Manuskript
Das Gift der Kameradschaft
Sebastian Haffners Manuskript über seine Zeit im Schulungslager für Rechtsreferendare. - "Wir ließen uns auf das Spiel ein und verwandelten uns ganz automatisch - wenn nicht in Nazis, so doch in brauchbares Material für die Nazis." Sebastian Haffner erinnert sich an den Herbst 1933
Noch heute wird mir schwindlig, wenn ich diese Situation durchdenke. Sie enthielt in einer Nußschale das ganze Dritte Reich.
Jüterbog ist eine Garnisonstadt im Süden der Mark Brandenburg. Eines schönen Herbstmorgens fanden wir uns dort auf dem Bahnhof ein, fünfzig oder hundert junge Leute, aus allen möglichen Gegenden Deutschlands zusammengeweht, Mäntel über dem Arm, Coupékoffer in der Hand und leichte Verlegenheit in den Mienen. Keiner wußte eigentlich, was man mit uns vorhatte; jeder fragte sich ein bißchen, was wir eigentlich hier sollten. Wir wollten unser Assessorexamen machen - und fanden uns zu diesem Zweck plötzlich höchst ungefragt an diesen ungastlichen Provinzbahnsteig bestellt. Gegen die "weltanschauliche Schulung", die uns versprochen war, mochte sich mancher mit stiller Reserve und Ironie gewappnet haben. Aber keiner hatte sich wahrscheinlich im voraus genau die komische, befremdlich abenteuerliche Situation ausgemalt, wie wir hier mit unsern Köfferchen in irgendeiner entlegenen Gegend herumstanden und keiner andern Aufgabe als der, uns an einem Fleck, genannt "Neues Lager", den keiner kannte, einzufinden, zu Zwecken, die ebenfalls keinem ganz klar waren ...
Im Lager angekommen, hatten wir zunächst zu warten. Wir standen in "Rührt-euch"-Stellung und in Verlegenheit herum und sahen zu, wie andere Referendare, die schon hier wohnten, mit großen Besen den Staub auf dem Hof zwischen den Baracken hin- und herfegten. (Acht Tage später wußten wir ganz genau, daß das "Revierreinigen" hieß und die selbstverständliche Sonnabendbeschäftigung war.) Dazu sangen sie in einer besonderen, zackig-abgerissenen Art, die die Nazis aufgebracht hatten, seltsame Lieder. Ich bemühte mich, die Texte zu verstehen, bekam allmählich heraus, daß es sich um Spottlieder auf die "Märzgefallenen" handelte - jene Leute, die nach dem Siege der Nazis plötzlich auch Nazis geworden waren ...
Ich versuchte mit unsicheren Blicken, meine Nebenleute einzuschätzen, die noch Zivil trugen und noch nicht sangen; dasselbe mochten sie mit mir tun ... "Ob er ein Nazi ist? Jedenfalls besser vorsichtig sein ..."
So warteten wir und warteten mit Unterbrechungen drei oder vier Stunden lang. In den Unterbrechungen bekamen wir Stiefel, Eßnäpfe, Hakenkreuzarmbinden und einen "Schlag" Kartoffelsuppe ausgehändigt. Nach jedem dieser Akte hatten wir jeweils wieder eine halbe Stunde ungefähr zu warten. Es war, als säßen wir in einer großen schwerfälligen Maschine, die alle halbe Stunde lang eine knacksende Drehung machte. Dann wurden wir noch ärztlich untersucht, eine jener rauhen und etwas beleidigend-summarischen ärztlichen Untersuchungen militärischen Stils: Zunge herausstrecken, Hosen herunterlassen, "Sind Sie geschlechtskrank gewesen?", einmal das ärztliche Ohr an die Brust gelegt, einmal mit der Taschenlampe zwischen die Beine geleuchtet, einmal mit einem Hämmerchen auf die Kniescheibe geklopft, fertig. Und dann bekamen wir "Stuben" zugewiesen, große Räume mit vierzig oder fünfzig zweistöckigen Betten, kleinen Schränkchen und zwei langen Eßtischen mit Bänken. Es hatte alles ein eindeutig militärisches Gesicht; das Komische war dabei nur, daß wir ja eigentlich gar nicht Soldaten werden wollten, sondern unser Assessorexamen machen ...
Unser Stubenältester nämlich ließ uns antreten. Er war ein SA-Mann, aber kein gewöhnlicher SAMann, sondern ein Sturmführer ... Er kommandierte "Stillgestanden" und "Rührt euch"; oder vielmehr er kommandierte nicht eigentlich, sondern sagte es mit einem vernünftig-zuredenden Unterton, etwa als wolle er sagen: "Wir spielen nun mal hier ein Spiel, in dem ich zu kommandieren habe, also seid keine Spielverderber und folgt mir." Und so taten wir ihm also alle den Gefallen. Darauf hielt er eine Ansprache, die aus drei Punkten bestand.
Erstens, da noch Unklarheit darüber zu bestehen scheine, hier im Lager gebe es nur eine Anrede, nämlich das kameradschaftliche Du.
