Ö L Die Feuer von Baku

Neue Pipelines werden Öl und Gas vom Kaspischen Meer auf die Weltmärkte leiten. Eine riesige Chance - vor allem für die Europäer

Murtusa Muxtarow hatte sich in seinem Herrenhaus verbarrikadiert, während draußen Gewehrschüsse knallten. Er war einer der letzten aserbajdschanischen Ölbarone, dessen Festung nicht geschleift worden war. Unter den schweren Schlägen der Belagerer ächzte das Tor des gotischen Prunkbaus, an den Stuckdecken klirrten die Lüster. Plötzlich standen zwei Soldaten in der Eingangshalle. Muxtarow erschien oben auf der Marmortreppe, die Linke an die Balustrade gekrallt, in der Rechten ein Revolver. Er zog zweimal ab und streckte die Eindringlinge zielsicher nieder. Dann schoss er ein letztes Mal - in die eigene Schläfe.

Das war 1920. In Muxtarows Palast zog die Sowjetmacht ein, der kaum zwei Jahre alte aserbajdschanische Staat verlor seine Unabhängigkeit. Seine Petroleummagnaten und noblen Beis flohen nach Westen, wer blieb, war meist des Todes. Die Ölförderanlagen, die um 1900 mit dem Segen des Zaren über ein Drittel der Weltölproduktion geliefert hatten, verkamen unter den Bolschewiki in den zwanziger Jahren.

Seit 1991 ist Aserbajdschan wieder unabhängig und ringt um seine junge Existenz. In Baku stehen die alten Paläste der Gründerzeit noch, meist grau und brüchig - manche jedoch glanzvoll aufpoliert. Am Prospekt der Ölarbeiter mit freiem Blick auf das Kaspische Meer residieren die neuen Petroleumfürsten des Landes: keine Privatiers mit Revolver auf eigene Rechnung, sondern bestellte Beamte mit direkter Telefonleitung zum Präsidenten Hejdar Alijew.

Über einen solchen Draht verfügt auch Walech Aleskerow. Der Liebhaber unverkrampft naturalistischer Gemälde von Ölplattformen ist Generaldirektor der größten staatlichen Ölgesellschaft Socar - und als solcher einer der wichtigsten Architekten der aserbajdschanischen Zukunft. Seine Erfahrungen hat der Ingenieur auf den Ölfeldern im russischen Norden gesammelt. Im neoklassizistischen Socar-Palast plant der 56-Jährige nun, wie sein Land auch ohne die Russen auskommen kann.

Die jüngsten Vorschläge von Präsident Putin, einen Gasverbund der ehemaligen Sowjetstaaten unter russischer Führung aufzubauen, ärgern den Mann. "Solche Vorschläge zerstören jeden Sinn freier Konkurrenz auf dem Markt" - Aleskerow zuckt kurz mit den scharf geschnittenen pechschwarzen Augenbrauen. Er war dabei, als westliche Ölmultis unter Führung von BP 1994 den "so genannten Jahrhundertvertrag" über die Ausbeutung der großen aserbajdschanischen Ölvorkommen vor der Küste abschlossen. Seither brennt Aleskerow die Frage auf den Nägeln: Wie kommt das kaspische Öl auf die Weltmärkte?

Bewachung zu Pferd

Es boten sich die erprobten russischen Rohre nach Noworossijsk am Schwarzen Meer an. Sie wurden durchlöchert vom Kugelhagel des Tschetschenienkriegs und von jenen lokalen Ölbaronen, die nach dem Stoff nicht lange im Boden suchen, sondern zeitsparend fremde Pipelines anbohren. Die Aserbajdschaner begannen deshalb, gemeinsam mit den Türken und den Georgiern eine große Pipeline von Baku zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan zu planen. Die US-Regierung nährte diesen Traum. Er versprach, kaspisches Öl an den dominierenden Russen und den ungeliebten Iranern vorbei auf die Märkte zu leiten. Die Reserven unter dem Meer sollen die Vorherrschaft der Opec-Länder schwächen. Moskau und Teheran verhöhnten die Pipeline als "politisch", Ölmänner mokierten sich über die schlechten Rechner in Washington und Baku. Heute lächelt Aleskerow über die Kritiker. "Die werden staunen. Wir beginnen voraussichtlich im Juni mit der Bauphase. Anfang 2005 kann dann das Öl fließen."

