Der Pfarrer Veix hat dem Markus in die Hose gelangt, er hat es zweimal getan, der Markus ist elf. Droben in Sandberg verstehen sie die Welt nicht mehr, droben nieselt es, Skilifte gibt es hier, und Nebelschwaden ziehen durch die Wälder der Rhön, es geht auf und ab, von Dorf zu Dorf. Der Pfarrer Veix war anderthalb Jahre da, im Pfarrhaus Sankt Michael direkt an der Kreuzbergstraße, wie hatte man ihn gleich ins sonst rhönisch reservierte Dorfbewohnerherz geschlossen. Ein weltoffener Mitmensch war der, der hatte für alles Verständnis. Und die Dorfjugend hat den Pfarrer Veix verehrt, der war so lebensfroh und lustig, der hat ihnen zugehört, saß mit ihnen im Jugendkeller, hat bis früh mit ihnen gefeiert.

Pfarrer Veix hat dem Markus in die Hose gelangt, deswegen hat er an Ostern den Domkapitular Geist in Würzburg angerufen, der hat ihn geladen und gehört.

"Sind Sie schuldig?", hat er gefragt, und nach dem Geständnis, weil es die Juristen geraten haben, hat sich der Pfarrer Veix bei der Polizei in Schweinfurt selbst angezeigt. Der Domkapitular Geist war mit dabei, weil, wie es heißt, Selbstbezichtiger nach einer Anzeige oftmals Suizid begingen. "Für unsere Gemeinde ist das ein unglaublich schwerer Fall, manche können es bis heute nicht glauben", meint Sandbergs Pfarrgemeinderatsvorsitzender Pius B.

"Wissen Sie", sagt er weiter, "die Leut wollen das nicht wahrhaben, die fragen, ob denn die Familie von dem Markus da nichts dazugedichtet hat ..." Im Ort, wo jeder Dritte praktizierender Katholik ist, hat es Gerüchte gegeben: Die Familie habe die Kirche erpressen wollen, weil sie in Nöten gewesen sei, die Familie habe Schulden gehabt, gerade ein Haus gebaut ...

Die Familie redet jetzt gar nicht mehr. Keine Interviews. Nichts. Die vielen Reporter der privaten Fernsehsender, Sandberg hat genug davon, man hat die Kameras davongejagt. Es soll endlich wieder Ruhe sein. Die Verdrängungsarbeit hat begonnen. Die Familie hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der am 19.

April eine Erklärung herausgegeben hat: Es habe, heißt es darin, ein gemeinsames Gespräch mit Vertretern des Bischöflichen Ordinariats auf dem Kloster Kreuzberg gegeben, bis zum derzeitigen Stadium habe sich die Kirche korrekt verhalten, finanzielle Zuwendungen seien nicht erfolgt, das kirchliche Angebot eines Urlaubs habe die Familie abgelehnt, man appelliere an die Kirchengemeinde, den Sohn nicht von der Opfer- in die Täterrolle zu drängen.

Der Fall Veix ist nach Rom gegangen. So sehen es seit vergangenem Sommer die neuen Regeln der Kongregation vor. Der Würzburger Generalvikar hat das Dossier im Vatikan abgeliefert. Pfarrer Veix ist in einer Therapie außerhalb des Bistums. Niemand sagt, wo er sich befindet. Niemand will sagen, wie es ihm geht.

"Werden Sie ihn nach der Behandlung wieder aufnehmen?" - "Gute Frage", sagt Domkapitular Heinz Geist, Personalreferent für das Seelsorgepersonal der Diözese Würzburg, "ich werde nach dem Therapieergebnis schauen." - "Verlassen Sie sich vollständig auf die Aussage der Therapeuten?" - "Ja." - "Kann er denn je wieder Seelsorger werden?" - "Unter Umständen müssen wir sagen: nein, und dann müssen wir ihn irgendwo in der Verwaltung verwenden, wir können ihn ja nicht einsperren." - "Gab es Verdachtsmomente bei seinen früheren Tätigkeiten?" - "So wie es mir scheint, war es das erste Mal. Ich kann ja nicht jedes Mal bei einer Anstellung fragen, mit wie viel Frauen hatten Sie was und was ist mit Kindern so vorgefallen."

Vor Jahren hat es im Würzburger Bistum den Fall des Pfarrers Gunter Siemers (Name geändert) gegeben, ähnliche Vorwürfe, Versetzungen, neue Verdächtigungen, Anzeige, polizeiliche Ermittlungen. Gerade erst ist Pfarrer Siemers, der trotz Verurteilung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung ein uneinsichtiger Mensch geblieben sein soll, zwangspensioniert worden.

Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Die Kirche sei eine geheimnisvolle Institution mit antidemokratischer Machtstruktur, behaupten Kritiker wie Hubertus Mynarek oder Ralf Speis von der Würzburger Initiative "Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche".

Sie habe seit Jahrhunderten vertuscht, verheimlicht, versteckt, habe Täter gedeckt, Opfer ignoriert, ihre Glaubwürdigkeit als moralische Autorität verloren. Seit immer neue Vorfälle aus amerikanischen Bistümern bekannt werden und der Papst vor wenigen Wochen 13 zum Teil betroffene amerikanische Kardinäle zu einem vatikanischen Krisengipfel einbestellte, um den Kindesmissbrauch deutlich zu geißeln und Richtlinien zu fordern, suchen die deutschen Bistümer den Imageschaden zu begrenzen. Keine leichte Aufgabe. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz tagte kurz nach den Beratungen im Vatikan im Kloster Himmelspforten bei Würzburg und konnte sich, zum Erstaunen mancher Kirchenrechtler, nicht zu einem bundesweit einheitlichen und allgemeinverbindlichen Regelsystem durchringen. Es sei Sache der einzelnen Bistümer, Verdachtsfällen nachzugehen, jede Diözese müsse selbst entscheiden. "Wir wollen nichts vertuschen", sagte der Konferenzvorsitzende Kardinal Karl Lehmann, "aber es handelt sich auch nicht um die Spitze eines Eisbergs."

Dabei sind die katholische Amtskirche und ihr moralisches Selbstverständnis existenziell herausgefordert. "Jeder Fall", sagt Würzburgs Generalvikar Karl Hillenbrand, "ist einer zu viel." Jeder einzelne Fall hätte nie geschehen dürfen. Jeder Fall trifft die ganze Kirche. Jeder Fall zerstört das Heilige.

Das Sterben Gottes dauerte zwei Jahre. Mit neun begann es, mit elf war Gott tot. Ein Priester hat Gott getötet. Mit sieben hatte Michael Z. (Name geändert) geschwärmt: Messdiener werd ich bald werden! Seine ganze Familie war tief katholisch. Sie hatte Freunde in der Kirchengemeinde. Man pflegte Aufmerksamkeit und Nächstenliebe, es war etwas Selbstverständliches, etwas Heiles, sagt Michaels Mutter. Die Kinder wuchsen auf im katholischen Glauben, die Kirche war das Lebensfundament. Der Großvater war Küster in der Pfarrgemeinde Sankt Josef, Krefeld, Diözese Aachen. Die Familie lebte neben dem Pfarrhaus. Es war eine große Familie, Tanten, Onkel. Stolz ging Michael zur Erstkommunion. Und nun wurde er endlich Messdiener. Warum nur fing er so bald an, sich zurückzuziehen? Plötzlich wollte er nicht mehr dienen. Die Mutter fand das merkwürdig. Michael klagte über Bauchschmerzen. Er hatte Durchfall. Er wollte nicht mehr in die Schule. Du simulierst doch, sagte die Mutter. Michael sprach nicht mehr. Er wurde apathisch. Er schloss sich ein.

Er hatte keine Freunde mehr. Er spielte nicht mehr auf der Straße. Eines Morgens drückte er den Kopf ins Couchkissen und krallte sich fest. Er werde nicht zur Schule gehen, nein, nein, nein, er habe Nierenschmerzen und Kopfweh. Jetzt reicht es endgültig!, schrie die Mutter. Drückeberger! Eines, schrie Michael zurück, eines sage ich dir: Der Pfarrer Ebert (Name geändert) ist ein Schwein. Da war Michael elf, und Gott lag bereits im Sterben.