Zweitens, diese Stube würde die Musterstube des Lagers werden.
Drittens: "Wenn einer Schweißfüße hat, erwarte ich, daß er sie jeden Morgen und jeden Abend wäscht. Das ist ein Gebot der Kameradschaft."
Und damit, erklärte er, sei der Dienst für heute und morgen beendet. (Es war Sonnabendnachmittag.) ...
Man begann zögernd Bekanntschaften zu schließen: Zögernd, weil ja niemand von dem andern wußte, ob er nicht ein Nazi sei, und weil daher Vorsicht geboten war. Einige machten sich ganz offen an die uniformierten SA-Leute heran, die aber eine gewisse stolze Reserve gegenüber ihren zivilistischen Kollegen zur Schau trugen. Ganz offensichtlich fühlten sie sich hier als eine Art Aristokratie. Ich suchte im Gegensatz dazu nach Gesichtern, die recht unnazistisch aussahen. Aber konnte man sich auf die bloße Physiognomie verlassen? Ich fühlte mich ziemlich unbehaglich und unentschlossen.
Dann sprach mich selbst einer an. Ich musterte ihn schnell, er hatte ein normales und offenes blondes Gesicht - immerhin sah man solche Gesichter auch manchmal unter SA-Kappen.
"Mir ist, als habe ich Sie schon irgendwo gesehen - äh dich schon gesehen", sagte er. "Kann das sein?"
"Ich weiß nicht", sagte ich, "ich habe ein schlechtes Gesichtsgedächtnis. Sind Sie - äh bist du auch Berliner?"
"Ja", sagte er. Und er stellte sich vor, mit einer kleinen zivilistischen Verbeugung. "Burkard."
Auch ich nannte meinen Namen, und dann versuchten wir herauszufinden, wo wir uns schon gesehen haben könnten. Das ergab ein unkompromittierendes Gespräch von 10 Minuten. Nachdem wir festgestellt hatten, daß wir uns eigentlich nirgends gesehen haben konnten, trat eine Pause ein. Wir räusperten uns.
"Na, immerhin", sagte ich, "dann haben wir uns eben jetzt hier gesehen."
"Ja", sagte er. Pause.
"Ob es hier irgendwo eine Kantine gibt?" sagte ich. "Wollen wir eine Tasse Kaffee zusammen trinken?"
"Warum nicht?" sagte er. Wir vermieden so gut wir konnten die Anrede.
"Irgendwas muß man ja schließlich tun", sagte ich. Und dann vorsichtig tastend: "Komischer Betrieb hier, was?"
Er sah mich von der Seite an und sagte noch vorsichtiger: "Ich habe noch keinen rechten Eindruck. Militärisch im ganzen, wie?"
So suchten wir die Kantine und tranken Kaffee und boten uns gegenseitig Zigaretten an. Die Unterhaltung zog sich hin. Wir vermieden, uns anzureden, und wir vermieden, uns bloßzustellen. Es war eine anstrengende Unterhaltung.
"Spielen Sie Schach?" fragte er schließlich. "Verzeihung, spielst du Schach?"
"Ein bißchen", sagte ich. "Wollen wir ein Partie spielen?"
"Ich habe lange nicht gespielt", sagte er. "Aber es scheint hier Schachbretter zu geben, wir können es ja mal versuchen." ...
Das Radio rauschte in einer Ecke: Marschmusik, wie üblich. Sechs oder acht Leute saßen noch an anderen Tischen verstreut, rauchend und kaffeetrinkend. Die andern mochten im Lager spazierengehen. Die Fenster standen offen; herbstliche Nachmittagssonne fiel in schrägen Strahlen herein.
Auf einmal unterbrach sich das Radio. Die banale Marschmelodie, die heraustönte, blieb sozusagen mit einem Fuß in der Luft stehen. Eine quälende Stille entstand, in der man immer noch darauf wartete, daß sie den Fuß wieder auf die Erde setzen würde. Statt dessen sagte eine ölige Ansagerstimme: "Achtung, Achtung! Hier ist eine Sondermeldung des drahtlosen Dienstes."
Wir blickten beide von unseren Schachfiguren auf, vermieden es aber, uns anzusehen. Es war Sonnabend, der 13. Oktober 1933, und es war die Meldung, daß Deutschland die Abrüstungskonferenz und den Völkerbund verlassen habe. Der Ansager sprach den Ansage-Stil, den Goebbels geschaffen hat, mit der öligen Glätte eines Schauspielschülers, der einen Intriganten zu spielen hat ...
Nun, es sprang niemand spontan auf, um Heil oder Hurra zu rufen. Aber auch sonst geschah nichts. Burkard beugte sein Gesicht so tief über die Figuren, als gäbe es nichts Interessantes auf der Welt außer unserer Schachpartie. Auch an den anderen Tischen saßen die Leute schweigend und bliesen den Rauch von ihren Zigaretten mit höchst bedeutsam-nichtssagenden Gesichtern. Und dabei wäre so viel zu sagen gewesen! Mir war ganz krank vor widerstreitenden Empfindungen ...
