Manuskript Das Gift der KameradschaftSeite 9/11
Was hätte ich denn sagen sollen. Etwa: Es wäre schade um Paris? Vielleicht habe ich es sogar gesagt. Habe ich? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls hätte man unfehlbar geantwortet: "Natürlich, schade wärs schon." Und was weiter? So etwas Mildes zu sagen, wäre feiger und verlogener als ganz zu schweigen. Was hätte ich denn aber wirklich sagen sollen? "Grauenvoll, unmenschlich, du weißt nicht, was du redest ... "? Wirkungslos, ganz wirkungslos. Sie wären nicht mal böse gewesen. Nur befremdet. Sie hätten gelacht. Oder die Achseln gezuckt. Was hätte man sagen können, was wirklich gepaßt hätte. Wirksam gewesen wäre, den Panzer von Taubheit zerschlagen hätte, die eigene Seele gerettet hätte?
Ich strengte mich an, etwas zu finden. Ich fand nichts. Es gab nichts. Schweigen war besser ...
Ich suchte mir wieder eine andere Lage, und der Gedanke verschob sich ein bißchen: Und es tun? Ja, da fängt der entscheidende Unterschied an ... Würde irgendeiner von uns, würde ich einen Ausweg finden, wenn man jetzt plötzlich Taten von uns verlangte? Wenn jetzt doch noch plötzlich der Krieg ausbräche und wir würden, so wie wir hier sind, ins Feld geschickt und sollten schießen - für Hitler ... Nun? Würdest du dein Gewehr wegschmeißen und überlaufen? Oder auf deinen Nebenmann schießen? Der dir gestern beim Gewehrputzen geholfen hat? Nun? Nun???
Ich stöhnte und versuchte nun mit Gewalt, nicht mehr weiterzudenken. Ich merkte, ich saß mit meinem ganzen Ich in der Falle. Ich hätte nie ins Lager gehen dürfen. Jetzt saß ich in der Falle der Kameradschaft.
Am Tage hatte man keine Zeit zum Denken und keine Gelegenheit, "ich" zu sein. Am Tage war die Kameradschaft ein Glück. Ganz ohne Zweifel: Es blüht eine Art Glück in solchen "Lagern", eben das Glück der Kameradschaft. Es war ein Glück, morgens miteinander im Gelände zu laufen, miteinander splitternackt unter den warmen Brausen im Duschraum zu stehen, miteinander die Pakete zu teilen, die bald der, bald jener von zu Hause geschickt bekam, miteinander die Verantwortung zu teilen für irgend etwas, was der oder jener ausgefressen hatte, einander in tausend Kleinigkeiten zu helfen und beizustehen, einander in allen Angelegenheiten des Tagesbetriebes unbedingt zu vertrauen, knabenhafte Schlachten, Raufereien miteinander zu haben, sich gar nicht voneinander zu unterscheiden, in einem großen, sanft und sicher tragenden Strom von Vertrauen und rauher Vertrautheit zu schwimmen ... Wer will leugnen, daß alles das Glück ist? Wer will leugnen, daß im menschlichen Charakter etwas ist, das gerade hiernach verlangt und das im normalen, friedlichen, zivilen Leben selten zu seinem Recht kommt?
Ich jedenfalls will es gewiß nicht leugnen. Und doch weiß ich und behaupte mit aller Schärfe, daß gerade dieses Glück, gerade diese Kameradschaft eins der furchtbarsten Mittel der Entmenschung werden kann - und in der Hand der Nazis geworden ist. Es ist das große Lockmittel, der große Köder der Nazis. Sie haben die Deutschen mit diesem Kameradschafts-Alkohol, nach dem irgend etwas in ihnen verlangte, bis zum Delirium tremens überschwemmt. Sie haben die Deutschen überall zu Kameraden gemacht und sie vom widerstandslosesten Alter an an dieses Rauschmittel gewöhnt: in der Hitler-Jugend, der SA, der Reichswehr, in tausend Lagern und Bünden - und sie haben ihnen dabei etwas ausgetrieben, was unersetzlich und mit keinem Glück der Kameradschaft zu bezahlen ist.
Kameradschaft gehört zum Krieg. Wie Alkohol ist sie eins der großen Trost- und Hilfsmittel für Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen zu leben haben. Sie macht Unerträgliches erträglich. Sie hilft, Tod, Schmutz und Jammer zu überstehen. Sie betäubt. Sie tröstet über den Verlust aller Zivilisationsgüter hinweg, den sie voraussetzt. Sie empfängt ihre Heiligung durch furchtbare Notwendigkeiten und bittere Opfer. Wo sie von alledem getrennt wird, wo sie nur um des Genusses und der Betäubung willen, um ihrer selbst willen, gesucht und veranstaltet wird, wird sie zum Laster. Daß sie eine Weile glücklich macht, ändert daran nicht das geringste. Sie verdirbt und depraviert den Menschen wie kein Alkohol und kein Opium. Sie macht ihn unfähig zum eigenen, verantwortlichen, zivilisierten Leben. Ja, sie ist recht eigentlich ein Dezivilisationsmittel. Die allgemeine Kameradschafts-Hurerei, zu der die Nazis die Deutschen verführt haben, hat dieses Volk heruntergebracht wie nichts anderes.
- Datum 16.05.2002 - 14:00 Uhr
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