Eine amerikanische Verschwörung gegen Iran und Russland? Nichts dergleichen. Zwar hatte US-Präsident Clinton geworben, getrommelt und 1999 die Grundlagenverträge zwischen Georgien, Aserbajdschan und der Türkei vermittelt. Doch am Baukonsortium sind - Ironie der Ölgeschichte - nur zwei US-Konzerne beteiligt. Mit gerade mal zehn Prozent. Den Löwenanteil bestreiten europäische Multis, Türken und Aserbajdschaner - aus kommerziellem Interesse. Führer der Investorengruppe ist der BP-Konzern. Seine Manager residieren in einem orientalisch dekorierten Bau hoch über dem Kaspischen Meer, dem einstigen Kulturpalast Iljitsch von Baku. BP leitet zugleich jenes Konsortium, das draußen auf offener See das grandiose Ölfeld Azeri-Chirag-Güneschli erschließt. Mit jeder Bohrung steigen die erwarteten Reserven: BP spricht seit neuestem von 5,2 statt 4,7 Milliarden Barrel. "Das reicht problemlos, um die Pipeline nach Ceyhan auszulasten", erklärt ein Ölmanager im einstigen Kulturpalast. Nicht eingerechnet ist, was die Konzerne in den nächsten Jahren am Kaspischen Meer noch entdecken werden. Die Kasachen zum Beispiel haben das größte Ölfeld der Welt außerhalb des Nahen Ostens, Kaschagan, erst nach jahrelangen Bohrungen am Meeresgrund entdeckt.

Die High-Tech-Röhre von Baku nach Ceyhan wird 1746 Kilometer lang sein. Acht Pumpstationen von jeweils der Größe eines Fußballfeldes werden das Rohöl umwälzen, bis es sich in die türkischen Hafenterminals ergießt. Drei Milliarden Dollar soll die Anlage kosten. Ein Drittel bringen die Ölgesellschaften auf, den Rest steuern internationale Kreditgesellschaften bei. Eine türkische Firma baut die Pipeline; die Regierung in Ankara hat zugesichert, unerwartete Mehrkosten tragen zu wollen. Offen ist nur noch, wo die Aserbajdschaner ihren Anteil hernehmen. Denn der Internationale Währungsfonds in Washington (IWF) verbietet ihnen, mehr als die Zinseinkünfte aus dem heimischen Ölfonds abzuschöpfen.

Bei der Sicherheit der Röhre hingegen sind keine Fragen offen. "Auch an der kleinen Ölleitung von Baku nach Supsa haben wir lokale Wachposten", sagt ein westlicher Ölmann. "Sie tragen hübsche rosa Hemden und patrouillieren auf Pferden die Pipeline." Und weil doppelt besser hält: Die Strecke nach Ceyhan wird über weite Strecken unterirdisch verlegt.

Das ist neu in Aserbajdschan, wo Öl stets bei Tageslicht vergossen wurde. Die Apscheron-Halbinsel ist ein ruinierter Naturpark von rötlich schimmernden Salzseen und schwarzen Öltümpeln. Die Vorstädte von Baku spicken unzählige windschiefe Bohrtürme, die aus klebrigen Lachen ragen. Rund um die Uhr schwingen die Ölpumpen auf und nieder, wie unermüdlich nickende Maultiere. Wer umhergeht, muss aufpassen, dass er nicht in einen dunklen Trichter stürzt. Niemand hat sich auf der Halbinsel je die Mühe gemacht, die Tausende von Ölbrunnen zuzuschütten. Daraus schöpften die Arbeiter im 19. Jahrhundert den Stoff noch mit Eimern. Viele der Tagelöhner sind in den selbst gegrabenen Schächten ersoffen. Noch heute gluckst in der Tiefe der Sud, zu viel zum Trockenlegen, zu wenig zum Fördern.

