Der neue Klassenkampf
Die Gewerkschaften wollen Gleichheit - und produzieren immer mehr Arbeitslose
Klaus Zwickel macht teure Späße. Der Chef der IG Metall nutzt die Stunde des Streiks, um mit neoliberalen Kritikern abzurechnen, die ihn als Betonkopf hingestellt haben. Jahr um Jahr verlangten sie von ihm flexiblere Lohnabschlüsse - und jetzt serviert er ihnen den "Flexi-Streik", Arbeitsniederlegungen an wechselnden Standorten.
Nach sieben Jahren, in denen sie bescheiden war und doch beschimpft wurde, schlägt die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung zurück. Und hat sie nicht Recht? Netto haben die Arbeitnehmer seit 1995 so gut wie nichts hinzuverdient, während sich die Vorstände der großen Unternehmen mehr als 50-prozentige Gehaltssteigerungen gönnten: deutsche Vorbilder im Raffzeitalter. Und als vergangenes Jahr die Gewinne abstürzten, schrumpften die Chefgehälter nur symbolisch um zwei Prozent. Mit Misserfolgen haben die Leistungsrhetoriker offenkundig nichts zu tun. Am heftigsten bedienten sich Rolf Breuer und seine Vorstandskollegen in den Türmen der Deutschen Bank: Der scheidende Chef allein gönnte sich mehr als zehn Millionen Euro - eine neue Variante von Shareholder-Value. Da soll man sich aufregen, weil die IG Metall für eine Vier vor dem Komma streikt?
Man muss. Denn mit ihrer Strategie bremst die Gewerkschaft nicht bloß die Konjunktur für die Dauer von einigen Monaten. Indem sie flächendeckend Erhöhungen durchsetzt und Niedriglöhne in Deutschland ablehnt, gräbt sie mit am schwarzen Loch des Arbeitsmarktes. Am unteren Rand der Gesellschaft wächst eine neue Klasse der Chancenlosen heran - und mit ihr das Risiko längst vergessener sozialer Klassenkonflikte.
Die Spitzenfunktionäre haben es auf Streik angelegt und die Erwartungen ihrer eigenen Mitglieder nach oben getrieben - und berufen sich nun auf den Zorn der Basis. Dieser Verteilungskampf kostet Arbeitsplätze. Wie alte Tonnenideologen beharren die Funktionäre auf der Standardforderung aus den frühen Tagen der Industriegesellschaft: Mehr Lohn für alle - egal ob sie in einer reichen oder verlustreichen Firma arbeiten, ob ihre Talente am Markt gefragt sind oder nicht. Das überfordert viele Unternehmen und überteuert viele Jobs. Neue Rationalisierung ist die Folge - noch mehr Arbeitslosigkeit.
Wie man die Gesellschaft spaltet
Ihre Schutzbefohlenen müssten am Zuwachs der Produktivität beteiligt werden, sagt die IG Metall. Doch diese Messgröße wächst, wenn die Wirtschaft mit mehr Maschinen und weniger Menschen arbeitet. Steigt nun der Lohn kräftig, setzen die Firmen umso stärker auf Technik. Ungewollte Folge: Die Produktivität klettert weiter - und die Gewerkschaften fordern für noch weniger Arbeitnehmer noch mehr Geld. Zwar glaubt die IG Metall, mit neuer Härte die "Gesellschaft zusammenzuhalten". In Wirklichkeit spalten die Folgen dieser Politik aber die Gesellschaft - in Menschen mit und ohne legale Arbeit, mit und ohne Aufstiegschancen, mit und ohne Zukunft.
Soziale Gerechtigkeit ist heute etwas anderes als allgemeiner Hochlohn. Das belegen Länder, die in den neunziger Jahren massenhaft Arbeitsplätze schafften. Nicht nur Amerikaner und Briten, sondern auch die des neoliberalen Brauchtums unverdächtigen Iren und Niederländer bezahlten einen Preis für ihr Jobwunder: Die Einkommen verteilen sich ungleicher als früher. Schuld ist nicht so sehr, dass die gut verdienenden Investmentbanker, Anwälte und Berater vom Boom profitierten - das auch. Die Verteilung franste insgesamt aus, weil am unteren Ende mehr Menschen für Niedriglöhne arbeiteten, statt weiter zu Hause auszuharren oder auf Kosten der anderen schwarz zu arbeiten.





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