Bären fechten

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Wenn das Theater sich selbst zum Thema macht, wird es gefährlich: Es locken so herrliche Möglichkeiten, dass man schnell auf ausgetretene Pfade gerät.

Allein das weite Feld der Theaterkatastrophen! In Bullets over Broadway hat Woody Allen die Fresssucht des Hauptdarstellers zum Heidenspaß aufgebauscht.

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Man könnte aber auch wie Thomas Bernhards Theatermacher den Schiffbruch des Künstlers am Stumpfsinn seiner Mitmenschen als Havarie der ganzen Welt begreifen oder wie in Macht der Gewohnheit immer aufs Neue am Forellenquintett verzweifeln. Der sprichwörtliche Blick hinter die Kulissen ist längst ein Klassiker: Das Vorspiel auf dem Theater in Goethes Faust I spiegelt ebenso vor, man ließe sich in die Karten sehen, wie die Sternstunde des Joseph Bieder, Revue für einen Theaterrequisiteur. Auch in Michael Laubs Porträts 360 sek, einem Selbstporträt des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, treten neben verschiedenen Schauspielern allerlei dienstbare Geister auf. Die Putzfrau erzählt, dass manche Regisseure große Schmutzfinken sind und warum sie viel lieber zur Musik ihren Schrubber tanzen ließe. Ein baumlanger Statist führt vor, wie man baumlange Könige oder fechtende Bären darstellt.

Allerdings (und das ist neu): Die Putzfrau und der Statist sind echt. In zwölf mal 360 Sekunden dürfen zwölf Theaterleute tun oder sagen, was sie (vielleicht wirklich?) schon immer mal tun oder sagen wollten. Ein Star verliest seine absurdesten Kritiken. Eine Schöne erzählt ihre Kindheit als Schauermärchen. Ein Mädchen mampft Schokolade, ein anderes schneidet Grimassen. Indem die Regie das Ungefüge mit dem Wohlberechneten verknüpft, verschafft sie dem Publikum auf raffinierte Weise eine Ahnung von den Elementen, aus denen Theater besteht: aus Übermut und Überwindung, aus Sehnsucht und Fleiß, Glück und Angst. Die Selbstdarstellung als eitles Unternehmen jedoch bleibt dezent, weil sie im Einzelnen so direkt ist. Der stille Unabsichtliche bekommt die gleichen kurzen sechs Minuten Zeit wie der laute Exhibitionist, darum siegt am Ende das Theater als fantastische Maschine über das Theater als Figurenfabrik.

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