Über dem kleinen Städtchen Malargüe am Fuß der Anden ist der Himmel weit und blau. Der Blick von Bürgermeister Celso Jaque streift über Steppengras bis zum Horizont. Doch etwas stört das Idyll: In der Pampa stehen, wie geklonte Swimmingpools, Kunststofftanks in Reih und Glied, jeweils eineinhalb Kilometer voneinander entfernt. 1600 von ihnen werden in einem Jahr eine Fläche größer als das Saarland bedecken. Kein Panorama, auf das ein Bürgermeister stolz sein dürfte. Doch Jaque sagt: "Malargüe wird jetzt weltbekannt."

Tatsächlich ist die Pampa Amarilla ein auserwählter Ort - erwählt von 250 Wissenschaftlern aus 19 Ländern. Physiker und Astronomen wollen hier die schnellsten und energiereichsten Atomkerne des Universums aufspüren.

Vorvergangene Woche weihten sie offiziell das zweite Detektorgebäude ein, das zum großen Teil aus deutschen Beiträgen finanziert ist. Doch schon vor ein paar Monaten konnten sie die ersten Spuren beobachten. Die Teilchen kommen aus dem All und sind seit Millionen Jahren nahezu mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Viel mehr wissen die Wissenschaftler nicht. Also haben sie Fragen: Woher kommen die Teilchenprojektile? Und welche geheimnisvolle Kraft bringt sie auf ihre unvorstellbare Geschwindigkeit?

In den 11 000 Liter fassenden Wassertanks von Malargüe sucht man nach Antworten. Die dort auftreffenden Elementarpartikel erzeugen in dem hoch reinen Wasser bläuliche Lichtblitze. Diese werden von Fotodetektoren registriert und als Funksignal von ferngesteuerten Handys zum Kontrollraum am Rand der Steppe weitergeleitet. Was bleibt, sind eine Menge Bytes auf den Festplatten. Und die Hoffnung, dass darin des Rätsels Lösung verborgen liegt.

Radioaktive Schauer regnen herab

Die bizarre Formation der Tanks, die durchaus als Land-Art bei der nächsten documenta durchginge, könnte jedoch nicht nur wissenschaftliches Interesse wecken. "Das sind dankbare Ziele für Gewehrkugeln", fürchtet Karl-Heinz Kampert, der das Projekt gemeinsam mit seinem Kollegen Hans Blümer vom Forschungszentrum Karlsruhe mit vorantreibt. Die weithin sichtbaren Tanks sind wie geschaffen für die Schießübungen pubertierender Revolverhelden. Bei einem Treffer plätschert ein hübscher Wasserstrahl heraus. Daher setzt Kampert, der mit seinem dunklen Vollbart väterliche Fürsorge ausstrahlt, auf Aufklärung. "Die Bevölkerung muss sich damit identifizieren können." Sonst wird das Projekt für die Forscher zum Albtraum.

Ähnliche Teilchendetektoren durchmustern bereits in Utah und Japan den Himmel über der nördlichen Hemisphäre. Nun soll mit dem Experiment - benannt nach Pierre Auger, der 1938 erstmals Teilchenschauer am Boden maß - auch die Südhalbkugel in den Blick genommen werden. Von dort aus kann man direkt in das Zentrum unserer Milchstraße spähen. Neben Argentinien kamen Australien und Südafrika als Standort infrage. Nelson Mandela schickte sogar ein Bewerbungsfax an die Forscher. Doch nur in der Provinz Mendoza fanden diese die richtige Mischung aus klarer Luft und potenziellen Geldgebern, die sie für ihr 54 Millionen Dollar teures Projekt brauchten.