Seit Jahren weist die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen e. V., in Siershahn, Rheinland-Pfalz, ansässig, auf Kindesmisshandlungen durch katholische Priester hin. Sie kritisiert Täterschutz und Verschleierungstaktik der Kirchenleitungen: Vertuschung durch Versetzung. Mit jeder Versetzung würden dem kinderschändenden Priester neue Opfer ermöglicht, oft seien die Gemeinden nicht über das Vorleben ihres neuen Seelsorgers informiert. "Wenn Angehörige jener moralischen Instanz, die neben dem Staat die Leitlinien für die Regeln des Zusammenlebens entwirft, selbst so fehlen, dann ist das im höchsten Maße verstörend", sagt Johannes Heibel, Vorsitzender der Initiative. Heibel ist überzeugt, dass die Kirchenoberen bislang alles getan hätten, um die letzten Rückhalte ihrer allmählich zerfallenden Institution aufrecht zu erhalten. Heibel spricht von ihm bekannten Fällen, in denen die Kirche Schweigegeld gezahlt habe, damit von Anzeigen gegen schändende Priester abgesehen wurde. "Die Bischöfe haben immer noch nicht ganz begriffen, was das für die Kirche bedeutet, was da auf sie zukommt."

In den vergangenen zehn Jahren hat es in Deutschland nicht wenige Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs durch Priester gegeben, die meist nur dann bekannt wurden, wenn sie strafrechtliche Konsequenzen hatten. In Hessen wurde ein Pfarrer wegen sexueller Nötigung verurteilt, ein Allgäuer Pfarrer verzichtete nach Vorwürfen sexueller Verfehlungen auf sein Pfarramt, ein Emsländer Priester wurde zu zwei Jahren, ein schwäbischer Pfarrer zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Missbrauchs in 59 Fällen verurteilt

ein Seelsorger aus Coburg erhielt zwei Jahre ebenso wie in Südbaden der Pater einer konservativen Bruderschaft, der sich an zwei Jungen im Alter von sechs und acht vergangen hatte. Und: Im Jahre 1995 ist es auch so weit, dass ein Pfarrer von der Diözese Hildesheim wegen Verdachts auf Pädophilie vom Dienst suspendiert wird. Der Name des Pfarrers: Klaus Jung.

Die Hände vor dem Bauch verschränkt, leicht gebeugt, sitzt er auf seinem Stuhl, das Haar ist voll und grau, er trägt ein orangefarbenes Hemd, wirkt jung und agil und ist doch schon 68. Wenn er erzählt, blickt er nach unten und nach oben und manchmal dem Besucher direkt in die Augen. "Ich bin pädophil", sagt Klaus Jung, "man muss mich von Kindern fern halten." Er sagt das ohne Umschweife, und man fragt sich, wie ein Priester einen solchen Satz sagen kann. Wie kann ein Seelsorger das mit seiner christlichen Grundhaltung vereinbaren? Wie konnte dieser Mann Religionslehrer sein, so lange mit Kindern arbeiten, auf Zeltlagern, als Streetworker, bei der Messe mit Ministranten?

"Wie haben Sie es gemerkt?" - "Ich habe es in der Therapie erkannt." - "Wie lange ging die Therapie?" - "Fünf Jahre, von 1996 bis 2001, alle 14 Tage. Ich fühlte mich lange missverstanden und entwürdigt." - "Wie kamen Sie zur Therapie?" - "Ich habe mich selbst eingewiesen, das war die Bedingung der Diözese für die Weiterbeschäftigung." - "Ist es Ihnen schwer gefallen?" -

"Ja, es war eine harte und lange Auseinandersetzung mit mir selbst, bevor ich ja zur Therapie sagte." - "Haben Sie Kinder missbraucht?" - "Ich habe kein einziges Kind angefasst. Ich hatte Nacktfotos von Jungs, die mir zur Selbstbefriedigung dienten."

Klaus Jung redet frei, seine Bekenntnisse wirken schamlos ehrlich. Manchmal klingt es, als wiederhole er Sätze der Therapeutin, als spreche er ihre Sprache, als wende er das Pädophilenparadigma auf sich an, um sich alles zu erklären, um alles auszuhalten. "Ich hatte einen sehr autoritären Vater, Gefühle gab es zu Hause nicht, stattdessen Prügel. Ich war nie ein selbstsicherer, kämpferischer Typ, immer ein Einzelgänger." Klaus Jung wurde Priester, weil er nicht werden wollte wie sein Vater, ein Jurist mit Karriere. Er habe, sagt Jung, Menschen helfen wollen, deswegen sei er Priester geworden. Als Priester, sagt er, als Priester bist du eine nicht hinterfragte Persönlichkeit, auf der Kanzel hören dir alle zu, keiner widerspricht, wo du hinkommst, bist du der hochehrwürdige Pfarrer, eine respektierte Amtsautorität, Mittler zwischen dem Volk und Gott, als Priester bist du wer.

