Tonträger Nr. 19/2002

Planetenferne Fremde und viele kleine Gimmicks

Es scheint, als habe jede Epoche der Musik eine Fanfare, die sie einleitet: der berühmte Tristan-Akkord, mit dem Wagner die klassische Harmonielehre aushebelt, die Hornquarten von Arnold Schönbergs Kammersinfonie, die eine neue Zeit der Melodie signalisiert oder der Orchesterschlag, mit dem Pierre Boulez seinen Zyklus Pli selon pli eröffnet. Ein gewaltiger Schlag, dem eine ruhevolle Musik folgt. Pli selon pli - Falte um Falte - ist ein Zyklus von fünf Stücken über Gedichte von Stéphane Mallarmé.

1957 hatte Boulez begonnen, an der ersten von drei Improvisationen sur Mallarmé für Sopran und Orchester zu schreiben, 1962 war er weitgehend fertig. Aber nichts ist je fertig bei Boulez, kein Stück, das nicht überarbeitet (und das heißt immer: zu einem neuen Werk gemacht worden wäre), keine Einspielung, die nicht durch eine deutlichere, klarere ersetzt worden wäre. Und von seinem Schlüsselwerk der frühen Zeit macht er alle zehn Jahre eine Produktion. Die neueste, bei der Grammo erschienen (Deutsche Grammophon 471 344), mit der Sopranistin Christine Schäfer und dem Ensemble Intercontemporain hat hinsichtlich Klangdifferenzierung, Farbenreichtum und Prägnanz bislang nicht ihresgleichen.

Man wird die Musik kaum eine Vertonung nennen können, dazu ist sie zu selbstständig: Der Text ist eigenwillig zerrissen, eigenmächtig überwuchern die Instrumente den Gesang. Fernab aller Vorbilder hören wir einen Komponisten auf der Suche nach Ausdrucksmitteln für seine Gegenwart. Die Resultate waren atemberaubend abstrakt, ebenso kühl wie von planetenferner Fremdartigkeit: der Klang der Moderne. Der Dichterfreund von Boulez, Michel Butor, beschreibt ihn anhand von Tombeau, dem Abschlusssatz des Zyklus: "Hier erhebt sich allmählich ein großer Bau, ein immer eindrucksvolleres Mausoleum, das überragt wird von Rufen der Blechbläser, die aus dem Gebüsch, aus dem Wald der anderen Instrumente wie Türme aufragen, bald ein Tosen, das plötzlich verlischt, einen Augenblick später noch einmal in Erinnerung gerufen wird, und dem sich die fließenden, den Gesang der Verse begleitenden Klänge entgegenstellen. Der Fluß wird am Ende von einem gewaltigen Ausrufezeichen des gesamten Orchesters abgeschnitten." Dieses Ausrufezeichen ist die Fanfare des Anfangs. Das Stück endet, wie es begonnen hatte. Die Signatur eines Jahrhunderts. Frank Hilberg

Viele kleine Gimmicks

Gute Beziehungen erleichtern das berufliche Fortkommen. Das gilt im richtigen Leben genauso wie in der Welt des Pop. Gute Beziehungen allein aber machen noch keine große Popmusik. Davon wissen auch Jason Schwartzman und Sam Farrar ein Lied zu singen, beide Mitglieder der kalifornischen Rockband Phantom Planet.

Neffe von Francis Ford Coppola und umjubelter Hauptdarsteller von Wes Andersons Kultfilm Rushmore der eine, Sohn vom Grease-Soundtrack-Komponisten John Farrar der andere, hatten sie 1998 zwar keine Probleme damit, nach ein paar Auftritten auf Schulfesten einen Plattenvertrag bei einer großen Firma zu bekommen. Ihr Debütalbum jedoch wollte in den Staaten kaum jemand hören. Kein Wunder, hatte es doch höchstens die Qualität einer überdrehten Teenager-Klamotte. In Folge widmeten sich Phantom Planet wieder ihren Tätigkeiten als Schauspieler, Models und Musikstudenten. Der Traum von einem gelungenen Popalbum aber blieb.

The Guest(Epic/Sony) heißt ihr jetzt zweiter Versuch, dem man anhört, dass hier fünf Anfangzwanziger endlich die Reifeprüfung bestehen wollen: feiner, ausgeklügelter Gitarrenpop, Songs, die leicht und unbekümmert klingen, denen man trotzdem die Entwicklung, die Zeit im Proberaum und nicht zuletzt eine perfekte Produktion mit vielen kleinen Gimmicks anhört. Da selbst das manchmal nicht ausreicht, haben Phantom Planet jetzt glücklicherweise auch das aktuelle Geschehen des Musikmarktes auf ihrer Seite. Amerika und der Rest der Welt sind bereit für Rockmusik jenseits von Grunge und neuem Metal, und Phantom Planet passen nur zu gut in die Bewegung mit den vielen neuen, ungestümen Rockbands.

Mit den Strokes teilen sie die Bürde, berühmte Eltern zu haben. Mit dem Black Rebel Motorcycle Club das Faible für Filmzitate: Phantom Planet hieß ein obskurer Science-Fiction-Film aus den Sechzigern. Mit allen zusammen das Bewusstsein, dass es in der Popmusik alles schon gegeben hat - und trotzdem nur die Gegenwart zählt. Neue Radikale für moderne Zeiten, ausgestattet mit Songs, die im Fall von Phantom Planet mal unwillkürlich an die Beatles erinnern, mal ganz bewusst an Elvis Costello. Die dann aber so viel Eigendynamik entwickeln, dass die sonnigen Gemüter der Phantom-Planet-Musiker hell durchscheinen: Kalifornien, Sonnenstrahlen, schöne Mädchen, Beachpartys. Selbst wenn es einmal um einen einsam verbrachten Tag oder eine falsche Entscheidung mit Folgen geht: Am Ende überwiegt auf The Guest immer die Freude darüber, auch daraus noch einen Popsong fabrizieren zu können. Eine CD-Länge Ruhm ist damit sicher. Wer war noch mal gleich der Onkel von Jason Schwartzman? Gerrit Bartels

 
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