G L O B A L E   M Ä R K T E Japanische Peinlichkeiten

Schlechte Noten für Nippon: Das Land könnte bald nur noch so kreditwürdig wie Botsuana sein

Der Fußball bringt Japan nur wenig Gutes, fürchtet Fumiaki Sato. In wenigen Wochen beginnt dort und in Südkorea die Weltmeisterschaft. "Wenn die Leute aus allen Ländern demnächst kommen, werden sie staunen, wie gut es uns Japanern geht und wie wunderbar die WM organisiert ist", sagt der Volkswirt aus Tokyo, der für die Deutsche Bank den japanischen Aktienmarkt beobachtet. Doch seiner Meinung nach wird das Land während der Meisterschaft einen trügerischen Eindruck vermitteln. "Heute weiß die ganze Welt, dass die japanische Wirtschaft in der Krise steckt", sagt Sato.

Dass es um die Kreditwürdigkeit des Landes nicht gerade gut bestellt ist, haben die amerikanischen Rating-Agenturen Standard & Poor's und Moody's mehr als deutlich gemacht. Die Agenturen, die die Bonität von Staaten am weltweiten Kapitalmartkt festlegen, haben Japan bereits 1998 aus der Spitzenklasse der sichersten Staaten herausgenommen. Seither wird die Kreditwürdigkeit in immer kürzeren Abständen herabgestuft. Standard & Poor's senkte zuletzt im April die Note auf AA-. Damit sind Staatsanleihen aus Japan genauso vertrauenswürdig wie solche der Tschechischen Republik oder Malta. Noch schlimmer könnte es in der nächsten Woche kommen, wenn Moody's sein neues Urteil abgeben wird: Dann droht der Absturz auf die Note A, womit Japan auf eine Stufe mit Botsuana rutschen würde. Solch eine schlechte Bewertung wäre extrem peinlich für die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.

Existenzbedrohend wäre aber auch diese Herabstufung noch nicht. Denn Japan unterscheidet sich von Schwellenländern, die in einer solchen Situation eine drastische Kapitalflucht befürchten müssten. Das asiatische Land ist auf ausländisches Geld schlicht nicht angewiesen. Obwohl die Regierung den höchs-ten Schuldenberg aller Staaten aufgetürmt hat, ist das Land immer noch der größte Nettogläubiger der Welt. Nicht Japan ist bei ausländischen Gläubigern verschuldet, sondern die Welt bei japanischen Gläubigern.

Hinzu kommt, dass der japanische Staat vor allem Schulden in eigener Währung hat. Der Anteil, den Ausländer an der Staatsschuld halten, ist mit 5,8 Prozent fast zu vernachlässigen. "Selbst im ungünstigsten Fall, wenn alle Ausländer sich von ihren japanischen Staatsanleihen trennen sollten, wäre das kein großes Problem", sagt Guido Zimmermann, Japan-Spezialist der DekaBank. Allenfalls einige ausländische Fonds dürften sich nach der Herabstufung von japanischen Staatsanleihen trennen. Denn oftmals schreiben die Anlagerichtlinien der Fonds vor, nur in solche Anleihen zu investieren, die mindestens das bessere AA-Rating aufweisen.

In einem offenen Brief wirbt der japanische Vizefinanzminister Haruhiko Kuroda bei den Rating-Agenturen für Verständnis. "Japan verfügt über das größte Sparguthaben der Welt", schreibt er. "Das ermöglicht uns, den Großteil unserer Schulden im Inland bei niedrigen Zinsen zu finanzieren. Zudem verfügt Japan über den größten Leistungsbilanzüberschuss der Welt, ist die größte Gebernation der Welt und besitzt die größten Währungsreserven der Welt."

Japan wird nicht fallen. Trotzdem ist die öffentliche Schuldenkrise alles andere als unbedeutend. Volkswirte wie Jesper Koll, der Chefökonom des amerikanischen Finanzhauses Merrill Lynch in Tokyo, sprechen sogar von einer möglichen "Schuldenfalle". Wird es das japanische Volk - bei aller privaten Sparsamkeit - jemals schaffen, wieder aus den Miesen zu kommen? Die offiziell ausgewiesene Staatsverschuldung ist deutlich höher als das Bruttosozialprodukt. Die jährliche Neuverschuldung der öffentlichen Hand - umgerechnet auf jeden der rund 127 Millionen Japaner - beträgt mehr als 350 000 Yen, das entspricht etwa 3000 Euro.

Viel erschreckender ist das Gesamtbild der Außenstände von Staat plus privater und öffentlicher Finanzwirtschaft: Unter Berücksichtigung von Banken, Pensionskassen und öffentlichen Unternehmen ist Japan mit zwischen 400 und 500 Prozent seines Bruttosozialprodukts verschuldet. Um in dieser Lage auch nur den Anstieg der staatlichen Neuverschuldung zu stoppen, bedürfte die Regierung zusätzlicher Einnahmen in der Höhe von 40 Billionen Yen pro Jahr - bei derzeitigen Steuereinnahmen von insgesamt 50 Billionen Yen eine völlig unrealistische Erwartung.