Dann, sagt Michaels Mutter, habe die Katastrophe ihren Lauf genommen. Was er nur tun solle, muss ihr Sohn Michael immer wieder gefragt haben, warum ihm denn keiner helfe. Er sprach von einer Säure, die ihn innerlich verätze, und er begann all das zu erzählen, was in den vergangenen zwei Jahren passiert war. Pfarrer Ebert habe ihn in sein Dachgeschoss gebeten. Das war ja eine Ehre für den Messdiener, wenn der Pfarrer rief. Und der Pfarrer hat Michael Z. Fotos gezeigt von philippinischen Kindern. Ob sie ihm gefielen, nein, sagte Michael, die Kinder hätten ja gar keine Hose an. Die Hände des Pfarrers lagen auf seinen Schultern, dann fasste er ihm an den Po und streichelte ihn dort. Magst du das, fragte der Pfarrer, und Michael sagte nein, und er müsse jetzt gehen. Und dann ging er immer wieder zu Pfarrer Ebert, weil der ihm gedroht hatte, du weißt, hat er gesagt, dass ich einen guten Draht in den Himmel habe, und wenn du etwas sagst und nicht wiederkommst, werde ich Gott bitten, dass er deinen Bruder sterben lässt. Michael kam ins Pfarrhaus, er zog sich aus, der Pfarrer machte sich frei, sie fassten sich gegenseitig an, Michael musste sich auf einen Hocker setzen, der Pfarrer fotografierte seine Genitalien, nackt sollte Michael Kopfstände machen, der Pfarrer filmte ihn mit der Videokamera, der Pfarrer penetrierte ihn anal. Zwei Jahre ging das, immer wieder.

Als Pfarrer Ebert 1994 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, war Gott tot.

Michael lebte sieben Jahre in Apathie. Es war Mord an einer Seele, sagt seine Mutter. Der Priester hat Michael den Glauben geraubt. Michael glaubt nichts mehr. Hör mir auf mit Kirche und Gott, sagt er, ich glaube gar nichts mehr.

"Es gab Zeiten", sagt sie, "da dachte ich, mein Kind ist so was von total kaputt, zum Sterben hat der zu viel, zum Leben zu wenig." So ein Schlag ins Gesicht, so ein Vertrauensbruch, so ein Verrat an den christlichen Werten.

Sie hat ihren Glauben nicht abgelegt. Sie wird ihren Glauben nie ablegen. Sie kann doch nicht Gott für all das verantwortlich machen, doch nicht Gott.

Westwärts. Richtung Pfalz, wo die Rapsfelder sonnengelb blühen, an Mainz vorbei nach Bad Kreuznach, durch Weinberge und Täler bis nach Staudernheim, Oberstreit und Odernheim, wo die Stille so erhebend wie bedrohlich ist.

Vis-à-vis dem Fußballplatz, am unteren Ende des Dorfs, lebt etwas einsam Hubertus Mynarek. Man wurde vorgewarnt: Ein armer Mensch sei das, hatten die Würzburger Kirchenoberen gesagt, ein schäumender Gefallener, einer, den Prozesse ruiniert hätten, den die Frau verlassen hätte, der sich verrannt habe.

Mynarek, geboren in Oberschlesien, ist ein groß gewachsener Mann von 72 Jahren und kräftigem Handschlag. Für seine Anhänger ist er einer der größten Kirchenkritiker des 20. Jahrhunderts. Mynarek war 20 Jahre Priester, hat bei Karol Wojtyla in Lublin Ethik studiert, sich an der Universität Würzburg habilitiert, war Professor für Vergleichende Religionswissenschaft und Fundamentaltheologie in Bamberg und Wien, wo er auch Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät war. Mynarek war, wie er sagt, der erste Universitätsprofessor, der es wagte, aus der katholischen Kirche auszutreten, damals, 1972. Er sei bis heute ein "tief religiöser Mensch" geblieben, beteuert er, auch wenn er sich seit seinem Austritt radikal gegen das "totalitäre Amtskirchensystem" gestellt habe. "Der Zwangszölibat und seine fatalen Auswirkungen, die sexualrepressive Herrschaftspolitik der Kirche müssen so lange kritisiert werden, bis dieser grandiose Unfug von der Geschichtsszene verschwunden ist." Dass der Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche mit der christlichen Sexualmoral korrespondieren könnte, ist für ihn von höchster Evidenz. "Wo komme ich ohne Verdacht am besten an Kinder ran? Als Pfarrer hat man ständig mit Kindern zu tun, keiner schöpft Verdacht, weil der Priester als begnadetes Ausnahmewesen gilt."

