Hass Das Kasperle der Grausamkeit

Die Popkultur soll schuld sein am Amoklauf in Erfurt. Doch Zensur ist keine Lösung. Gegen den Hass hilft nur ein ganz neues Verständnis für die ewige Rebellion der Jugend.

Die Zeit seit der Tat sei zu kurz, um zu verstehen, sagen Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums vor laufender Kamera, und das Pappschild fragt "Warum?". Anderen war sie zu lang, sie riefen auf der Stelle nach "Konsequenzen". Knapp zwei Wochen, das sind auch zwei Wochen der Politikerrunden, der Expertenbefragungen, der laizistischen wie professionellen Einschätzungen - und der Rezepte: Gewaltvideos und Computerspiele hat man bei dem Täter gefunden, auch einige Heavy-Metal-CDs der blutrünstigeren Sorte. Bis auf weiteres stehen sie unterm dringenden Verdacht der Beihilfe zum Amoklauf.

Dass die Politik nicht ohne den Verbotsreflex auskommen würde, war zu erwarten und folgt der Logik des Populismus. Aber auch weniger schnell schießenden Instanzen graut dieser Tage vor der Popkultur. In den Newsgroups und Chat-Foren des Internet hat Frank Schirrmacher den "Kern jener ,Hass'-Industrie" fixiert, "über die künftig zu reden sein dürfte" (FAZ vom 30.4.02). An gleicher Stelle erkennt Dietmar Dath, passionierter Heavy-Metal-Hörer und Exchefredakteur des Popmagazins Spex, in der Seelenruhe des Teenage-Mordens eine Melodie, die die "Hassindustrie" vorgespielt hat. Ein neuer Sound mischt sich auch von liberaler Seite in das öffentliche Räsonieren über das Schicksal jugendlicher Delinquenten, ihr Tenor: Wer Monstern in den Medien freien Lauf lässt, erzeugt am Ende Medienmonster.

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Bemerkenswert daran ist nicht nur, dass die spontane Identifikation mit den Usern, den Pickligen und Pubertanden, die lange zum guten Ton der Popkulturkritik gehörte, aufgekündigt ist. Das Verhältnis von Fantasie und Tat steht erneut zur Debatte. Wenn die Optik des Konsumenten zunehmend medialer wird, nähert sich die Wirklichkeit dann nicht der Simulation? Und wenn die Trennung zwischen unmittelbarer Lebenswahrnehmung und inszenierter Lebensdarstellung verschwimmt, liegt es dann nicht nahe, den Film wahr werden zu lassen? So wurde schon 1999 im Falle von Littleton, Colorado, dem ersten global wahrgenommenen Teenage-Massaker an Schulen, laut über die "Mitschuld der Medien" nachgedacht. Und tatsächlich: Mit dem gut gemeinten Ratschlag an Eltern, ihren Kindern tief in die Augen zu blicken, wird es nicht getan sein. Längst ist ein Teil ihrer Erziehungsgewalt an Bilder und Töne übergegangen.

Dass Robert Steinhäuser einen Lebensfilm inszeniert hat - vieles spricht dafür. Auf zu evidente Weise ähnelt seine Tat dem Drehbuch von Hollywood-Filmen, der virtuellen Realität eines Videos. Ein Racheengel, der da bewaffnet durch die Flure der Schule zog, die ihn verstoßen hatte, und seine Lehrer erschoss, ohne Anteilnahme für die Opfer, sonst hätte er früher aufgeben müssen. Stattdessen gefiel er sich in der Rolle des einsamen Regisseurs, der seine Fantasien mit unheimlicher Leichtigkeit ins Reale hinüberspielen lässt. Die Pumpgun erinnert an Schwarzenegger, der schwarze Kampfanzug an Ninja-Kämpfer. Noch das Schlussbild seines Showdowns ist ein Zitat. "Für heute reicht's" - mit solchen Worten legt ein erschöpfter Spieler den Joystick aus der Hand.

Die Stilisierung zur Kunstfigur entspricht einer Praxis, die die Poptheorie beschäftigt, seit der Teenager als konsumfähiges Subjekt entdeckt wurde. Risse und Leerstellen des Selbstbildes werden durch Leihgaben von außen ins Heroische umgedeutet. Identität im Zeichen von "Style" ist Ergebnis eines Bastelprozesses, für den die Kultur ein ganzes Arsenal von Symbolen, Ritualen und Praktiken bereitstellt. Für den, der es versteht, die Zeichen handzuhaben, enthalten sie das Versprechen, dem Alltag auf magische Weise wenigstens für Momente zu entkommen. Lange war die sprichwörtliche Straße Ort dieser Verwandlung, waren es Kinos, in denen man sich auf den billigen Plätzen zurücksinken lassen konnte, Tanzböden und Kinderzimmer, in denen Musik lief. Neuerdings sind es auch Konsolen, die die verschiedenen Medien im Guckkastenformat miteinander vereinen.

Der Flirt mit dem Bösen

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