"Ganze Masse auf einmal, nicht wahr?"
"Ja", sagte Burkard, den Kopf über die Schachfiguren gebeugt, "darunter tuns die Nazis nicht."
Ha! Verraten! Entlarvt! Er hatte "die Nazis" gesagt. Wer "die Nazis" sagte, war keiner. Man konnte mit ihm reden. "Ich denke doch, diesmal wirds schiefgehen", fing ich eifrig an. Aber er blickte mit einem ganz verständnislosen Blick auf. Er merkte inzwischen wohl, daß er sich vergaloppiert hatte.
"Schwer zu sagen", sagte er. "Ich glaube, Sie verlieren Ihren Läufer." (Er vergaß sogar, "du" zu sagen.)
"Glauben Sie?" sagte ich und versuchte mich wieder auf dem Schachbrett zu orientieren, ich war ganz aus dem Zusammenhang geraten.
Dann beendeten wir unsere Partie, ohne noch etwas anderes zu sagen als gelegentlich "Schach" oder "Gardez".
Am Abend saßen wir dann alle in derselben Kantine und hörten Hitler aus dem Radio tönen, während sein großes Bildnis schmollend auf uns niedersah. Die SA-Leute beherrschten jetzt die Szene und lachten oder nickten an den passenden Stellen beinah so gut wie Reichstagsabgeordnete. Wir saßen oder standen eng zusammengepfercht, und in dieser Enge lag eine scheußliche Unentrinnbarkeit. Man war den Worten, die da aus dem Radio kamen, ausgelieferter als sonst, so eingeklemmt zwischen Nachbarn, von denen man nicht recht wußte, wes Geistes Kind sie waren. Einige waren offensichtlich begeistert. Andere blickten undurchdringlich. Reden tat nur einer: der Unsichtbare im Radio.
Als er ausgeredet hatte, kam das Schlimmste. Die Musik signalisierte: Deutschland über alles, und alles hob die Arme. Ein paar mochten, gleich mir, zögern. Es hatte so etwas scheußlich Entwürdigendes. Aber wollten wir unser Examen machen oder nicht? Ich hatte, zum ersten Mal, plötzlich ein Gefühl so stark wie ein Geschmack im Munde - das Gefühl: "Es zählt ja nicht. Ich bin es ja gar nicht, es gilt nicht." Und mit diesem Gefühl hob auch ich den Arm und hielt ihn ausgestreckt in der Luft, ungefähr drei Minuten lang. So lange dauern das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied. Die meisten sangen mit, zackig und dröhnend. Ich bewegte ein wenig die Lippen und markierte Gesang, wie man es in der Kirche beim Choralsingen tut.
Aber die Arme hatten alle in der Luft, und so standen wir vor dem augenlosen Radioapparat, der nur die Arme hochzog wie ein Puppenspieler die Arme seiner Marionetten, und sangen oder taten so, als ob wir sangen; jeder die Gestapo des andern.
Bekanntlich reagierten die Mächte in keiner Weise auf Hitlers Austritt aus dem Völkerbund und die Aufrüstung, die von diesem Augenblick an mit einer gewissen demonstrativen Offenheit (wenn auch mit einer Begleitmusik verbaler Ableugnung) betrieben wurde; und in den nächsten Tagen erprobte ich zum ersten Mal jenes aus feiger Beruhigung und tiefer Enttäuschung gemischte Gefühl, das in den folgenden Jahren für mich und meinesgleichen eine bis zum Lebensüberdruß wiederholte Erfahrung werden sollte.
In denselben Tagen begann unsere "weltanschauliche Schulung". Sie vollzog sich auf eine bemerkenswert indirekte und nicht unraffinierte Weise.
Worauf wir gefaßt gewesen waren, waren Reden, Vorträge, Verhöre in der Verkleidung von Diskussionen. Nichts von alledem erfolgte. Statt dessen bekamen wir am Montag richtige Uniformen verpaßt - graue Uniformen von einem blusigen Schnitt, wie sie im Weltkrieg die Russen getragen hatten, mit Feldmützen und Koppel. So militärisch ausgestattet und schwerschrittig im Lager herumstiefelnd, hatten wir indessen zunächst weiter nichts zu tun als unsere Klausurarbeiten zu schreiben - martialische, feldgraue Examenskandidaten.
Hiernach begann etwas, was "der Dienst" hieß. Oberflächlich betrachtet, hatte es eine gewisse Ähnlichkeit mit Militärdienst, namentlich insofern, als unsere Gewalthaber - SA-Sturmführer und ähnliches Volk - sich durchaus des klassischen Feldwebeltons befleißigten. Wir lernten z. B. keineswegs, mit Waffen umzugehen. Wir exerzierten ein bißchen, und im übrigen lernten wir marschieren, singen und grüßen ...
