Es gibt entscheidende Momente im Leben eines Politikers. Der argentinische Präsident Eduardo Duhalde hat sie in seiner Karriere erkannt.

Bevor er sich im Jahr 1991 zur Kandidatur für das Gouverneursamt der Provinz Buenos Aires bewegen ließ, zögerte er. Und zwar so lange, bis ihm der damalige Staatschef Carlos Menem und dessen Wirtschaftsminister Domingo Cavallo die Entscheidung versüßten. Sie garantierten ihm die Verfügungsmacht über einen Teil der nationalen Steuereinnahmen, damals etwa zwei Millionen Dollar pro Tag. Für "soziale Zwecke". Ohne jegliche Vergabekriterien oder Kontrolle. Der Journalist Hernán López Echagüe beschreibt in einer "politischen Biografie" des heutigen Präsidenten, dass der Sozialfonds sehr viele Aufträge an Unternehmen vergeben hat, deren Chefs mit Duhalde oder dessen Parteigenossen befreundet waren: "Seit der Gründung des Fonds sind 42 Prozent aller Arbeiten von nur sechs Baufirmen ausgeführt worden." Unter ihnen ist auch Victorio Américo Gualtieri, der Aufträge im Wert von mindestens 50 Millionen Pesos bekam. Gleichzeitig teilten die Gualtieris in den Sommerferien ihren Mate mit der Gouverneursfamilie Duhalde am Strand von Pinamar.

Derselbe Gouverneur Duhalde erfand den "Plan Glückliche Tage": Schüler aus einkommensschwachen Familien sollten auf Kosten des Sozialfonds eine Woche Ferien am Meer machen. Unter Vertrag genommen wurde die Firma "Komplex Glückliche Tage", ohne jede Ausschreibung oder Preisvergleich mit Konkurrenten. Das Unternehmen war angeblich eine Hotel- und Gastronomiefirma, hatte aber noch nie eine solche Reise organisiert. Der Preis pro Schüler: 358 Dollar, während der Marktpreis bei rund 150 Dollar lag. Den Verantwortlichen wurde das erst klar, als die Kinder schon längst ihre Ferien genossen.

Skandal! Doch Duhalde saß ihn aus. Es gab keine Untersuchungskommission, und bestraft wurde auch niemand. Dafür strengte Duhalde einen Prozess an, der ihn von Vorwürfen freisprach, er habe persönliche Vorteile aus dem Sozialfonds gezogen.

Zwei Episoden, die viel über Argentinien erzählen. Das Land gehörte vor wenigen Generationen zu den reichsten der Erde, heute dagegen ist es arm und hoch verschuldet. Ende des vergangenen Jahres erklärte die Regierung endgültig ihren Bankrott, als sie ihre Schulden im Ausland nicht mehr bezahlte, die Banken schloss und Renten kürzte. Die Reaktion des Volkes war unmissverständlich: Es revoltierte, demolierte seine Hauptstadt und verjagte die gescheiterte Regierung. Seither hält nichts und niemand den Zerfall auf.

Woher sollte ein rettender Held auch kommen? Die Elite des Landes ist moralisch seit langem am Ende: Altpräsident Carlos Menem etwa oder sein Nachfolger Fernando de la Rúa, sie waren in Bestechungsfälle verwickelt.

Gegen Menem läuft zudem ein Gerichtsverfahren wegen Waffenschmuggels. Es gibt nur wenige Spitzenpolitiker und Großunternehmer, die nicht im Verdacht stehen, staatliche Gelder veruntreut zu haben. Wegen Korruption verurteilt werden zwar wenige, aber plötzlich auftretender Reichtum ist ein bekanntes Phänomen in besseren Kreisen. Wer Gründe für die Lage des Landes sucht, der muss auf die politische und wirtschaftliche Elite schauen.