Mynarek legt Bücher auf den Tisch, Bücher und nochmals Bücher, er weiß, er ist geschmähter Außenseiter, "ein Verräter", er ist bemüht, seine Glaubwüdigkeit unter Beweis zu stellen. Priesterseminare seien eine Anhäufung von Homosexuellen, sagt er, weil Mädchen und Frauen durch das Zölibat Tabu und ohnehin Sünde seien. Die "sexualrepressive Atmosphäre" in den Ausbildungsseminaren züchte infantile und unreife Muttertypen. "Die Kirche will ja die Kandidaten sexuell unreif halten, ließe sie nämlich das von den Vereinten Nationen garantierte Menschenrecht des ausgelebten Sexualtriebs zu, zerfiele der Zölibat und mit ihm der mittelalterliche Grundpfeiler der katholischen Macht." Der Priester, der über dem Fleisch stehe, verkörpere die Überlegenheit des Geistes. Der Mensch, besagt die neuplatonische Seelenlehre des Kirchenvaters Augustinus, ist gefallener Geist, und der Leib ist Kerker des Leibs. 20 bis 25 Prozent der Priester seien homosexuell, sagt Mynarek, mindestens fünf Prozent pädophil. "Viele werden Priester, weil sie pädophile Neigungen verspüren, und fünf Jahre in den Seminaren stehen sie enthaltsam durch, dann haben sie ja freie Hand und werden durch die Institutionenstruktur geschützt."

Im Dezember 1992 brach in Krefeld, Sankt-Josefs-Gemeinde, mit einem Schlag eine große, hegende, katholische Welt zusammen. Als Michael Z. das Furchtbare durcherzählt hatte, suchte die Mutter den Regionaldekan auf und bat um Hilfe, und der Geistliche sagte, ja, es habe schon Gerüchte um den Pfarrer Ebert gegeben, man wolle den Fall innerkirchlich regeln. Als nichts geschah, gingen Michael und seine Mutter zur Polizei und zeigten Pfarrer Ebert an. Dann wurde er sofort aus dem Dienst genommen und in die Benediktinerabtei Kornelimünster des Bistums Aachen gebracht. Dort verbrachte er die Zeit der Ermittlungen.

Die Polizei durchsuchte das Pfarrhaus. Sie fand 40 000 Fotos "pornografischen Inhalts" und 700 Videofilme. In Eberts Klosterzelle fanden sie weitere 4000 pornografische Kinderfotos. Mindestens drei weiteren Jungen in Krefeld, Gemeinde Sankt Josef, ist Michaels Schicksal widerfahren, die Mutter kennt sie. Bei der Gerichtsverhandlung gab Pfarrer Ebert zwei weitere Fälle Mitte der achtziger Jahre zu, die bereits verjährt waren, und im Laufe der Ermittlungen, sagt Michaels Mutter, habe sich herausgestellt, dass Pfarrer Ebert zweimal wegen pädophiler Tätlichkeiten vom Bistum in eine neue Gemeinde versetzt worden sei, dass es Anfang der siebziger Jahre Berichte von sexuellen Übergriffen gab, als Ebert Religionslehrer in Krefeld war. Der Bistumsleitung sei bekannt gewesen, dass Pfarrer Ebert pädophil war, hieß es.

Pfarrer Ebert leugnete. Er sprach von Verleumdungen. Er berief sich auf Gott und sein Gewissen.

Ziviles und kirchliches Strafrecht sind grundsätzlich zu unterscheiden. Der Codex Iuris Canonici, das Kirchenrecht, verpflichtet einen Ordinarius, bei Kenntnis eines Gerüchts Voruntersuchungen einzuleiten, mit denen im Idealfall ein Kirchenrechtler außerhalb der jeweiligen Diözese beauftragt wird, um größtmögliche Unabhängigkeit zu garantieren. Im vergangenen Sommer hat der Papst die bestehenden Normen für den Bereich "schwerwiegender Vergehen" verschärft. Die vatikanische Glaubenskongregation sandte daraufhin den Brief Über ernsthafte Delikte an ihre Bischöfe: Alle Fälle von Kindesmissbrauch in der Kirche seien nach Rom zu übermitteln, wo, je nach Tatschwere und Ansehen des Beschuldigten, das Gericht des Apostolischen Stuhls tätig oder der Fall an das Gericht der Diözese zurückverwiesen wird. Auch die Verjährungsfrist für Kindesmissbrauch durch Kleriker wurde von fünf auf zehn Jahre angehoben und beginnt erst beim 18. Lebensjahr.