Und darin bestand unsere weltanschauliche Schulung. Indem wir uns auf das Spiel einließen, das da mit uns gespielt wurde, verwandelten wir uns ganz automatisch - wenn nicht in Nazis, so doch in brauchbares Material für die Nazis. Und wir ließen uns darauf ein. Warum eigentlich?
Hier kommt verschiedenes zusammen, kleine und große Gründe, entlastende und belastende. Sicher der oberflächlichste war, daß wir ja alle unser Examen machen wollten, und daß dies nun einmal plötzlich als Examensleistung verlangt wurde. Gewiß, die geheimnisvollen Andeutungen, daß das "Lagerzeugnis" eine große Rolle beim Examen spielen würde und daß man mißglückte juristische Arbeiten durch strammes Marschieren und kräftiges Singen gutmachen könnte, mochten eine gewisse Rolle spielen und bei manchen den Eifer anfachen. Viel entscheidender aber war schon, daß wir ja völlig überrumpelt waren und gar keine Ahnung hatten, was eigentlich mit uns gespielt wurde und was dagegen zu tun gewesen wäre. Meutern. Einfach das Lager verlassen und nach Hause fahren? Aber das hätte verabredet werden müssen, und unterhalb einer dünnen Decke rauher und herzlicher Lagerkameradschaft hatten wir ja alle das größte Mißtrauen gegeneinander. Außerdem waren wir viel zu neugierig, worauf dies nun eigentlich alles hinaussollte. Und schließlich gab es da einen seltsamen, sehr deutschen Ehrgeiz, der plötzlich zu spielen begann, ohne daß wir es selbst so recht merkten: nämlich einen abstrakten Tüchtigkeits-Ehrgeiz, den Ehrgeiz, eine Sache, die einem aufgegeben wird, auch wenn sie völlig sinnlos, unverständlich und sogar demütigend ist, so gut wie möglich zu machen, so tüchtig, sachlich und gründlich wie nur denkbar auszuführen ...
Hier war unser aller schwache Stelle - ob wir nun im übrigen Nazis oder Nichtnazis waren. Und hier wurden wir mit bemerkenswert psychologisch-strategischem Geschick angepackt.
Ganz richtig wurde es aber doch erst, als, nach etwa einer oder zwei Wochen, ein plötzlicher Wechsel in der Ausbildungsmannschaft eintrat. Die SA-Sturmführer, die uns bisher kommandiert hatten, verschwanden eines Tages plötzlich, um ihrerseits zur weiteren "Schulung" in irgendein "Lager" zu gehen; und statt dessen erschien ein Reichswehrleutnant mit einem Dutzend Unteroffizieren.
Ein einnehmender junger Mann, eines Morgens stand er plötzlich vor unserer Front, als wir gerade, bei strömendem Regen, zu irgendeinem unserer Märsche angetreten waren. "Was machen Sie denn alle für trübselige Gesichter", sagte er, "bei so schönem Wetter - und einer so schönen Beschäftigung!" Das klang liebenswürdig und menschlich. Sogar das bürgerliche "Sie" wurde uns nicht vorenthalten! Aus seiner Meinung über die SA im allgemeinen und unsere bisherigen SA-Kommandeure im besonderen machte er kein Hehl, und die Unteroffiziere taten es noch weniger. "Jetzt wird hier etwas Vernünftiges getrieben", erklärte desselben Nachmittags der Unteroffizier Schmidt, der unsern Zug übernahm, und alsbald bekamen wir Gewehre eingehändigt und lernten zunächst einmal die sieben Bestandteile des Gewehrs, und dann, wie man damit schießt. Das war geradezu erlösend. Wir waren also nun wirklich Rekruten, und wir waren geneigt, dies als einen angenehmen Fortschritt anzusehen. Man wußte doch nun wenigstens, was gespielt wurde und wozu wir da waren! Die stillschweigende ständige Demütigung, die darin gelegen hatte, den ganzen Tag Dinge zu tun, die überhaupt keinen erkennbaren Sinn und Verstand hatten, war vorbei. Wie froh wir waren! Wir waren wirklich schon ganz ordentlich weltanschaulich geschult ...
