In New York wird die größte Panik ausbrechen

Wie Kaiser Wilhelm II. die USA mit einem Militärschlag niederzwingen wollte von Henning Sietz

Präsident Theodore Roosevelt weiß: Die feindlichen Schiffe werden kommen, mit einigen zehntausend Soldaten an Bord. Ein perfekt organisiertes Räderwerk europäischer Kriegskunst ist gegen das Mutterland der Demokratie in Gang gesetzt. Schließlich trifft die Hiobsbotschaft ein: Die eigene Flotte musste vor Norfolk eine vernichtende Niederlage hinnehmen

Admiral George Dewey ist in eine Falle getappt. Dann folgt Schlag auf Schlag: Truppen des Gegners gehen auf Cape Cod an Land und marschieren auf Boston zu. Schwere Kreuzer laufen in die Lower Bay vor New York ein, schießen die Forts sturmreif und bombardieren Manhattan. Salve um Salve schlagen die Granaten in der ungeschützten Millionenstadt ein, die Bewohner fliehen in heller Panik. In Washington, im Kongress, wird Roosevelt niedergeschrien. Es gibt keine Wahl: Die Vereinigten Staaten müssen mit Deutschland verhandeln.

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Ein Szenario, ein amerikanischer Albtraum, der nie Wirklichkeit wurde. Doch wäre es nach den Plänen eines jungen deutschen Marineleutnants, dem Willen einiger Admiräle und dem Gusto eines Herrschers gegangen, der "Weltpolitik" spielen wollte, hätte es sich so ereignet. Fast zehn Jahre lang plante das wilhelminische Deutschland den Krieg gegen die Vereinigten Staaten. Und wie Dokumente im Freiburger Militärarchiv zeigen, war diese Planung schon bis in Details ausgearbeitet - ein kaum bekanntes Kapitel deutscher Militärgeschichte. Es belegt einmal mehr die Kontinuität zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich", wollten doch die Nazis 40 Jahre später ebenfalls den Endkampf um die Weltherrschaft gegen die USA wagen (ZEIT-Extra Nr. 39/01).

Obwohl das junge deutsche Reich eine Großmacht in Europa war, hatte es weltweit nur geringen Einfluss - ein Ergebnis nicht zuletzt der realistischen Politik Otto von Bismarcks, der von deutscher "Seegeltung" nichts hielt. In der Samoa-Krise 1889 lagen sich zum ersten Mal amerikanische und deutsche Kriegsschiffe gegenüber, doch dem Kanzler war die Inselgruppe im Pazifik einen Konflikt mit den Vereinigten Staaten nicht wert. Bismarck regelte die Krise auf der Berliner Samoa-Konferenz im Sommer 1889 maßvoll - sehr zum Missfallen Wilhelms II., der nach Kolonien und Militärbasen in aller Welt verlangte. Dabei kamen dem Kaiser zunehmend die USA in die Quere, die zwar kein Kolonialreich besaßen, aber im Pazifik und Atlantik erfolgreich Stützpunkte aufbauen konnten.

"Wenn Deutschland Krieg will: Wir sind bereit!"

Vor diesem Hintergrund entwirft im Winter 1897/98 der Marineleutnant Eberhard von Mantey einen Plan, wie man die "Vereinigten Staaten von Nordamerika" durch einen schnellen Militärschlag zu einem Vertrag zwingen könnte, der Deutschland freie Hand im Pazifik und Atlantik verschaffte. Mantey, der später, in der Weimarer Zeit, zum offiziellen Marinehistoriker aufsteigen sollte, schließt eine Seeblockade und einen Seekrieg aus und sieht die einzige Chance in einem Schlag gegen die Hafenstädte der Ostküste zwischen Portland und Norfolk: "Hier ist der Kern des Amerikanischen Landes und hier können die Vereinigten Staaten am empfindlichsten getroffen und am leichtesten zum Frieden gezwungen werden." Als Hauptziel sieht er die Hafenstädte Norfolk, Hampton Roads und Newport News

einen Angriff gegen New York lehnt er wegen der starken Befestigungen ab. Von der Kampfmoral des amerikanischen Militärs hält er wenig, die Disziplin der Truppen sei gering.

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