G L O B A L I S I E R U N G : Gebt der Dritten Welt mehr Zeit!
Globalisierung kann allen helfen - wenn sie geordnet wird
Johannes Rau hat in seiner Berliner Rede gesagt, die Globalisierung drohe den Globus zu zerstückeln, und das ist typisch für die Dissonanz in der Globalisierungsdebatte. Wirtschaftswissenschaftler betonen regelmäßig die Vorteile von freiem Handel und Kapitalverkehr. Eine breite Kritikerschaft aber beklagt, die Globalisierung erzeuge Not und Elend. Rau hat den Kritikern bescheinigt, richtige Fragen zu stellen. Hat die Wirtschaftswissenschaft so Unrecht?
Die Antwort ist: nein. Aber damit die von der ökonomischen Theorie in Aussicht gestellten Vorteile Wirklichkeit werden, muss der Globalisierungsprozess anders gestaltet werden. Er muss, das vorweg, verlangsamt werden. Dann können tatsächlich alle Länder von der Globalisierung profitieren.
Alle Länder können gewinnen
Die Vorteile von internationalem Handel sind seit Adam Smith und David Ricardo Teil der Wirtschaftswissenschaft: Alle Länder gewinnen, wenn jedes Land die Waren exportiert, die es relativ billig herstellen kann, und die importiert, bei denen es relativ unproduktiv ist. Tatsächlich ist laut Weltbank der Lebensstandard in den für Handel offenen Entwicklungsländern in den vergangenen 20 Jahren schneller gewachsen als in abgeschotteten Ländern. Dennoch nehmen sich die Erfolge angesichts der von der ökonomischen Theorie prophezeiten Wohlfahrtsgewinne vielerorts bescheiden aus.
Auch für den Kapitalverkehr liefert die Theorie gute Argumente: Das Kapital fließt dorthin, wo es hohe Renditen erwirtschaftet. So können Entwicklungsländer ihren Kapitalstock schneller aufbauen, als sie das nur mit inländischer Ersparnis könnten. Direktinvestitionen multinationaler Konzerne haben sich zudem als effektivste Methode für Wissenstransfer von Nord nach Süd erwiesen. Die Welle von Finanzkrisen (von Mexiko 1994 über Südostasien 1997 und Russland 1998 bis zuletzt nach Argentinien) lässt die internationale Kapitalmobilität aber in dunklerem Licht erscheinen. Das Kapital floh aus den Krisenländern, die Währungen stürzten ab, das Resultat waren tiefe Rezessionen. Es zeigt sich, dass auf Finanzmarktliberalisierung oft Finanzkrisen folgen. Da treten die von der Volkswirtschaftslehre betonten Effizienzgewinne in den Hintergrund.
Die Globalisierung hat das Potenzial, den Lebensstandard aller Nationen zu erhöhen - kann ihn aber gleichzeitig gefährden. Um Wohlstand zu erzeugen, braucht es Institutionen, die dafür sorgen, dass Märkte funktionieren. Und um diese Institutionen aufzubauen, braucht es Zeit. Die aber wurde den Entwicklungsländern nicht eingeräumt. Stattdessen bekamen sie "Schocktherapien" verordnet. Die internationalen Wirtschaftsorganisationen, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF), forderten von Entwicklungsländern nicht eine geordnete, sondern schnelle Liberalisierung der Güter- und Finanzmärkte. Der Süden soll den Globalisierungsprozess, der im Norden Jahrzehnte dauerte, mit einem Schlag aufholen.
Man führe sich das vor Augen: Schon 1880 handelten die Industrienationen rund zehn Prozent ihrer Produktion auf dem Weltmarkt (ungefähr den gleichen Anteil wie 1970). Mit festen Wechselkursen versuchten sie für Preisstabilität zu sorgen und den internationalen Handel weiter anzukurbeln. Gleichzeitig erhoben sie Schutzzölle, bauten Sozialsysteme auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Handelsschranken sukzessive abgebaut. Aber noch immer schützen die Industrieländer Landwirtschaft, Bergbau und Textilunternehmen mit Subventionen und Zöllen vor ausländischer Konkurrenz.
Die Finanzsektoren des Nordens formten sich in einem ähnlich langen Prozess. Die meisten Großbanken sind über 125 Jahre alt. Zum Schutz vor Krisen ist der Bankensektor in den Industrienationen besonders stark reguliert. Die Globalisierung der Kapitalmärkte begann erst Anfang der Siebziger. Bis in die Achtziger waren Kapitalverkehrskontrollen in Europa an der Tagesordnung.
Und nun empfehlen die internationalen Wirtschaftsorganisationen dem Süden, den Globalisierungsprozess von heute auf morgen nachzuholen. Ohne Schutzzölle, ohne soziale Absicherung, ohne stabiles Bankensystem, ohne funktionierende Regulierung des Finanzsektors. Mexiko ging 1988 auf Globalisierungskurs nach IWF-Rezept. 1995 folgte die tiefste Rezession in der Geschichte des Landes. Die asiatischen Tiger öffneten Anfang der Neunziger in Rekordtempo ihre Kapitalmärkte. 1997 folgte die Asienkrise. In Argentinien begann die Globalisierung 1991 mit von Beginn an offenen Märkten und freiem Kapitalverkehr. Seit 2001 steckt es in einer tiefen Finanzkrise.
Das alles zeigt, dass sich etwas ändern muss. Während sich Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft integrieren, müssen sie sich Zeit nehmen, die nötigen Institutionen aufzubauen. Und die internationalen Organisationen müssen ihnen diese Zeit geben. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie Globalisierung allen Ländern helfen kann. Die Antwort ist: Sie muss langsamer werden.
Lutz Arnoldist Professor für theoretische Volkswirtschaft an der Universität Regensburg