Welche Verfehlung auch immer er auf sich geladen hat: Einem geweihten Priester kann die Weihe nicht mehr genommen werden. Es kann ihm ein Weiheverbot, sprich das Berufsverbot, ausgesprochen werden, und ein verdächtigter Geistlicher kann, bei prinzipieller Unschuldsvermutung, vorerst beurlaubt werden. Als Strafe kommt die Suspension infrage, eine "Besserungs-" oder auch "Beugestrafe", die so lange auferlegt wird, bis glaubhaft feststeht, dass der Täter sein Handeln durch therapeutische Betreuung im Griff hat. Dies heißt, dass ihm jegliches Kirchenamt entzogen wird, er darf keine Sakramente mehr spenden, keine Beichte abnehmen. Höchste kanonische Strafmaßnahme ist, bei andauernder Uneinsichtigkeit, die Entlassung aus dem Klerikerstand. Ob dies in Deutschland geschehen ist, ist nicht bekannt, wohl gab es in Italien und den USA solche Fälle. Weltweit hat es bislang nur wenige zivile Strafverfahren gegen Priester gegeben, meist hatte man die Fälle innerkirchlich geregelt, um Aufsehen zu vermeiden.

Die Kanonistin Myriam Wijlens, Dozentin an der niederländischen Universität Tilburg und Mitarbeiterin des Bischöflichen Offizialats Münster, sieht den Kindesmissbrauch nicht nur als Problem der Kirche: "Auch die Gesellschaft hat in der Vergangenheit oft versagt. Meiner Ansicht nach hat man speziell in Deutschland noch nicht gelernt, mit dem Thema Kindesmissbrauch überhaupt richtig umzugehen, da wurde viel unter den Teppich gekehrt." Was etwa die Niederlande betrifft, wurde schon 1995 auf Betreiben der niederländischen Bischofskonferenz eine landesweite, ständig besetzte Telefonzentrale für Opfer kirchlichen Missbrauchs eingesetzt. Dort wird Opfern wie Tätern psychologische, pastorale und juristische Hilfe angeboten, werden Therapien und kirchenrechtliche Unterstützung vermittelt. Die Ergebnisse der Voruntersuchungen in der Diözese schließlich werden, für den Kläger und die angeklagte Person einsehbar, protokolliert, von einer unabhängigen Kommission bewertet und anschließend mit einer Empfehlung dem Bischof vorgelegt, der schließlich über das weitere Vorgehen entscheidet.

"Ich grüble seit meinen Studienjahren, was für ein Typ ich bin, ich weiß bis heute nicht genau, ob ich homosexuell bin", sagt Klaus Jung, den der Bischof aus dem Dienst genommen hat. Weil er pädophil war, ertränkte er seine Lust.

Er war Alkoholiker, ohne Wein ging keine Predigt. Die Ermittlungen gegen ihn begannen 1995, und Jung litt ein schweres Jahr lang, man habe nicht mit ihm gesprochen, sagt er. Niemand kümmerte sich um ihn. Er wusste nicht, was man ihm vorwarf. Hatte er gefehlt? "Ich hatte doch nichts getan!"

Es wurde nichts gefunden. Klaus Jung ist noch immer Priester. Kirchliche Jugendarbeit darf er nicht verrichten. Er wurde nicht mehr mit der Leitung einer Pfarrei betraut. Er wurde Beauftragter für Fragen des Umweltschutzes im Bistum Hildesheim. Er liebt die Natur und die Vögel. Ist er therapiert? "Ja", behauptet er. Jung selber, seine Therapeutin, der Hildesheimer Bischof und sein Personalchef haben vor kurzem ein Pilotprojekt konzipiert, das einen ideellen Vorläufer in der Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche an der Erzdiözese Wien hat. Klaus Jung soll, wenn alles kommt wie vorgesehen, die Kontaktperson für kirchliche Mitarbeiter sein, die des Kindesmissbrauchs verdächtig sind. Die Kirche müsse fehlbare Priester auffangen, mit ihnen arbeiten, das sei die Lehre seines Leidens. Immer habe er gefühlsmäßig gewusst, dass er fehle, sich an Geist und Moral vergehe, als einer, der ebensolche Moral lehre und sich selbst nicht daran halte, aber die Verdrängungsleistung eines gelernten Moralisten sei besonders groß.