Hitler wird der Ausspruch zugeschrieben: "Alle, die gerne gegen uns kämpfen möchten, dienen nun jetzt - in der Reichswehr." Ein Ausspruch, der mehr Wahrheit enthält als Hitlersche Aussprüche im allgemeinen. Tatsächlich ist die Reichswehr der große Auffangapparat geworden für fast das ganze nichtnazistische Deutschland: für die durchschnittliche deutsche Masse mit ihrem unbändigen Tüchtigkeits- und Tätigkeitsbedürfnis und ihrer intellektuellen und moralischen Feigheit. Hier war ein Feld, wo man nicht ständig die Arme zu heben brauchte, wo man sich sogar einmal ohne allzugroße Gefahr ein derbes Wort über Hitler und die Nazis erlauben konnte; wo man andererseits in der effektivsten und gründlichsten Weise beschäftigt wurde, wo alles "klappte", wo "gute Arbeit geleistet wurde"; und wo man - das schönste von allem - nur "schweigend seine Pflicht zu tun hatte" und daher jeder Denkmühe und moralischen Selbstverantwortung überhoben war; wo man sich nicht zu fragen hatte, auf wen und für wen man eines Tages zu schießen haben würde. Manche, die noch ein zusätzliches Beruhigungsmittel brauchten, trösteten sich jahrelang damit, daß "eines Tages die Reichswehr mit dem ganzen Schwindel Schluß machen würde". Und alle übersahen geflissentlich, daß gerade die Reichswehr der Kanal war, durch den ihre Kräfte in den Dienst Hitlers geleitet wurden. Ein großer, ein entscheidender Vorgang. Damals in Jüterbog erlebte ich einen mikroskopischen kleinen Teilausschnitt aus ihm; aber eben wie unter einem Mikroskop: in einer Nah- und Großansicht, die alle seine psychologischen Details bloßlegt.
Wir wurden eifrige Rekruten. Nach ein paar Wochen hatten wir fast vergessen, wie komisch es eigentlich war, daß wir hier schießen lernten, um unser Examen zu machen. Das militärische Leben hat seine eigene Gesetzmäßigkeit. War man einmal darin, so war man nicht mehr frei, sich zu fragen, wie, warum und wozu man eigentlich hineingeraten war ...
Es war eine Pointe - vielleicht die Pointe - dessen, was da im Lager mit uns geschah, daß die einzelne Person jedes einzelnen von uns gar keine Rolle dabei spielte; völlig ausgeschaltet und mattgesetzt war; sozusagen nicht zählte. Die Konstellation war von vornherein jedesmal so, daß für das einzelne Ich gar kein Spielraum blieb. Was man "privat" und "eigentlich" war und dachte, war gleichgültig und beiseite gestellt, sozusagen auf Eis gelegt. Umgekehrt hatte man in Stunden, wo man Zeit hatte, sich auf sein Ich zu besinnen - nachts etwa, wenn man inmitten des vielstimmigen Schnarchens der Kameraden erwachte -, ein Gefühl der Unwirklichkeit und Ungültigkeit dessen, was da tatsächlich stattfand und woran man mechanisch teilhatte. Nur diese Stunden blieben auch, um sich so etwas wie Rechenschaft abzulegen und eine gewisse letzte Rückzugsstellung des Ich zu beziehen ...
Hätte ich mich vielleicht weigern sollen, gleich am ersten Tag, als die Armbinden ausgehändigt wurden? Gleich erklären: Nein, so etwas trage ich nicht, und es unter dem Fuß stampfen? Aber das wäre wahnsinnig gewesen und noch mehr lächerlich. Es hätte nur bedeutet, daß ich ins Konzentrationslager käme und nicht nach Paris; und meinem Vater mein Versprechen bräche, mein Examen zu machen. Und wahrscheinlich sterben würde - für nichts; für eine quichottische Geste, die nicht einmal Publikum hatte. Lächerlich. Alle Leute trugen hier die Armbinden, und ich wußte nachgerade, es waren mehr darunter, die "privat" genau so darüber dachten wie ich. Wenn ich Theater gemacht hätte, sie hätten die Achseln gezuckt. Besser, ich trug jetzt die Armbinde, so blieb ich frei und konnte später meine Freiheit richtig benutzen. Besser ich lernte jetzt gut schießen; so würde ich später vielleicht schießen können, wenn ich es für einen nützlichen Zweck brauchte ...
Aber darunter blieb eine beunruhigende Stimme. Es hilft alles nichts; du hast die Armbinde getragen.
Die Kameraden schnarchten, wälzten sich und stießen noch andere Geräusche aus. Ich war allein wach und allein. Die Luft war sehr stickig. Man müßte ein Fenster aufmachen. Es war Mondschein am Fenster. Man müßte wieder schlafen.
Aber nun ging es nicht so leicht mit dem Wieder-Schlafen. Hier zu erwachen, war unbequem. Ich wälzte mich auf die andere Seite. Der Schlafatem meines Nachbarn roch nicht gut, und ich wälzte mich zurück.
Andere Gedanken, mehr nächtliche Gedanken. Als das neulich gesagt wurde mit dem "Paris zertöppern", ging es dir nicht wie ein Messer durchs Herz? Warum sagtest du nichts?
Was hätte ich denn sagen sollen. Etwa: Es wäre schade um Paris? Vielleicht habe ich es sogar gesagt. Habe ich? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls hätte man unfehlbar geantwortet: "Natürlich, schade wärs schon." Und was weiter? So etwas Mildes zu sagen, wäre feiger und verlogener als ganz zu schweigen. Was hätte ich denn aber wirklich sagen sollen? "Grauenvoll, unmenschlich, du weißt nicht, was du redest ... "? Wirkungslos, ganz wirkungslos. Sie wären nicht mal böse gewesen. Nur befremdet. Sie hätten gelacht. Oder die Achseln gezuckt. Was hätte man sagen können, was wirklich gepaßt hätte. Wirksam gewesen wäre, den Panzer von Taubheit zerschlagen hätte, die eigene Seele gerettet hätte?
