Die Pharmaflüchtlinge

Flache Hierarchie, Freiraum zum Forschen - das lockte große Tiere aus der Industrie in kleine Firmen. Jetzt hilft dort die Führungserfahrung

Peter Stadler kann überzeugen. Nur eine Stunde benötigte der Chemieprofessor, um Christine Nüsslein-Volhard dafür zu begeistern, mit ihm zusammen ein Bio-Tech-Unternehmen zu gründen. Stadler war dafür eigens in den US-Bundesstaat Utah geflogen, wo die Medizinnobelpreisträgerin aus Tübingen zu einem Kongress als Ehrengast geladen war. Zusätzlich holte er den bekannten Genetiker Klaus Rajewski ins Boot.

Das war 1997. Auf den Tag genau nach 21 Jahren kündigte Stadler seinen sicheren und hoch dotierten Führungsposten bei der Bayer AG in Leverkusen. Dort leitete er zuvor im Geschäftsbereich Pharma die Biotechnologie. Der erste Firmensitz seines jungen Unternehmens mit Namen Artemis Pharmaceuticals war sein Eigenheim. Seine Frau und er durchsuchten die Kataloge der Grossisten nach einer günstigen Büroeinrichtung und beantragten ein Schließfach bei der Post. Banalitäten im Vergleich mit den früheren Aufgaben des 56-Jährigen. "Irre, was man da alles machen muss", sagt er heute.

An die Garagenatmosphäre der Anfangstage denkt der Firmengründer gern zurück. "Man muss selbst die Ärmel hochkrempeln können, sonst soll man so etwas bleiben lassen." Stadler hatte Glück, er gründete sein Unternehmen in einer Phase, in der Selbstständigkeit wieder schick zu werden begann. Die Biotechnologie wurde als Zukunftsbranche entdeckt, von Industriepolitikern ebenso wie von Wagniskapitalgebern. Heute hat Artemis Pharmaceuticals zwei Unternehmenssitze - in Köln und Tübingen - und rund 100 Mitarbeiter. Die Firma, die sich vor zwei Jahren mit dem amerikanischen Unternehmen Exelixis zusammengeschlossen hatte, sucht nach Genen, die bei Krebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten eine Rolle spielen.

Fritz Stähler kann ähnliche Geschichten erzählen: Die Idee, ein vollautomatisches DNS-Analysegerät zu entwickeln und das Mannheimer Start-up-Unternehmen Febit zu gründen, heckte der 65-Jährige vor fünf Jahren mit seinen zwei Söhnen, einem Physiker und einem Molekularbiologen, und zwei weiteren Mitstreitern am heimischen Esstisch aus. Der erste Mitarbeiter, den das heutige Aufsichtsratmitglied anheuerte, musste denn zunächst mit einem Arbeitsplatz im Hobbyraum der Familie in Weinheim vorlieb nehmen. Der damals frisch gebackene Arbeitgeber war andere Personalumfänge gewohnt: Bei Boehringer Mannheim hatte Fritz Stähler 12 500 Leute unter sich; in 25 Jahren hatte sich der Arzt und Biophysiker zum Spartenleiter der Diagnostik hochgearbeitet.

Wie er haben viele Köpfe der deutschen Biotechnologie großen Pharma- oder Chemiekonzernen den Rücken gekehrt, um sich der Herausforderung mit Haut und Haaren zu verschreiben: als Unternehmensgründer. Die Pharmaprofis haben ideale Voraussetzungen für ihren neuen Job: Viele von ihnen leiteten bei den großen Arzneimittelherstellern die biotechnologischen Abteilungen und brachten neben wissenschaftlichem Know-how auch Kontakte mit, vor allem zum weitaus fortgeschritteneren Bio-Tech-Business in den Vereinigten Staaten.

Spitzenmanager wie Fritz Stähler oder Peter Stadler, für die auch der Begriff "Pharmaflüchtlinge" kursiert, hatten schnell die Schwächen ihrer Arbeitgeber angesichts der biotechnologischen Revolution erkannt. Zum einen erforderte die Arbeit mit lebenden Organismen oder deren zellulären Bestandteilen andere Produktionsbedingungen als die Herstellung von chemischen Medikamenten.

Schlaflos? Nur bei ernsten Problemen!

