S C H U L E   (I) Furcht vor der roten Laterne

Keiner will der Letzte sein beim ersten innerdeutschen Bildungsranking. Unter Schulpolitikern aller Parteien wächst die Nervosität - Gerüchte heizen die Stimmung auf

Deutschland entdeckt, dass es keine organisatorische Schulreform braucht und erst recht keine betriebswirtschaftliche, sondern eine mentale. Drei Wochen nach Erfurt, ein halbes Jahr nach Pisa und nur noch acht Wochen vor Pisa-E, dem Vergleich der Bundesländer, taumelt das angezählte Bildungsland und weiß nicht, wohin.

Zwei hochkarätig besetzte Kongresse zum Thema fanden unlängst in Düsseldorf und Ulm statt. Einmal lud NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD), einmal die baden-württembergische Kultusministerin Anette Schavan (CDU). In beiden Fällen mussten Hunderte von Interessierten abgewiesen werden. Und in beiden Fällen konnte der Besucher den Eindruck gewinnen, dass der verkrampfte Grabenkampf zwischen linker und konservativer Bildungspolitik überwunden ist. Der Shooting-Star der neuen Bildungsdebatte zum Beispiel, der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther, hätte seine Ulmer Thesen zum Einfluss früher Erfahrungen auf die Gehirnentwicklung ohne weiteres auch in Düsseldorf vortragen können. In Ulm wiederum sprach Harmut von Hentig. Der Nestor der pädagogischen Reformfraktion, früher von den Konservativen gemieden, berät nun Anette Schavan. Ihm hört man jetzt überall nachdenklich zu.

Und alle, alle fahren nach Finnland und Schweden, in die Pisa-Musterländer. Von Hentig und seine Freunde Ende des Monats, zu Pfingsten Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn mit mehreren Kultusministern aus dem SPD-Lager. In Helsinki und Stockholm zuvorgekommen ist ihnen schon Anfang Mai die Abordnung der unionsregierten Länder, geführt von der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU).

Geht der 30-jährige Bildungskrieg jetzt doch zu Ende? - Vielleicht im Himmel der Debatten, jedoch leider nicht auf Erden, wo die Schlachtfelder immer noch verwüstet sind. Zusammen reisen wollten die Herrschaften, die zum Teil die gleichen Schulen besichtigen, nicht. Die Finnen amüsieren sich köstlich, und wir gucken dumm. Selbst wenn keiner mehr den Kampf Gesamtschule gegen dreigliedriges Schulsystem so führt wie in den siebziger Jahren - der Kleinstaaterei und dem deutschen Schisma in der Bildungspolitik entkommen wir so leicht nicht. Mangels anderer Munition für den Wahlkampf wird wohl die Bildung dran glauben müssen.

Wenn die südlichen Bundesländer bei Pisa-E am 1. Juli gut abschneiden sollten, wird die CDU sagen: Sehet her, die Dreifaltigkeit von Gymnasium, Realschule und Hauptschule ist segensreich. Aber tatsächlich misstrauen auch die Christdemokraten langsam unserem selektiven System. Den beliebten Satz "Geschadet hat's mir nicht" hört man seltener. Für alle denkbaren Ranking-Fälle spielen die Stäbe beider Lager derzeit die Argumente durch und bereiten vorsorglich ihre Slogans vor. Nachdem Hamburg und Berlin vorläufig aus der Wertung genommen wurden (weil der Rücklauf zu gering war), fürchtet sich Bremens Senator Wilfried Lemke vor der roten Laterne in der Schulliga. Alle blicken gebannt aufs Ranking - aber nicht auf die Schulen, denen in Hamburg vergangene Woche eben mal 1050 Lehrerstellen gestrichen wurden.

