Dies ist die Geschichte eines Justizirrtums, von dem die Justiz nichts wissen will. Die Gerichte schweigen, doch es schreit das Papier. Auf vielen hundert Seiten erzählen die Akten die Geschichte dieses großen Unrechts: in Vermerken, Terminverfügungen, Tagebüchern, Strafanzeigen, Fotoserien, Zeugenaussagen, Beschuldigtenvernehmungen, Mitschriften, Zustellungsurkunden, Revisionsbegehren, Rechnungen, Briefen, Beweisanträgen, Zetteln, Protokollen, Diagnosen, Gutachten und Urteilen.

Es ist die Geschichte der 18-jährigen Schülerin Amelie (Name geändert) aus Papenburg im Emsland, die ihres Vaters Adolf S. und die ihres Onkels Bernhard M. Sie beschäftigte Mitte der neunziger Jahre Polizisten, Staatsanwälte, Verteidiger, Ärzte, Psychologen und Richter. Eine verwirrende und böse Geschichte, die mit zwei Fehlurteilen endet, gefällt vom Landgericht Osnabrück: Adolf S. wird 1995 wegen Vergewaltigung seiner Tochter Amelie zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren, Bernhard M. wird 1996 wegen Vergewaltigung seiner Nichte Amelie zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Geständnisse, Zeugnisse von Dritten oder andere Beweise hat es nicht gegeben - nur die Beschuldigungen eines jungen Mädchens und den Glauben der Richter.

Zwei Männer gerieten in die Mühlen der Justiz und wurden zermalmt. Einfache Papenburger Arbeiter, die sich nicht gut wehren können und für deren Schicksal sich im Grunde kein Mensch interessiert - eben ganz normale Angeklagte in diesem Land. Beide haben ihre Strafen inzwischen voll verbüßt. Bis heute beten sie in Endlosschleifen ihre Version her: Sie hätten das Mädchen nicht angerührt. Beide leben im Abseits. Der ehemalige Kraftfahrer Adolf S. hat aus dem Gefängnis in mehr als 2500 Briefen Recht gefordert - bei Ministerien, Medien, Ämtern -, Antwort hat er allenfalls in Standardabsagen bekommen. Heute unterhält er sich irgendwo im Norden Deutschlands auf langen Spaziergängen mit einem dicken Labrador.

Bernhard M., einst gut verdienender Arbeiter auf einer Ölbohrinsel in der Nordsee, ist eine zerschmetterte Existenz. Er hat sich in die Obhut der Psychiatrie geflüchtet, weil ihn Angst und der Gram über seine Verurteilung nicht mehr unter Menschen leben lassen. Er malt Bilder von blutenden Figuren, einsam in nachtschwarzer Landschaft, auf die allein aus dem Himmel ein dünner Lichtstrahl fällt.

Als Amelie am 8. November 1994 ihren Vater bei der Polizei Papenburg wegen mehrfacher Vergewaltigung anzeigt, wird der sofort festgenommen. Sie selbst ist da schon mehr als vier Monate Patientin in der neu eröffneten Kinder- und Jugendpsychiatrie des Marienhospitals Papenburg. Ein junger Mann hatte sie abgewiesen und daraufhin hatte sie eine Menge Herztabletten ihrer Großmutter geschluckt und war eingeliefert worden. Diese unglückliche Liebe bezeugen Familienangehörige und Amelie selbst. Sie zeigt in der Psychiatrie beängstigende Verhaltensauffälligkeiten. Sie weint und zittert, sie nässt ein. Sie hält ihre unerfahrenen Betreuerinnen nach deren eigenen Aussagen mit immer neuen Anschlägen gegen sich selbst in Schrecken und Sorge. Ostentativ fügt sie sich mit Glasscherben, Rasierklingen oder Spritzen blutende Wunden zu, verschwindet von der Station und löst Suchaktionen aus, sie platziert Abschiedsbriefe und Todesanzeigen für sich selbst so, dass die Therapeuten sie finden müssen, sie begeht Suizidversuche, bei denen sie sich entdecken lässt, trinkt Duschgel und Franzbranntwein und verschlingt wahllos Medikamente.

Irgendwann in dieser Phase beginnt sie ihren Vater anzuklagen: Er habe sie missbraucht seit sie zwölf ist. Fing sie selbst davon an? Hat sie jemand danach gefragt? Wo die Beschuldigung letztlich herkommt, klärt weder die Glaubwürdigkeitsgutachterin M., die von der Staatsanwaltschaft beauftragt wird, noch später das Gericht, obwohl die Entstehung der Erstaussage in solchen Fällen den Ausschlag gibt. Das Stationspersonal beteuert, man habe nie nachgebohrt, Amelie selbst sei es überlassen gewesen, ob sie sich anvertrauen wolle. Bei der Psychologin M. sagt Amelie allerdings, man hätte auf der Station "dauernd versucht, das rauszukriegen" und: "Die haben das irgendwie hier geahnt." Sicher ist, dass Amelie schließlich mit ihren Enthüllungen offene Türen einrennt, und wie eine Erlösung kommt es über die Station. Alles passt zueinander für den 38-jährigen Chefarzt Dr. C., die 29-jährige Psychologin Frau L., die 25-jährige Krankenschwester S. Amelie hat ein Erfolgserlebnis. Und die Glaubwürdigkeitsbeauftragte M. ruft immer wieder auf der Station an und lässt sich bekräftigen, wie glaubwürdig das Mädchen sei. Diese Telefonate sind in ihren Gutachten dokumentiert.

Das vergewaltigte Mädchen war immer noch Jungfrau

Niemand befragt jene Patientin, die mit Amelie zu dieser Zeit über Monate das Zimmer teilt. Sie hätte erzählen können, wie die Stationspsychologin L. in den Therapiestunden auf sie einwirkte: "Ob ich nicht von meinem Vater oder meinem Onkel angefasst worden bin." Sie habe aber, sagt sie der ZEIT, keinen Gebrauch gemacht vom Angebot, die Verwandten zu belasten. Ihre damalige Freundin Amelie habe ein interessantes Buch gehabt: Das geheime Tagebuch der Laura Palmer. Es ist die albtraumhafte, erotikgeladene Ich-Erzählung eines jungen Mädchens, das seit dem zwölften Lebensjahr vom Vater sexuell heimgesucht und schließlich ermordet wird. Den Titel schmückt das blutleere Gesicht einer Mädchenleiche. Kurz bevor sie ihren Vater anzeigt, schreibt auch Amelie am 3. November 1994 in einem "Tagebuch" nieder, was ihr widerfahren sein soll.

Drei Tage dauert die Hauptverhandlung gegen Adolf S., vom 27. bis zum 31. März 1995. Seine Tochter schildert unter Ausschluss der Öffentlichkeit die sexuellen Angriffe in allen brutalen Details, die sich dann auch im Urteil wiederfinden. Die erste Vergewaltigung datiert sie demnach in den Oktober 1988, als sie zwölf Jahre alt ist: wie der Vater nach einem Saufgelage Mutter und Geschwister durch Verwüstungen und Wutausbrüche in die Flucht schlug. Wie nur sie, Amelie, zurückblieb und grausam gezüchtigt wurde. Wie es bei dieser Misshandlung im Spielzimmer neben der Küche unter großen Schmerzen ("wie Messerstiche") zur ersten Vergewaltigung kam. Weitere Vergewaltigungen hätten über die nächsten Jahre verteilt stattgefunden, in ihrem Zimmer oder im Büro des Vaters, unbemerkt vom Rest der Familie, unter Drohen und Würgen.