Früher funktionierte Arzneimittelforschung so, dass "Chemiker Substanzen produzierten, die sie einem Hund zu fressen gaben - je nachdem, ob der Herzrasen bekam oder pinkeln musste, hatten sie ein Blutdruckstimulanz oder ein Entwässerungsmittel erfunden", so Karsten Henco über die Ursprünge seiner Branche. Heute forschen Wissenschaftler zuerst nach genetischen Ursachen für Krankheiten, für die sie dann gezielte Wirkstoffe entwickeln können. Und dass sich inzwischen so viel geändert hat, ist Henco und seinesgleichen zu verdanken. Henco, heute im Aufsichtsrat von Evotec, arbeitete selbst in der Pharmaindustrie, bevor er Gründer wurde und mit Qiagen und Evotec gleich zwei deutsche Bio-Tech-Unternehmen aus der Taufe heben half.

Große Pharmakonzerne verfügen meist nicht über die Innovationskraft, die nötig ist, um möglichst schnell die Technologien und Produkte zu entwickeln, nach denen der Bio-Tech-Markt verlangt. Die Arzneimittelriesen haben sich deshalb mehr und mehr auf die Rolle der Marketingmaschine im Genetikgeschäft verlegt - und den Bio-Tech-Pionieren die puzzelige Vorarbeit überlassen.

"Nur kleine Einheiten können effektive Forschung betreiben, die großen Unternehmen sind dafür nicht flexibel genug", so auch die Erfahrung von Peter Buckel. Der Molekularbiologe hatte nach 22 Jahren Konzernerfahrung bei dem 1997 von Roche übernommenen Pharmaunternehmen Boehringer Mannheim 1999 in Martinsried bei München die Xantos Biomedicine AG mitbegründet. Inzwischen hat der Bio-Tech-Start-up ein robotergestütztes Screening-Verfahren entwickelt, mit dem sich medizinisch relevante Gene zügig identifzieren lassen.

Begriffe wie Flexibilität und Dynamik so die Erkenntnis der ehemaligen Pharmaexperten wie Buckel, sind mit den Strukturen eines Industrieriesen nur schwer vereinbar. Wolfgang Rüdinger, Geschäftsführer von Cytonet, einer inzwischen eigenständigen Ausgründung aus der Roche Diagnostics: "Großunternehmen beschäftigen sich zu 80 Prozent mit sich selbst", urteilt der Mediziner und Chemiker, der 14 Jahre lang bei Boehringer in der Diagnostik tätig war. So werde ein Großteil von Zeit und Energien in Abstimmungsprozesse innerhalb des Konzerns investiert - und in unternehmungspolitische Angelegenheiten. Peter Buckel bestätigt: "Dinge wie Macht, Image, die Zahl der Mitarbeiter und Sekretärinnen, die man hat, spielten eine enorme Rolle. Damals hatte ich wegen solcher internen Querelen schlaflose Nächte." Heute schläft er nur noch schlecht, wenn sein Unternehmen wirkliche Probleme hat.

Aber auch die Freiheit, Entscheidungen durch Zuruf über den Gang treffen zu können, anstatt bergeweise Anträge schreiben zu müssen, Mitarbeiter einfach einzustellen, statt Stellenpläne aufzustellen, das Unternehmen in kürzester Zeit wachsen zu sehen, das sind die neuen Erfahrungen, welche die Bio-Tech-Gründer aus der Arzneiindustrie schnell begeistern. "Diese schöpferische Kraft des Vorwärtsentwickelns ist einfach faszinierend", so Artemis-Chef Stadler. Peter Buckel ergänzt: Freiheit und Unabhängigkeit, das war schon ein tolles Gefühl."

Dennoch möchten viele Unternehmensgründer die Karrierestation bei den Großkonzernen nicht missen. Denn wer als forschungsbegeisterter Jungwissenschaftler an Bord eines Pharmariesen gegangen war, verließ das Schiff oft als gestandener Kapitän. Und das angesammelte Führungs-Know-how ist heute im eigenen Unternehmen Gold wert.

Der Boom ist erst mal vorbei. Die Kurse sind gesunken. An der Börse können Bio-Tech-Unternehmen momentan kein neues Geld beschaffen. Fördermittel gibt es meist nur für Start-ups. Für das Gros der deutschen Bio-Tech-Unternehmen beginnt der Ernst des Lebens, sie müssen eigenes Geld verdienen. Gegen Gebühr stellen sie ihre Technologie den Konzernen zur Verfügung. Noch lukrativer ist es, selbst nach Medikamenten zu forschen. Am weitesten ist dabei die Martinsrieder Firma MediGene. Sie hat Präparate gegen verschiedene Krebsarten in der Produktpipeline - als Erstes soll ein Medikament gegen Prostatakrebs an den Start gehen. Die notwendigen Kenntnisse für eine zielgerichtete Produktentwicklung habe er sich während seiner sieben Jahre bei dem Chemiekonzern Wacker angeeignet, so MediGene-Gründer und Vorstandsvorsitzender Peter Heinrich. "Da habe ich gelernt, wie ein Unternehmen funktioniert."

 
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