Ich strengte mich an, etwas zu finden. Ich fand nichts. Es gab nichts. Schweigen war besser ...
Ich suchte mir wieder eine andere Lage, und der Gedanke verschob sich ein bißchen: Und es tun? Ja, da fängt der entscheidende Unterschied an ... Würde irgendeiner von uns, würde ich einen Ausweg finden, wenn man jetzt plötzlich Taten von uns verlangte? Wenn jetzt doch noch plötzlich der Krieg ausbräche und wir würden, so wie wir hier sind, ins Feld geschickt und sollten schießen - für Hitler ... Nun? Würdest du dein Gewehr wegschmeißen und überlaufen? Oder auf deinen Nebenmann schießen? Der dir gestern beim Gewehrputzen geholfen hat? Nun? Nun???
Ich stöhnte und versuchte nun mit Gewalt, nicht mehr weiterzudenken. Ich merkte, ich saß mit meinem ganzen Ich in der Falle. Ich hätte nie ins Lager gehen dürfen. Jetzt saß ich in der Falle der Kameradschaft.
Am Tage hatte man keine Zeit zum Denken und keine Gelegenheit, "ich" zu sein. Am Tage war die Kameradschaft ein Glück. Ganz ohne Zweifel: Es blüht eine Art Glück in solchen "Lagern", eben das Glück der Kameradschaft. Es war ein Glück, morgens miteinander im Gelände zu laufen, miteinander splitternackt unter den warmen Brausen im Duschraum zu stehen, miteinander die Pakete zu teilen, die bald der, bald jener von zu Hause geschickt bekam, miteinander die Verantwortung zu teilen für irgend etwas, was der oder jener ausgefressen hatte, einander in tausend Kleinigkeiten zu helfen und beizustehen, einander in allen Angelegenheiten des Tagesbetriebes unbedingt zu vertrauen, knabenhafte Schlachten, Raufereien miteinander zu haben, sich gar nicht voneinander zu unterscheiden, in einem großen, sanft und sicher tragenden Strom von Vertrauen und rauher Vertrautheit zu schwimmen ... Wer will leugnen, daß alles das Glück ist? Wer will leugnen, daß im menschlichen Charakter etwas ist, das gerade hiernach verlangt und das im normalen, friedlichen, zivilen Leben selten zu seinem Recht kommt?
Ich jedenfalls will es gewiß nicht leugnen. Und doch weiß ich und behaupte mit aller Schärfe, daß gerade dieses Glück, gerade diese Kameradschaft eins der furchtbarsten Mittel der Entmenschung werden kann - und in der Hand der Nazis geworden ist. Es ist das große Lockmittel, der große Köder der Nazis. Sie haben die Deutschen mit diesem Kameradschafts-Alkohol, nach dem irgend etwas in ihnen verlangte, bis zum Delirium tremens überschwemmt. Sie haben die Deutschen überall zu Kameraden gemacht und sie vom widerstandslosesten Alter an an dieses Rauschmittel gewöhnt: in der Hitler-Jugend, der SA, der Reichswehr, in tausend Lagern und Bünden - und sie haben ihnen dabei etwas ausgetrieben, was unersetzlich und mit keinem Glück der Kameradschaft zu bezahlen ist.
Kameradschaft gehört zum Krieg. Wie Alkohol ist sie eins der großen Trost- und Hilfsmittel für Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen zu leben haben. Sie macht Unerträgliches erträglich. Sie hilft, Tod, Schmutz und Jammer zu überstehen. Sie betäubt. Sie tröstet über den Verlust aller Zivilisationsgüter hinweg, den sie voraussetzt. Sie empfängt ihre Heiligung durch furchtbare Notwendigkeiten und bittere Opfer. Wo sie von alledem getrennt wird, wo sie nur um des Genusses und der Betäubung willen, um ihrer selbst willen, gesucht und veranstaltet wird, wird sie zum Laster. Daß sie eine Weile glücklich macht, ändert daran nicht das geringste. Sie verdirbt und depraviert den Menschen wie kein Alkohol und kein Opium. Sie macht ihn unfähig zum eigenen, verantwortlichen, zivilisierten Leben. Ja, sie ist recht eigentlich ein Dezivilisationsmittel. Die allgemeine Kameradschafts-Hurerei, zu der die Nazis die Deutschen verführt haben, hat dieses Volk heruntergebracht wie nichts anderes.
Man übersehe nicht, auf welch furchtbar zentralen Stellen die Kameradschaft als Gift wirkt. (Noch einmal: Gifte können glücklich machen, Leib und Seele können nach Giften verlangen, und Gifte können an ihrem Ort heilsam und unentbehrlich sein. Deswegen bleiben sie doch Gifte.)
