Vielleicht dachte der Kardinal von Boston, dass es schlimmer nicht mehr kommen könnte: Rechtsanwälte drohen mit Millionenklagen, die Staatsanwaltschaft will Namen und Akten sehen, die Presse fordert seinen Rücktritt. Aber dann kam vorletzten Sonntag der offene Aufruhr der Gemeinde: Während Bernard Francis Law in der Kathedrale zum Heiligen Kreuz die Messe las, versammelten sich draußen Bostoner Katholiken zum Protest. Dabei wäre es falsch, zu sagen, in Boston habe alles angefangen. Sexueller Missbrauch Minderjähriger durch Priester ist in den Vereinigten Staaten seit 20 Jahren aktenkundig, doch endeten die meisten Verfahren ohne Aufsehen: In außergerichtlichen Vergleichen zahlte die Kirche Schmerzensgeld, und die Opfer verpflichteten sich zu Stillschweigen.

Aber den gigantischen Skandal, der nun die gesellschaftliche Autorität der Kirche infrage stellt - den hat der Bostoner Kardinal ausgelöst. Wie der Boston Globe im Januar berichtete, hatte Law jahrelang den pädophilen Priester John Geoghan von einer Gemeinde in die nächste versetzt, um ihn vor strafrechtlicher Verfolgung und seine Diözese vor schlechter Presse zu schützen. Geoghan verbüßt inzwischen eine zehnjährige Freiheitsstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Zehnjährigen. Er steht außerdem im Verdacht, in seinen dreißig Jahren als Priester über hundert Kinder missbraucht zu haben.

Wenig später geriet auch New Yorks Kardinal Edward Egan in die Schlagzeilen. Er soll als Bischof in Connecticut pädophile Priester jahrelang im Amt belassen und Berichte über sexuellen Missbrauch als Lüge abgetan haben. Dabei hatten die Anwälte der Diözese noch letztes Jahr eine Zivilklage gegen Egan und sechs Priester durch eine außergerichtliche Zahlung von zwölf Millionen Dollar abgewendet.

Allein in Massachusetts und Kalifornien haben seit Januar dieses Jahres 500 weitere Personen zu Protokoll gegeben, von katholischen Geistlichen missbraucht worden zu sein. Ein Bischof ist inzwischen zurückgetreten, 177 Priester sind unter dem Verdacht sexueller Straftaten vom Amt suspendiert worden.

Große Geheimniskrämerei

Selten hat eine religiöse Institution so schnell moralisch abgewirtschaftet wie in diesen Wochen die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten. Die Gläubigen fühlen sich von den Kirchenoberen verraten - nicht nur, weil einige von ihnen Täter statt Opfer schützten, sondern auch, weil "sie soziales Kapital zu verspielen drohen, das man in den letzten hundert Jahren erkämpft hat", sagt R. Scott Appleby, Kirchenhistoriker an der Universität von Notre Dame in Indiana. Dem traditionellen Antikatholizismus zum Trotz hatte die Kirche rasant an Einfluss gewonnen. Die Zahl der Katholiken ist durch Immigration in den letzten 35 Jahren von 45 auf 60 Millionen gewachsen: die Bischofskonferenz galt als einflussreiche Stimme in Debatten um soziale Ungleichheit, Krieg, Schwangerschaftsabbruch oder Todesstrafe mit Ausnahme der Abtreibungsfrage steht sie meist links von der Mehrheit der Protestanten.

Um dieses "soziale Kapital" nicht restlos zu verlieren, sagt Appleby, sei es mit der Suspendierung und strafrechtlichen Verfolgung von sexuell gewalttätigen Priestern nicht getan. "Es geht auch um die Kultur der Geheimniskrämerei, um das hartnäckige Festhalten an einer Kirche der zwei Ebenen, in der die Würdenträger Entscheidungen in allen Bereichen treffen, ohne die Laien zu fragen." 

Die Ergebnisse der jüngsten Krisensitzung amerikanischer Kardinäle bei Papst Johannes Paul II. trugen wenig dazu bei, die Gemüter an der Basis zu beruhigen. Die katholischen Laien in den USA, tendenziell immer schon aufsässiger als ihre europäischen Glaubensgeschwister, fordern nicht nur Transparenz bei der Ahndung sexueller Straftaten durch Geistliche, sondern auch die Aufhebung des Zölibats. Das Heiratsverbot für katholische Priester war vielen Protestanten immer schon Anlass für Verschwörungstheorien über die sexuelle Perversion der Katholiken. Auch jetzt kursiert in konservativen Blättern wieder die wüste These von der "Lavender Mafia", einem "mächtigen Netzwerk homosexueller Geistlicher", die sich an der Gemeindejugend vergriffen.