Noch heute wird mir schwindlig, wenn ich diese Situation durchdenke. Sie enthielt in einer Nußschale das ganze Dritte Reich.

Jüterbog ist eine Garnisonstadt im Süden der Mark Brandenburg. Eines schönen Herbstmorgens fanden wir uns dort auf dem Bahnhof ein, fünfzig oder hundert junge Leute, aus allen möglichen Gegenden Deutschlands zusammengeweht, Mäntel über dem Arm, Coupékoffer in der Hand und leichte Verlegenheit in den Mienen. Keiner wußte eigentlich, was man mit uns vorhatte; jeder fragte sich ein bißchen, was wir eigentlich hier sollten. Wir wollten unser Assessorexamen machen - und fanden uns zu diesem Zweck plötzlich höchst ungefragt an diesen ungastlichen Provinzbahnsteig bestellt. Gegen die "weltanschauliche Schulung", die uns versprochen war, mochte sich mancher mit stiller Reserve und Ironie gewappnet haben. Aber keiner hatte sich wahrscheinlich im voraus genau die komische, befremdlich abenteuerliche Situation ausgemalt, wie wir hier mit unsern Köfferchen in irgendeiner entlegenen Gegend herumstanden und keiner andern Aufgabe als der, uns an einem Fleck, genannt "Neues Lager", den keiner kannte, einzufinden, zu Zwecken, die ebenfalls keinem ganz klar waren ...

Im Lager angekommen, hatten wir zunächst zu warten. Wir standen in "Rührt-euch"-Stellung und in Verlegenheit herum und sahen zu, wie andere Referendare, die schon hier wohnten, mit großen Besen den Staub auf dem Hof zwischen den Baracken hin- und herfegten. (Acht Tage später wußten wir ganz genau, daß das "Revierreinigen" hieß und die selbstverständliche Sonnabendbeschäftigung war.) Dazu sangen sie in einer besonderen, zackig-abgerissenen Art, die die Nazis aufgebracht hatten, seltsame Lieder. Ich bemühte mich, die Texte zu verstehen, bekam allmählich heraus, daß es sich um Spottlieder auf die "Märzgefallenen" handelte - jene Leute, die nach dem Siege der Nazis plötzlich auch Nazis geworden waren ...

Ich versuchte mit unsicheren Blicken, meine Nebenleute einzuschätzen, die noch Zivil trugen und noch nicht sangen; dasselbe mochten sie mit mir tun ... "Ob er ein Nazi ist? Jedenfalls besser vorsichtig sein ..."

So warteten wir und warteten mit Unterbrechungen drei oder vier Stunden lang. In den Unterbrechungen bekamen wir Stiefel, Eßnäpfe, Hakenkreuzarmbinden und einen "Schlag" Kartoffelsuppe ausgehändigt. Nach jedem dieser Akte hatten wir jeweils wieder eine halbe Stunde ungefähr zu warten. Es war, als säßen wir in einer großen schwerfälligen Maschine, die alle halbe Stunde lang eine knacksende Drehung machte. Dann wurden wir noch ärztlich untersucht, eine jener rauhen und etwas beleidigend-summarischen ärztlichen Untersuchungen militärischen Stils: Zunge herausstrecken, Hosen herunterlassen, "Sind Sie geschlechtskrank gewesen?", einmal das ärztliche Ohr an die Brust gelegt, einmal mit der Taschenlampe zwischen die Beine geleuchtet, einmal mit einem Hämmerchen auf die Kniescheibe geklopft, fertig. Und dann bekamen wir "Stuben" zugewiesen, große Räume mit vierzig oder fünfzig zweistöckigen Betten, kleinen Schränkchen und zwei langen Eßtischen mit Bänken. Es hatte alles ein eindeutig militärisches Gesicht; das Komische war dabei nur, daß wir ja eigentlich gar nicht Soldaten werden wollten, sondern unser Assessorexamen machen ...

Unser Stubenältester nämlich ließ uns antreten. Er war ein SA-Mann, aber kein gewöhnlicher SAMann, sondern ein Sturmführer ... Er kommandierte "Stillgestanden" und "Rührt euch"; oder vielmehr er kommandierte nicht eigentlich, sondern sagte es mit einem vernünftig-zuredenden Unterton, etwa als wolle er sagen: "Wir spielen nun mal hier ein Spiel, in dem ich zu kommandieren habe, also seid keine Spielverderber und folgt mir." Und so taten wir ihm also alle den Gefallen. Darauf hielt er eine Ansprache, die aus drei Punkten bestand.

Erstens, da noch Unklarheit darüber zu bestehen scheine, hier im Lager gebe es nur eine Anrede, nämlich das kameradschaftliche Du.