Isolation, nach innen erstickte er jede demokratische Opposition im Keim. Wer immer es damals wagte, die Stimme zu erheben, musste mit langjähriger Kerkerhaft rechnen, manchen brachte die Folter um Verstand und Leben. Friedhofsruhe lag über dem Land.
Eine kleine Geschichte erhellt die Atmosphäre jener Jahre. Haschem Chan gehörte das Dorf San-Abad (das heißt: Von Frauen erbaut), das er kurzerhand in Nau-Abad (Neu erbaut) umbenannt hatte. Bisweilen suchte er es auf. Bei einem dieser Besuche vermisste er plötzlich die Truthühner - Hunderte von Truthühnern, die hier für die Palastküche gemästet wurden. Die aufgeschreckten Hüter eilten herbei und gestanden, dass die Vögel die Ankunft des Prinzen nicht bemerkt hatten: Sie waren einfach im Schatten ihrer Lieblingsbäume liegen geblieben. Haschem Chan ging nun selbst hin und rief nach ihnen, sie rührten sich aber nicht. Er befahl, die Tiere bis zu seinem nächsten Besuch in einen Hof zu sperren und ihnen kein Futter mehr zu geben. Eine Woche später kehrte er wieder, die Tiere waren immer noch in ihrem Gefängnis. Haschem Chan rief sie und warf ihnen Futter hin. Da stürmten sie herbei, bis Seine Hoheit regelrecht umzingelt waren. Zufrieden bemerkte der Ministerpräsident, dass er so auch sein Volk stets behandeln wolle: "Wenn es übersättigt ist, ignoriert es dich, wenn es aber Hunger hat, liegt es dir zu Füßen."
Von solcherart Regierungskunst geprägt, entwickelte sich der junge Zahir Schah allmählich zu einem kleinen Sonnenkönig. Er liebte die Frauen und die Jagd. Einen Harem - den hatte König Amanullah abgeschafft - führte er zwar nicht wieder ein. Dafür aber griff er gern in absolutistischer Manier nach allen Schönen des Landes. Ein eigener "Kuppler" stand stets dafür bereit, sein Gholam-Batschah, ein Page, der für den König auf Frauensuche ging.
Zur Befriedigung seiner anderen großen Leidenschaft, der Jagd, waren in der Nähe von Kabul zwei Seen als Vogelreservate eingerichtet worden: verbotene Zonen, in denen nur der Monarch und seine Angehörigen schießen durften. In den Bergen von Chord-Kabul (Klein Kabul - dem Gebiet, wo 1842 die britische Armee vernichtend geschlagen worden war), ging Zahir Schah auf Hirschjagd. Dort hielt er auch gerne Hof, traf die örtlichen Stammesführer, die er sich mit allerlei Gaben und Gesten gewogen hielt. Ein anderes Refugium, das er von seinen Kabuler Palästen aus regelmäßig besuchte, war das Mustergut Karesemir nördlich der Hauptstadt. Hier hielt er Vieh aus Europa, hier gab er den Edelbauern und seelenvollen Gärtner, hier war er mit seinen Schönen allein. So lebte er, der König aller Afghanen, am liebsten - während sein Volk dahinvegetierte.
Großgrundbesitzer mit Privatgefängnissen
Ein Verdienst allerdings bleibt Zahir Schah aus den frühen Jahren (soweit er das damals zu entscheiden hatte): Es gelang ihm, Afghanistan aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Alle Diplomatie und aller Druck des nationalsozialistischen Deutschlands fruchteten nichts. Selbst die Umtriebe des deutschfreundlichen Abdul Madjid Sabulis, des Nationalbankpräsidenten und späteren Handelsministers, den die afghanische Bourgeoisie freudig unterstützte, hatten es nicht vermocht, das Land in ein Bündnis gegen Britisch-Indien einzubinden.