Pädophilie sei kein kirchliches, kein christliches, es sei ein menschliches Problem. Eine Tragödie. Deshalb sprechen Psychotherapeuten künftig in Priesterseminaren über Sexualenergien, Pädophilie, Ephebophilie.

Münsterschwarzach in Unterfranken hat einige Einwohner und seit 1000 Jahren ein Benediktinerkloster. Dort säuselt ein Bach, die Natur erblüht, nebenan ist ein Internat und gegenüber dem Tartanplatz das quadratisch-praktische Recollectiohaus in Beige. Wunibald Müller arbeitet hier, in seinem Zimmer ist ein Wasserspiel, das beständige Plätschern beruhigt. Der Therapeut und Theologe sitzt in seinem Ledersessel, und das Erste, was er tut, ist, er nimmt eine Differenzierung vor: Wer über priesterlichen Kindesmissbrauch rede, rede über 20 Prozent pädophile und 80 Prozent ephebophile Täter. Wer pädophil sei, vergehe sich an Kindern bis zu 12 Jahren, ab 13 Jahren aufwärts spreche die Psychologie von "ephebophil". Vieles, was derzeit unter pädophil laufe, sei in Wirklichkeit ephebophil. Ein großer Unterschied, denn Pädophilie sei definitiv unheilbar, sagt Müller, und Ephebophile zu 98 Prozent zu therapieren.

Müller ist einer von zwei deutschen Therapeuten, die sich mit Kindesmissbrauch in der Kirche beschäftigen. Sein Recollectiohaus, eine überdiözesan getragene Einrichtung zur Therapie kirchlichen Personals in Krisensituationen, wo, wie er sagt, keine Missbraucher behandelt würden, ist in Deutschland einzigartig. "Die Kirche", sagt Müller, "muss ihre schwarzen Schafe in den Griff bekommen, sonst werden sie zum Problem der gesamten Gesellschaft." Kindesmissbrauch findet nicht allein in der Kirche statt, vielmehr in jeder Institution, Lehrer sind potenzielle Täter, Sozialarbeiter, Krankenschwestern. Psychologen schätzen, dass jährlich 200 000 Kinder sexuell missbraucht werden. Gegen Priester laufen in der Bundesrepublik derzeit 13 Verfahren. Wunibald Müller, der privat ephebophile Priester therapiert, kennt einige dieser Fälle, er nennt keine Namen, er nennt keine Zahlen, er sagt nur: Übertrage man die groben Schätzungen amerikanischer Forscher auf Deutschland, käme man auf etwa 300 Priester, die pädo- beziehungsweise ephebophil seien. Ein Grundproblem des priesterlichen Kindesmissbrauchs sieht der Therapeut in einer Haltung, bei der Sexualität mit Dreck und Schmutz konnotiert sei, wodurch Verklemmung, Verdrängung und sexuelle Unreife entstünden, gestörte Seelen, die Nähe weder zulassen noch annehmen könnten.

Die Täter sind oft Alkoholiker mit mangelndem Selbstwertgefühl. Sie haben kein Unrechtsbewusstsein. "Viele wissen zeitlebens nicht, was sie sind - homo- oder heterosexuell." Sexualität sei für manche dieser Priester etwas, das sie mit Sünde in Verbindung bringen. Die Sünde ist definiert durch den Akt mit der Frau, durch Penis und Vagina.

Körperliche Nähe zu Kindern und Jugendlichen des gleichen Geschlechts wird, sexualmoralisch betrachtet, dagegen nicht als sexuelle Verfehlung erkannt.

"Im Zölibat hoffen manche sexuell Unreifen, Schutz zu kriegen, ihre Neigungen nicht auszuleben, weil Sexualität verpönt ist." Für jene pädophil und ephebophil Veranlagten sei der Zölibat attraktiv. Sie seien im vorpubertären Sexualstatus stecken geblieben, vergingen sich als Mann so gesehen an Gleichaltrigen. Jemand, der Priester werden wolle, sagt Müller, müsse seine Sexualität, seine Beziehungsfähigkeit geklärt haben, müsse die Intimsphäre des anderen durch eigene Triebkontrolle respektieren können.