Die Diskussion über die tatsächliche Lage Japans ist nicht neu. In jedem Frühjahr, kurz vor Abschluss der Bilanzen, tauchen die Ängste vor dem Einbruch des chronisch überschuldeten japanischen Finanzsystems auf. Worauf jedes Jahr im Mai, wenn Banken und Konzerne ihre Abschlüsse vorlegt haben, Entwarnung gegeben wird.

Im Alltag bleibt die Krise unsichtbar. In Bus und U-Bahn lässt sich eher der Fortschritt dingfest machen. Früher trugen dort die Pendler den Gameboy mit ins Büro, später war es das Tamagotchi. Heute ersinnen sie mit dem Bildschirm-handy in der Hand ständig neue Beschäftigungen. Immer schon profitierte die japanische Industrie von der Technikbegeisterung der eigenen Bevölkerung. Dieser Enthusiasmus prägt auch heute noch den Alltag im Inselreich. Derzeit besitzen 40 Prozent der Japaner ein Handy mit Internet-Anschluss. Saison für Saison lassen sich die Verbraucher mit neuen Automodellen betören. Toyota und Honda bleiben im weltweiten Vergleich Spitzenreiter ihrer Branche. Zwar hat es große Schwierigkeiten bei Nissan gegeben, doch sind sie dank dem neuen Chef Carlos Ghosn und der Allianz mit Renault bestens gelöst worden - das Unternehmen schreibt schon wieder 4000 neue Stellen aus. Wie kann es Japan schlecht gehen, wenn es den drei größten Autokonzernen des Landes gut geht?

Notwendige Reformen werden verhindert. Viele Konzerne verzichten darauf, unprofitable Geschäfte abzustoßen. Banken gewähren hoffnungslos überschuldeten Firmen immer neue Kredite; die Politik verteilt höhere Sozialleistungen. So musste noch kein großes Bauunternehmen, keine richtig große Supermarktkette, keine wirklich bedeutende Bank Pleite gehen - obwohl fast alle Großkonzerne dieser Branchen Milliardenverluste mitschleppen. Die Leistungen für Arbeitslose im ersten Jahr nach dem Arbeitsverlust sind die umfangreichsten innerhalb der OECD.

So scheint es für Japan nur einen Weg zu geben, um aus der Schuldenfalle herauszukommen: Inflation, vielleicht sogar Hyperinflation. Doch was dann wird, wenn die Zinsen steigen, will heute niemand wissen. Zumal es gerade wieder bergauf geht mit der Konjunktur: Dafür sorgt der Aufschwung in den USA, der die japanischen Exporte antreibt und nach Stagnation in diesem Jahr ein Wachstum von 1,5 Prozent im nächsten Jahr verspricht.

Von einer wirtschaftlichen Erholung aus eigener Kraft ist Japan weit entfernt. "Als Regierung haben wir die Aufgabe, die makroökonomische Stabilität zu wahren", sagt Masaki Omura, Sprecher des Finanzministeriums. Aber der eloquente Spitzenbeamte weiß zugleich: "Bisher haben wir zu viel Gewicht auf Stabilität und zu wenig auf Reformen gelegt." Tatsächlich hat die erfolgreiche Stabilitätspolitik des Ministeriums bislang nur bewirkt, dass Politik und Unternehmen wichtige Entscheidungen aufschoben, während das Land immer tiefer in den Schuldenstrudel geriet. Kann also nur ein spürbarer ökonomischer Einbruch die Umkehr erzwingen? Im offiziellen Gespräch will Omura nicht so weit gehen. "Auch in England hat der Umbau des Systems 30 Jahre gedauert", tröstet sich der Reformbefürworter.

Viele in Japan - angefangen vom Premierminister Junichiro Koizumi bis hin zur Opposition - reden öffentlich von dem notwendigen Systemumbau. Geschehen ist bislang allerdings wenig. Vor allem die Stimmen der Unternehmer fehlen in der Diskussion. "Japan hat drittklassige Politiker, aber erstklassige Unternehmer", lautete ein beliebter Ausspruch zu Zeiten des japanischen Wirtschaftswunders. Jetzt stellt sich heraus: Die Unternehmer sind genauso wenig entscheidungsfähig wie die Politiker. Mitsubishi baut nach wie vor alles: Kameras, Kraftwerke und Raketen; Sony gibt sein unprofitables Filmgeschäft nicht auf; nur Nissan wagte, ein paar Fabriken zu schließen - benötigte dafür aber einen ausländischen Chef.

Hier verortet Fumiaki Sato von der Deutschen Bank ein Grundproblem: "Die großen Konzerne schaden heute der japanischen Wirtschaft", sagt der Volkswirt. Dabei redet er nicht vom technologischen Know-how und der Qualität der japanischen Arbeitskräfte. Er redet gezielt vom Management der großen Unternehmen. "Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Grundkonzept der Konzernführungen nicht geändert: Sie machen alle alles und hegen das Familiengefühl im Konzern." Und weil ihm unklar ist, wer dieses Konzept umwerfen könnte, sieht Fumiaki Sato "fünf bis zehn weitere Jahre der Stagnation" in Japan voraus.

Mitarbeit: Robert von Heusinger

 
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