Innenpolitisch aber war Afghanistan erstarrt. Auf Haschem Chan folgte als Ministerpräsident Schah Mahmoud, der einen milderen Regierungsstil pflegte, doch an den Verhältnissen änderte sich wenig. Viele Intellektuelle, durch die internationale Entwicklung nach 1945 und die antikoloniale Bewegung beeinflusst, wollten diese anachronistischen Verhältnisse nicht länger hinnehmen. Erstmals in der afghanischen Geschichte wurde Anfang der fünfziger Jahre im Parlament eine Fragestunde eingefordert, in der die Regierung Rede und Antwort stehen sollte; es ging um Kredite der USA. Das fanden Seine Majestät so ungeheuerlich, dass alle Initiatoren dieser Fragestunde, ungeachtet ihrer Immunität, verhaftet wurden und ohne Prozess ins Gefängnis kamen.
Damit war schon der erste zaghafte Versuch erstickt, das Land in Richtung einer konstitutionellen Monarchie zu reformieren. Nach Schah Mahmoud war 1953 Prinz Mohammed Daoud Ministerpräsident geworden, ein fünf Jahre älterer Cousin und Schwager des Königs, ein rabiater, technokratischer Militär, der einmal an Kabuls Hauptstraße sämtliche Balkons zertrümmern ließ, weil ihn flatternde Wäsche gestört hatte. Mitte der sechziger Jahre wurde Daoud wieder aus dem Amt gedrängt, und im Oktober 1964 verabschiedete man eine neue Verfassung. Sie, die erste bürgerliche Verfassung nach der Regierungszeit von König Amanullah, sollte aus Afghanistan eine "gelenkte Demokratie" beziehungsweise eine konstitutionelle Monarchie machen. Immerhin: Das Parlament wurde jetzt frei gewählt, und obwohl Zahir Schah das Parteiengesetz nie ratifizierte, bildeten sich bald schon die ersten Parteien, ein demokratischer Frühling kündigte sich an.
Er endete jäh: Im Oktober 1965 kam es zu Studentendemonstrationen in Kabul. Zahir Schah ließ scharf schießen: Drei Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Der König blockierte jetzt alle weiteren Reformen. Für eine politische "Kanalisierung" der entstandenen Krise war nicht vorgesorgt worden. Es begann eine lange Agonie, die erst 1973 mit dem Sturz der Monarchie ihr Ende fand.
Die innenpolitische Bilanz seiner Regentschaft bleibt verheerend. Das Land war, wie Statistiken von 1978/79 zeigen, nach wie vor ein Armenhaus: Die etwa 17 Millionen Menschen lebten unter feudalen beziehungsweise vorfeudalen Verhältnissen. Etwa fünf Prozent Großgrundbesitzer verfügten über 50 Prozent des Bodens, im Norden sogar zwei Prozent über 70 Prozent. Annähernd 85 Prozent der Menschen waren Bauern, Landarbeiter, Knechte, Tagelöhner. Rund 2,5 Millionen zogen als Nomaden und Saisonarbeiter durch das Land, ohne Bildung und gesundheitliche Versorgung und ohne jede Aussicht auf Verbesserung ihrer Lebenssituation. Teilweise gab es noch Leibeigenschaft, die Großgrundbesitzer verfügten über eigene Gefängnisse.
Eines der größten Probleme aber stellte der Analphabetismus dar. Etwa 97 Prozent der Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Die elf Regierungen Zahir Schahs, von 1933 bis 1973, waren daran gescheitert, die Bevölkerung auch nur zu alphabetisieren. Obwohl der Schulbesuch formal als obligatorisch galt, blieb Bildung für die Mehrheit des Volkes völlig unerreichbar.
War schon das afghanische Bildungswunder nichts als eine potemkinsche Erscheinung, so konnte von einer Gleichstellung der Geschlechter im öffentlichen Leben erst recht keine Rede sein. Zwar schaffte der oberste Frauenfreund des Landes im August 1959 per Dekret den Schleierzwang ab, aber das betraf höchstens einige Damen der Oberschicht. Im Übrigen blieb alles beim Alten: Die Frauen konnten ohne die Zustimmung des männlichen Familienoberhaupts nicht heiraten und sich ohne die Zustimmung ihrer Männer niemals scheiden lassen. Eine Scheidung, eine so genannte Verstoßung, war allein den Männern vorbehalten.