Während auf Kongressen klug und schön gesprochen wird, werden auf der Hinterbühne die Messer gewetzt und im Keller die Gerüchte gekocht. Das neueste lautet, Hamburg sei für Pisa-E disqualifiziert worden, weil der Stadtstaat unerwartet gut abgeschnitten habe. Der Gedanke dahinter: Der umsichtige "Mister Pisa", Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, fürchte, dass ein solch spektakuläres Ergebnis hässliche Debatten über Methoden und Handwerk von Pisa provoziere - zumal die Testbeteiligung unter der Messlatte von 80 Prozent liegt. Sicherheitshalber habe er Hamburg deshalb im März aus der Wertung genommen. Die geringe Testbeteiligung allein, so will es das Gerücht, könne nicht der Grund dafür sein, denn die sei schon seit Monaten bekannt. Warum die Rote Karte erst jetzt? Weil er seitdem erst die unerwarteten Ergebnisse kenne, sagt das Gerücht. "Weil wir seitdem erst berechnen konnten, dass die geringe Repräsentation von Haupt- und Gesamtschulen in Hamburg das Ergebnis verzerren würde", erklärt Cordula Artelt vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Jetzt meldet sich auch "Mr. Pisa international", Andreas Schleicher, zu Wort. Früher ging er mal in Hamburg zur Schule und hätte dort um ein Haar den Übergang zum Gymnasium nicht geschafft. Später legte er ein Abitur mit 1,0 hin, studierte in Australien und verantwortet nun bei der OECD in Paris die internationalen Vergleiche. Andreas Schleicher meint, man müsse in Hamburg und Berlin nicht nachtesten: "Man kann die vorhandenen Daten zu verlässlichen Ergebnissen hochrechnen." Für die Niederlande zum Beispiel, die in Pisa international nicht gewertet wurden, weil nur 27 Prozent der befragten Schulen geantwortet hätten, könne die OECD mit ihren Instrumenten dennoch mit Sicherheit sagen, dass das Land in Mathematik im internationalen Feld zwischen dem ersten und dem vierten Platz stünde und beim Lesen im Mittelfeld. Das Bild werde mit weniger Information zwar grobkörniger, bleibe aber eine echte Fotografie der Bildungslandschaft. Dem widerspricht Jürgen Baumert heftig: "Herr Schleicher verfügt nicht über die notwendigen Stichprobeninformationen aus Hamburg und Berlin. Die Verzerrungen würden Legenden erzeugen. Aus dem gleichen Grund wurden die Niederlande ausgeschlossen."

Über sein Heimatland schüttelt Schleicher, der Deutsche in Paris, nur den Kopf. "Nirgendwo auf der Welt wird Wissenschaft und Politik in der Pisa-Debatte so vermischt." Viele wollten vieles nicht wahrhaben. Der Preis dafür sei, dass auf Nebenschauplätzen Energie verschwendet wird. Eine kurz vor der Veröffentlichung stehende Studie der OECD, die der Frage nachgeht, wie sich die frühe Selektion der Kinder auf spätere Leistungen auswirke, zeige sich, so Schleicher, über alle Zweifel erhaben. "Kein System mit früher Selektion findet man in der internationalen Spitzengruppe."

Warum? Jukka Sarjala, der Präsident von Opetushallitus, dem Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki, übrigens ein der konservativen Partei nahe stehender Mann, erklärt das den vielen erlösungsbedürftigen Deutschen so: Wenn die Schüler nicht vor der 9. Klasse getrennt würden, bringe das Ruhe und Konzentration in die Schule. Schließlich sind die Schüler dann nicht wie auf den Gymnasien hierzulande unter Druck, einen "Abstieg" in die Realschule zu vermeiden. Schüler, Lehrer und auch Politiker könnten sich ganz ums Lernen und um andere wichtige Dinge kümmern. Genau das aber fällt den bildungspolitischen Akteuren hierzulande schwer. Zu denken geben sollte ihnen eine Definition des Freud-Schülers Alfred Adler. Der verstand unter einem Neurotiker einen lernbehinderten Menschen, der so sehr mit sich befasst ist, dass er nur noch wenig Kapazität für die Welt übrig hat.

 
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