Wo dies nicht gegeben ist, entstehen sexuelle Störungen, denen man, wenn überhaupt, nur therapeutisch beikommen kann. Helga Peteler, Kinderärztin und Psychotherapeutin in Neuss, arbeitet seit zehn Jahren mit sexuell misshandelnden Priestern, das Wort pädophil findet sie verharmlosend. Der verantwortliche Umgang mit sexueller Misshandlung sei nur möglich, sagt sie, wenn einerseits der misshandelnde Priester, andererseits die kirchlichen Vorgesetzten ihre Verantwortung wahrnähmen, indem sie die Ungeheuerlichkeit der Tat erfassen und ihre Dynamik verstehen. Dazu ist die spezifische Therapie des Täters, möglichst in der Gruppe, sowie zugleich die gezielte therapeutische Arbeit mit den kirchlichen Vorgesetzten vonnöten. "Sexuell misshandelnde Geistliche manipulieren ihr Umfeld sehr geschickt, bereiten die Misshandlung eventuell jahrelang vor, so weit, dass sie sich manchmal ihren Vorgesetzten als Beichtvater nehmen." Der Pastor, Dechant oder Regens aber muss das Geheimnis wahren, der Beichtvater wird zum Mitwisser, und er hat die moralische Pflicht zu schweigen. Durch sein Schweigen kann er weder Opfer noch Täter helfen, er steht unter immensem Druck: Was soll er tun?

Ostwärts. Es fällt auf, dass sich in den vergangenen Jahren vieles in Bayern zugetragen hat, immer wieder kommt man also ins fränkische Land zurück, Würzburg, Bamberg, Coburg, wo die katholische Kirche noch eine Macht ist und die Normstrukturen fest und ein bisschen hermetisch sind und der Priester vielleicht die letzte Stütze des Guten in einer verrückten, bösen Welt ist.

Über Würzburg thront die Marienfestung, und auf der alten Mainbrücke stehen die Heiligen in überlebensgroßem Sandstein: der auratische Sankt Bruno, Sankt Carolus Borromäus, Sankt Burkardus, Sankt Colonatus, Sankt Fredericus in Demutsgeste.

Wo man in Würzburg steht, sieht man christliche Insignien, hört man Glocken klöppeln. Generalvikar Hillenbrand weiß, was die Stunde geschlagen hat. Alarm habe die Stunde geschlagen. "Man kann gerade im Christentum keine Botschaft losgelöst von denen vermitteln, die sie bezeugen sollen." Die Zeugenschaft der einzigartigen Liebe Gottes durch den Priester hat gelitten. Schon beginnen die Priesterseminaristen zu fragen: Dürfen wir noch mit Kindern arbeiten, und wem dürfen wir uns künftig wie zuwenden? Wie also steht es gegenwärtig um das moralische Selbstverständnis der katholischen Kirche?

Den Vorwurf der Doppelmoral hält Professor Konrad Hilpert, Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in diesem Zusammenhang für abwegig. Die Sexualität, sagt er, sei durchaus der Kardinalsknoten, der sensible, schwierige Punkt, weil die Kirche den Menschen markante sexualmoralische Positionen zumute und der Zölibat schon eine dezidierte Erwartung an den Priester sei. Ist also in der Tat der Zölibat an allem schuld? Der Verdacht liege nahe, sagt Hilpert, dass Pädophilie eine Kompensation sei für institutionell verhinderte Sexualität. "Die Zahlen widerlegen das zwar, doch die Kirche muss sich kritisch fragen, ob dieses Keuschheitsideal vielleicht auch Menschen anzieht, die Probleme im Umgang mit der eigenen Sexualität haben."

Gott ist tot. Sieben Jahre lang hatte sich Michael Z. verkrochen. Heute ist er 21 und hat seit einem Jahr eine Freundin. Im nächsten Winter macht er seine Gesellenprüfung als Gas- und Wasserinstallateur. Pfarrer Ebert ist damals aus dem Priesterstand entlassen worden. Zurzeit ist er im Domarchiv der Diözese Aachen beschäftigt. Es heißt, nach seiner Entlassung sei er rückfällig geworden. Vor eineinhalb Jahren sind Michael und seine Mutter aus der Kirche ausgetreten. Mit vielen anderen haben sie vergangenen Herbst vor dem Aachener Dom dagegen protestiert, dass Pfarrer Ebert noch immer im Schoß der Kirche lebe. Michael, sagt seine Mutter, sei heute ein ganz normaler junger Mann. Nachts kommt die Säure. Pfarrer Ebert besucht Michael jede Nacht aufs Neue. Jede Nacht stirbt der tote Gott noch einmal.