So gern sich Afghanistans Schah bei Staatsbesuchen in aller Welt hofieren und als unermüdlicher Modernisierer feiern ließ - bei US-Präsident John F. Kennedy war er zu Gast und im Kreml, bei Frankreichs General de Gaulle, bei Dschamal Abdel Nasser in Kairo, und in Bonn empfingen ihn Bundespräsident Heinrich Lübke und Kanzler Ludwig Erhard -, eine wirkliche politische oder industrielle Infrastruktur wurde nicht aufgebaut. 1967 gab es gerade mal 88 registrierte Industriebetriebe mit 23 436 Beschäftigten - und auch ein Jahrzehnt später, 1978, waren nur 40 000 Menschen von 3,8 Millionen Arbeitenden in Betrieben beschäftigt, also 0,2 Prozent. Gewerkschaften oder andere Interessenvertretungen blieben strikt verboten, dafür war Kinderarbeit an der Tagesordnung, Kindersklaverei weit verbreitet. In den südlichen Teilen des Landes herrschte eine Arbeitlosigkeit von 50 Prozent - just in den Heimatprovinzen jener Stämme, die der Dynastie der Mohammed Saei stets treu zur Seite standen.
800 Ärzte für 17 Millionen Menschen
Unnötig fast zu ergänzen, dass es weder eine allgemeine Sozial- noch eine Rentenversicherung gab, keine Witwen- oder Waisenrente, auch keine Krankenversicherung. Zwar war die Gesundheitsversorgung formal kostenlos, aber es mangelte an Krankenhäusern, selbst in Kabul. In den Provinzen standen lediglich Krankenstationen bereit, die zur Schönung der Statistiken als Hospitäler deklariert wurden. Die Kindersterblichkeit war extrem hoch; nach dem westafrikanischen Obervolta (dem heutigen Burkina Faso) lag Afghanistan weltweit an zweiter Stelle. Fast jedes zweite Kind starb vor Erreichen des ersten Jahres. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Afghanen lag gerade mal bei Anfang 40. Zudem wüteten Krankheiten: Lepra, Pocken und Cholera; wie katastrophal die Lage war, wird daran deutlich, dass es Anfang der siebziger Jahre im ganzen Land nur 800 Ärzte gab.
Doch auch die allgemeinen Wirtschaftsdaten lassen das Goldene Zeitalter, das Zahir Schah seinem Land angeblich bereitet hat, nicht so recht erkennen. Der Außenhandel bewegte sich auf niedrigem Niveau. Er war in allen Jahren defizitär, und von 1963 bis 1977 wuchs das Minus auf rund 2,7 Milliarden Mark. Der Deckungsgrad der afghanischen Importe durch eigene Exporte lag nur bei etwa 50 Prozent; zur Finanzierung des Handelsbilanzdefizits mussten Auslandskredite her. Ebenso war auch die Finanzierung der Fünf- beziehungsweise Siebenjahrespläne für den Zeitraum von 1956 bis 1978 fast völlig von ausländischer Hilfe abhängig. Lapislazuli, der kostbare blaue Halbedelstein, bei dessen Abbau Afghanistan über ein Weltmonopol verfügt, wurde bevorzugt in Limousinen, die das Kennzeichen des königlichen Hofes trugen und an der Grenze nicht kontrolliert wurden, nach Pakistan geschmuggelt ...