Da brennt der Berg

Am Ortseingang von Mamedli brennt der Berg. Das ist nichts Besonderes. Die Eselskarren der Salzschöpfer und die Jeeps der Ölmagnaten fahren daran vorbei. Nur eine Gruppe von fidelen japanischen Geschäftsleuten hat es sich an der gewaltigen Feuerstelle bequem gemacht. Unter einem dekorativen Baldachin lassen sie sich Kräutertee servieren. Zehn Meter hinter ihnen drängt das Erdgas aus dem Berg. Der Brand lässt sich nicht löschen und wird so zum bukolischen Naturereignis. Die Japaner bestellen sich Nüsse zum Tee.

Aserbajdschans Reichtum fasziniert Feueranbeter - nördlich von Baku lodert seit Urzeiten ein Zarathustra-Tempel - und Energiemanager gleichermaßen. Wie beim Öl werden die größten Gasvorkommen heute nicht auf dem Festland, sondern im Kaspischen Meer vermutet. Vor der Küste von Baku sind die Multis 1998 auf das reiche Gasfeld Schah-Denis gestoßen. Die geschätzten 700 Milliarden Kubikmeter Gas wollen sich BP und der norwegische Konzern Statoil mit Aserbajdschanern, Türken, Franzosen, Italienern und der russischen Lukoil-Gruppe teilen. Ab 2005 soll gefördert werden.

Baku ist das Grand Café des Kaspischen Meeres. Sehen und gesehen werden: In einem Teehaus signiert die ehemalige First Lady von Tschetschenien, Alla Dudajewa, gerade die Biografie ihres von den Russen getöteten Mannes Dschochar Dudajew. Im Hyatt-Hotel lädt der griechische Minister für strategische Entwicklung zum Kaffee in die Präsidentensuite. Akis Tzochatsopoulos verhandelt in Baku mit der Regierung über Gaslieferungen von Aserbajdschan nach Griechenland. Dafür gibt es gute Gründe: Parallel zur Ölpipeline von Baku nach Ceyhan wird eine Gaspipeline in die Türkei gebaut. Für den Energiemarkt der Region ist das eine Revolution. Türken und Griechen standen vor sechs Jahren noch am Rande des Krieges. "Heute legen wir unsere Gasnetze zusammen", sagt Tzochatsopoulos und gießt noch eine Tasse Kaffee nach. Das Erdgas kommt aus Aserbajdschan und wahrscheinlich auch den Nachbarländern. Tzochatsopoulos fährt demnächst nach Iran und Kasachstan.

Die Türken sind dort schon gewesen. Ihr Gasimport wächst rapide. Deshalb wollen der stellvertretende Energieminister Yurdakul Yigitgüden und der türkische Sicherheitsrat verhindern, sich von einem Land abhängig zu machen. Die Russen liefern derzeit den Löwenanteil - demnächst auch durch eine neue Unterwasserpipeline im Schwarzen Meer. Doch bezieht die Türkei, der Musterverbündete der USA in Nahost, Erdgas auch direkt von der "Achse des Bösen" - aus Iran. "Die Mengen wachsen bis 2006 um das Dreifache", sagt Yigitgüden ganz gelassen. In Aserbajdschan sind die Türken selbst an der Gasförderung beteiligt. "Ab 2005 wird Erdgas von Baku in die Türkei strömen", versichert der Minister.