Die Kameradschaft, um das Zentralste voranzustellen, beseitigt völlig das Gefühl der Selbstverantwortung, so im bürgerlichen Sinne, und, schlimmer, im religiösen. Der Mensch, der in der Kameradschaft lebt, ist jeder Sorge für die Existenz, jeder Härte des Lebenskampfs überhoben. Er hat sein Lager in der Kaserne, er hat sein Essen und seine Uniform. Sein Tageslauf ist ihm von Stunde zu Stunde vorgeschrieben. Er braucht sich nicht die kleinste Sorge zu machen. Er steht nicht mehr unter dem harten Gesetz: "Jeder für sich", sondern unter dem generös-weichen: "Alle für einen". Es ist eine der unangenehmsten Lügen, daß die Gesetze der Kameradschaft härter seien als die des individuellen bürgerlichen Lebens. Sie sind vielmehr von geradezu erschlaffender Weichlichkeit und sie rechtfertigen sich nur für Soldaten im wirklichen Kriege, für den Mann, der zu sterben hat: Das Pathos des Todes allein erlaubt und erträgt diese ungeheuerliche Dispensierung von der Lebensverantwortung. Und man weiß, wie unfähig selbst tapfere Krieger, die zu lange auf dem weichen Kissen der Kameradschaft gelebt haben, später oft sind, sich wieder in die Härte des bürgerlichen Lebens zu finden.
Viel schlimmer ist, daß Kameradschaft dem Menschen auch die Verantwortung für sich selbst und vor Gott und seinem Gewissen abnimmt. Er tut, was alle tun. Er hat keine Wahl. Er hat keine Zeit. Nachzudenken (- es sei denn, wenn er unglücklicherweise allein aufwacht -). Sein Gewissen sind die Kameraden und es erteilt ihm Absolution für alles, solange er tut, was alle tun ...
Wenn wir - Referendare immerhin, Akademiker mit intellektueller Schulung, angehende Richter und gewiß nicht durch die Bank Schwächlinge ohne Überzeugungen und ohne Charakter - in Jüterbog binnen wenigen Wochen zu einer minderwertigen, gedankenlos-leichtfertigen Masse geworden waren ..., dann waren wir dies durch Kameradschaft geworden. Denn Kameradschaft bedeutet unvermeidlich Fixierung des geistigen Niveaus auf der niedrigsten, dem letzten noch gerade mal zugänglichen Stufe. Sie erträgt keine Diskussion; Diskussion nimmt in der chemischen Lösung Kameradschaft sofort die Farbe der Quengelei und Stänkerei an und ist eine Todsünde. In der Kameradschaft gedeihen keine Gedanken, sondern nur Massenvorstellungen primitivster Art - und sie wieder unentrinnbar; wer sich ihnen entziehen will, würde sich außerhalb der Kameradschaft stellen. Wie ich die Vorstellungen wiedererkannte, die unsere Lagerkameradschaft nach wenigen Wochen absolut und unentrinnbar beherrschten! Es waren nicht eigentlich die amtlichen Nazikonzeptionen - und es waren doch die Nazikonzeptionen. Es waren die Vorstellungen, die unter uns Kindern in den Weltkriegsjahren geherrscht hatten, die Vorstellungen des Rennbundes Altpreußen und der Sportclubs aus der Stresemannzeit. Ein paar Spezifika der Nazi-Weltanschauung hatten noch nicht recht Wurzel geschlagen. "Wir" waren z. B. nicht eigentlich virulent antisemitisch. Aber "wir" waren auch nicht bereit, uns hierauf zu versteifen. Kleinigkeiten; wer würde sich dadurch stören lassen. "Wir" waren ein Kollektivwesen, und mit der ganzen intellektuellen Feigheit und Verlogenheit des Kollektivwesens ignorierten oder bagatellisierten wir instinktiv alles, was unsere kollektive Selbstzufriedenheit hätte stören können. Ein Deutsches Reich im kleinen.
Es war auffällig, wie die Kameradschaft alle Elemente von Individualität und Zivilisation aktiv zersetzte. Das wichtigste Gebiet des individuellen Lebens, das sich nicht ohne weiteres in die Kameradschaft einordnen läßt, ist die Liebe. Nun, die Kameradschaft hat ihre Waffe dagegen: die Zote. Jeden Abend im Bett, nach der letzten Ronde, wurden mit einer Art von Rituell, Zoten gerissen. Das gehört zum eisernen Programm jeder Männerkameradschaft. Und nichts ist abwegiger als die Meinung mancher Autoren, die darin einen Ausweg unbefriedigter Sexualität, eine Ersatzbefriedigung und was nicht noch alles sehen wollen. Diese Zoten wirkten nicht etwa anregend und lüstern; sie kamen im Gegenteil darauf hinaus, die Liebe so unappetitlich wie möglich zu machen, sie in die Nähe der Verdauung zu rücken und eben einen Gegenstand des Gelächters aus ihr zu machen. Die Männer, die hier Wirtinnenverse rezitierten und rauhe Worte für weibliche Körperteile benutzten, verleugneten eben damit, daß sie je zärtlich, verliebt, inständig gewesen waren, daß sie sich je schön und liebenswürdig gemacht hatten und für dieselben Körperteile sehr süße Worte gebraucht hatten ... Sie waren rauh erhaben über derartige zivilistische Süßigkeiten.