Zu all diesen Missständen kam 1971/72 noch eine katastrophale Dürre: Fast anderthalb Millionen Menschen verhungerten. In den Nordprovinzen brachten Eltern ihre Kinder in die Städte, setzten sie dort aus, in der Hoffnung, jemand würde sie mitnehmen und sie am Leben erhalten. Die UN schickten Lebensmittel, doch nur ein geringer Teil davon erreichte wirklich sein Ziel. Eine beträchtliche Menge floss durch unterschiedliche Kanäle auf den Basar, der Ertrag daraus wanderte in die Taschen höherer Beamter, vor allem aber in die von Mitgliedern des Königshauses. Ein Vorfall gilt als besonders spektakulär: Zahirs Sohn, Thronfolger Prinz Achmed Schah, Ehrenpräsident des afghanischen Roten Halbmondes, soll mit dem Geld aus dem Verkauf von Hilfsgütern sein eigenes Lkw-Transportunternehmen Momtas (das Beste) aufgebaut haben, das größte Unternehmen dieser Art in Afghanistan.
Doch die Hungerkatastrophe von 1971/72 war nur das letzte Kapitel: Anfang der siebziger Jahre konnte das Desaster längst nicht mehr übertüncht werden, das Regime Zahir Schahs hatte in jeder Beziehung abgewirtschaftet. Obwohl angeblich nicht abergläubisch, hielt sich der Monarch einen Hofastrologen, Mohammed Ebrahim Qandahari, ohne dessen sternklaren Rat er kaum etwas unternahm. Diesmal jedoch konnte auch Qandahari nicht mehr helfen. Als der König sich im Sommer 1973 (ohne Königin Homaira, aber mit besagtem Pagen) zur Kur auf Ischia im Golf von Neapel aufhielt, erreichte ihn die Nachricht, dass einer seiner engsten Familienangehörigen ihn entmachtet hatte: Prinz Daoud, sein Cousin und Schwager - und langjähriger Ministerpräsident.
Zahir Schah beschloss, in Europa zu bleiben, und zog sich in eine repräsentative Asyl-Villa nach Rom zurück. Zur Zeit des langen Bürgerkriegs hörte man nur wenig von ihm und seinem Clan, zu dem etliche Kinder und Enkel gehören; jetzt aber meldete er sich zurück.
"In einem Bach, in dem einmal Wasser geflossen ist, wird noch einmal welches fließen", so lautet ein afghanisches Sprichwort. Man kann es nur als bitteren Scherz der Geschichte bezeichnen, dass sich so viele Hoffnungen und Erwartungen auf die Person Zahir Schahs richten, ja einige von ihm schon als dem "Retter Afghanistans" sprechen. Zu erklären ist das nur mit der Kriegserfahrung der Menschen, dem Jahrzehnt der sowjetischen Intervention von 1979 bis 1989, dem Terror der Mudschaheddin und der Taliban in den neunziger Jahren. Wie es aber zu dieser Katastrophe, zu all diesen Wirren überhaupt erst kommen konnte, will heute keiner mehr so recht wissen. Und so sehen viele jetzt im greisen König allein den Garanten des Friedens.
Dabei ist klar, dass er bei den anderen "Rettern Afghanistans", bei den Amerikanern, nicht sonderlich beliebt ist. Man nimmt ihm immer noch übel, dass es seine Regierung in den fünfziger Jahren kategorisch abgelehnt hatte, dem regionalen Militärpakt Cento beizutreten, stattdessen aber gern die Wirtschafts- und Militärhilfe Moskaus annahm und eine langfristige afghanisch-sowjetische Zusammenarbeit einleitete.
Washington vor allem will, dass er lediglich, wie vom Petersberger Protokoll vorgesehen, Anfang Juni in Kabul die Große Ratsversammlung, die Loya Jirga, eröffnet - und es damit gut sein lässt. Doch wer weiß. Wer weiß, ob ihn nicht just jene Loya Jirga am Ende noch einmal zum König ausruft. "Was immer das afghanische Volk von mir verlangt", hatte Zahir Schah sibyllinisch verkündet, "werde ich akzeptieren." Und das Volk, nicht nur das afghanische, ist oft sehr vergesslich.
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