Mit Kanonen auf Geologen

Ist das nicht zu viel des guten Gases für die Türkei? "Wir bauen große Pipelines für uns - und für Europa", lacht Yigitgüden. Mit dem Finger auf der Landkarte fährt der Türke die gleichen Linien ab wie sein griechischer Kollege. "Vom Kaspischen Meer in die Türkei, weiter nach Griechenland - und von dort über den Balkan oder vielleicht Italien nach Mitteleuropa." Beim Blick auf die Karte fällt auf, dass Aserbajdschan und Iran deutlich näher an Europa liegen als die meisten sibirischen Gasfelder. Von dort stammt bisher rund ein Drittel des europäischen Erdgasbedarfs. "Bei den hohen Transportkosten ist die Nähe nicht unwichtig", sagt Yigitgüden. "Für Europa bieten die Rohstoffe am Kaspischen Meer in wenigen Jahren große Chancen." Wären da nicht die Gefahren, die mit Streit, Armut und Ignoranz überschrieben sind.

Streit: Ende April trafen sich die Präsidenten der Kaspi-Staaten im turkmenischen Aschgabat, um über die Aufteilung der Bodenschätze des Meeres zu beraten. Russland, Kasachstan und Aserbajdschan sind sich weitgehend einig. Nur der selbstherrliche Präsident Saparmurat Nijasow ("größter Führer aller Turkmenen") und die Iraner verweigern sich einem sauberen Schnitt entsprechend der Küstenlinien. Der Dauerzwist behindert die Erschließung weiterer Felder. Im Juli 2001 verjagte ein iranisches Kanonenboot BP-Geologen, die auf hoher See nach Öl suchten. Russland nutzt derweil die Unsicherheit, um sich zum Schirmherr des Kaspischen Meeres aufzuschwingen. Setzt sich Putin mit seinem Vorschlag eines postsowjetischen Energieverbunds samt Kartellpreisen durch, werden Erdgasexporte vom Kaspischen Meer für Europa keine attraktive Ergänzung zu russischem Gas sein, sondern Teil der Moskauer Kalkulation.

Armut: Wie es sich für die Region geziemt, wird Aserbajdschan von einer Familie samt ihrer Günstlinge beherrscht. Präsident Hejdar Alijew führte sein Land in den neunziger Jahren aus Russlands schmuddeligem Hinterhof in die Unabhängigkeit; er gewann die Multis der Welt als Investoren. Aber er hat es nicht verstanden, sein Volk den neuen Wohlstand spüren zu lassen. In diesem Land, wo Erdgas von allein aus dem Boden drängt, bleiben die Haushalte täglich stundenlang ohne Gas, weil die Leitungen zusammenbrechen. Die Infrastruktur aus den Einnahmen des Ölfonds aufzubauen, verbieten die hehren Grundsätze des IWF in Washington. Noch wiegt sich Aserbajdschan in polizeilich verbürgter Stabilität, doch der 78-jährige Alijew ist schwer krank. Alle, die sich wie Aleskerow in seinem Glanze wärmen, wünschen ihm noch viele Jahre.

Ignoranz: Aserbajdschan und Georgien waren in den neunziger Jahren Herzensanliegen der amerikanischen Regierung. Allein sie sprachen von Pipelines, nur sie schien die Region als künftiger Rohstofflieferant zu interessieren. Den Socar-Strategen Aleskerow wundert das: "Für Amerika sind wir ein möglicher Lieferant von vielen, für das nahe Europa könnten wir weitaus wichtiger sein. Doch seitens der EU, vor allem aber aus Deutschland, spüren wir kaum Interesse." In Brüsseler Schubladen schmort eine "Strategie für den Kaukasus", Außenminister Fischer kam voriges Jahr zu einem Blitzbesuch in Baku vorbei. Doch aus alledem folgt nichts: keine Vermittlungsversuche, kein Stabilitätspakt. Auch deutsche Unternehmer bleiben Baku weitgehend fern. Ein Aserbajdschaner, der in Deutschland gelebt hat, erklärt sich das so: "Warum sollte das Kaspische Meer die Deutschen schon interessieren? Sie verbrauchen doch keine Energie, sie sparen sie nur."

 
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