Es war selbstverständlich und dem Stil angemessen, daß auch die zivile Höflichkeit und Manieren der Kameradschaft zur leichten Beute fielen. Dahin die Zeiten, wo man errötend und ungelenk Verbeugungen gemacht und in Salons gute Erziehung vorgeführt hatte. Hier war "Scheiße" der normale Ausdruck der Mißbilligung, "Na, ihr Arschlöcher" eine freundschaftlich-gemütliche Anrede und "Schinkenkloppen" ein beliebtes Spiel. Auch der Zwang des Erwachsenseins war hier aufgehoben, an seine Stelle war freilich der Zwang des Knäbischseins getreten; so überfiel man nachts die Nachbarstube mit "Wasserbomben", gefüllten Trinknäpfen, die man den Angegriffenen in die Betten warf ... Eine Schlacht folgte, mit munterem Ho und Ha und Gekreisch und Gejauchze; ein schlechter Kamerad, wer nicht mitmachte! Nahte die Ronde, so verschwand alles im Nu, jaulend vor Aufregung, in die Betten. Dort lag man und heuchelte schnarchend tiefen Schlaf. Selbstverständliche Kameradschaft gebot, daß auch die schnöde Überfallenen der Obrigkeit gegenüber von nichts wußten und lieber behaupteten, ihre Betten selbst naß gemacht zu haben. In der nächsten Nacht mochte man dafür auf einen Überfall von ihnen gefaßt sein ...
Dies führt bereits hinüber zu gewissen blutig-finsteren Urbräuchen der Kameradschaft, die nicht fehlen durften. Wer sich gegen die Kameradschaft versündigte, wer insbesondere den "feinen Pinkel" markierte, "angab" und mehr Individualität herausließ, als die Kameradschaft gestattete, verfiel der Feme und nächtlichen Körperstrafen. Unter die Pumpe geschleift zu werden war das Maß für kleine Sünden. Als aber einer überführt wurde, sich bei der Verteilung der Butterrationen - die übrigens damals noch durchaus ausreichend waren - selbst bevorzugt zu haben, erging ein furchtbares Femegericht gegen ihn. Düster wurde die anzuwendende Prozedur in seiner Abwesenheit durchberaten; eine schwüle Hinrichtungsspannung herrschte abends in den Betten, als die Ronde vorbei war. Selbst die rituellerweise vorgetragenen Wirtinnenverse wurden nicht recht belacht. "Meier", ertönte dann plötzlich furchtbar grollend die Stimme des selbsternannten Femerichters, "wir haben mit dir zu reden!" Aber ehe viel aus dem Reden geworden war, war der Unglückliche bereits aus dem Bett gezerrt und über einen Tisch gespannt. "Jeder versetzt Meier einen Schlag", donnerte die Stimme des Femerichters, "keiner schließt sich aus", und von draußen hörte ich die Schläge klatschen. Ich habe mich nämlich doch ausgeschlossen. Ich hatte scherzhaft behauptet, ich könne kein Blut sehen, und man hatte mir gnädig gestattet, Schmiere zu stehen ...
Man sieht, sie ist etwas recht Dämonisches, recht abgründig Gefährliches, die vielgepriesene, harmlose, schöne Männerkameradschaft. Die Nazis wußten schon, was sie taten, indem sie sie als normale Lebensform über ein ganzes Volk verhängten. Und die Deutschen, mit ihrer geringen Begabung zum individuellen Leben und zum individuellen Glück waren so schrecklich bereit, sie anzunehmen, so willig und gierig, die zarten, hochwachsenden, aromatischen Früchte der gefährlichen Freiheit gegen die bequem zur Hand hängende, üppige, saftig-quellende Rauschfrucht einer allgemeinen, wahllosen, gemein machenden Kameradschaft zu tauschen ...
Man sagt, die Deutschen seien geknechtet. Das ist nur halb richtig. Sie sind zugleich etwas anderes - schlimmeres - wofür es noch kein Wort gibt. Sie sind verkameradet. Ein schrecklich gefährlicher Zustand. Man ist unter einem Zauber dabei. Man lebt in einer Traum- und Rauschwelt. Man ist so glücklich darin und dabei so furchtbar entwertet. So zufrieden mit sich, und dabei so grenzenlos häßlich. So stolz, und so überaus gemein und untermenschlich. Man glaubt auf Gipfeln zu wandeln und man kriecht im Sumpf. Solange der Bann anhält, gibt es fast kein Mittel dagegen ...
Der vollständige Text erscheint Ende Mai in der Taschenbuchausgabe der "Geschichte eines Deutschen" im Deutschen Taschenbuch Verlag und auch in der nächsten Auflage der gebundenen Ausgabe bei der Deutschen Verlags-Anstalt
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