G L O S S E Schöne Willkür

Gutes Schreiben allein macht noch keinen guten Roman von Greiner

Bartlebooth beschloss eines Tages, sein ganzes Leben auf ein einziges Projekt hin auszurichten, dessen willkürliche Notwendigkeit allein sein Selbstzweck wäre." So heißt es im 26. Kapitel des 99 Kapitel und fast 900 Seiten umfassenden Romans Das Leben Gebrauchsanweisung von Georges Perec. Bartlebooth, ein entfernter Verwandter von Melvilles Bartleby, lebt in Paris, er ist reich, aber die Frauen, die Macht, die Kunst interessieren ihn nicht. "Angesichts der unentwirrbaren Zusammenhanglosigkeit der Welt" widmet er sein Leben einem ebenso schönen wie absurden Projekt, das dann doch einen (wenn auch bescheidenen) Zusammenhang herstellt - den allerdings niemand sieht außer Bartlebooth.

Perecs 1982 erstmals von Eugen Helmlé wunderbar übersetzter Roman, lange vergriffen und jetzt wieder bei Zweitausendeins erhältlich, fügt das Schicksal einiger Dutzend Menschen zu einem grandiosen Panorama, das allerdings auf den ersten Blick nur in tausend Teilen daliegt und erst vom Leser wie ein Puzzle zusammengesetzt werden muss.

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Wenn wir angeben wollten, was einen Roman auszeichne, so wäre der von Perec sicherlich ein großes Beispiel. Der Roman stiftet einen Zusammenhang inmitten der unentwirrbaren Welt, und dazu gehört eine immanente, nicht sofort erkennbare Logik, ein Reichtum an Personen und Perspektiven. Dazu gehört auch die Abschweifung - wobei es bei Perec strukturell gar keine geben kann, denn eigentlich gehört alles in den imaginären Zusammenhang, über Epochen und Kontinente hinweg.

Die eigenartigsten Romane der Weltliteratur sind Abschweifungsromane: Moby Dick, der an manchen Stellen wirkt, als wäre der Roman ein Schiff, das Melville (und den Leser) zu unbekannten Breiten trüge; oder Jahnns Fluß ohne Ufer, der im Norwegen-Kapitel die Bewegung des Schuld-und-Sühne-Dramas bis zum Stillstand verlangsamt; oder Stifters Nachsommer, der den Stillstand der äußeren Geschichte gegen das Beben der inneren setzt. Und selbst die großen Romane der neueren Zeit, seien sie von Philip Roth, Pynchon oder García Márquez, gleichen einem Delta, in das die Quelle der Erzählens, die zum Fluss und dann zum Strom wird, vielfältig mündet.

Gemessen daran wirken die deutschsprachigen Romane der Gegenwart oftmals blass. Die Autoren der jüngeren Generation, anders als die antiliterarischen 68er mit ihren Verständigungs- und Selbsterfindungtexten, erstreben Professionalität und erreichen sie oft. Sie schreiben besser, sie wollen Wirkung, sie beherrschen ihr Handwerk. Sie beginnen oft mit einer schmerzlichen Lebenserfahrung, einem soziologischen Aperçu, einer ästhetischen Devise. So entstehen lesbare oder gar bemerkenswerte Talentproben, die wir nicht ohne Gewinn zur Kenntnis nehmen. Aber ihnen fehlt das Moment der Offenbarung, das sowohl den Leser wie den Autor bestürzend ereilt. Sie folgen einem Kalkül, einem vorgesetzten Plan, einer sichtbaren Logik, sie sind also berechenbar. Das ist noch kein Fehler, aber es ist nur der Anfang. Danach erst käme "die willkürliche Notwendigkeit", von der Perec spricht.

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