N I E D E R L A N D E Pimmania

Zwischen Attentat und Wahl: Holland erlebt ein Paradox. Der tote Tribun Fortuyn ist schwerer zu besiegen als der lebende Demagoge

Wie ein Mythos entsteht, kann man in dem kleinen Städtchen Driehus in Nordholland beobachten. Dort, auf dem idyllischen Friedhof Westerveld, ist Pim Fortuyn vorläufig begraben. Irgendwann später soll er in der Nähe seines Sommerhauses in Italien beigesetzt werden.

Vorerst jedoch braucht das Land den Toten noch hier, sein Grab als Wallfahrtsort, an dem die Emotionen sich abladen lassen, auf kleinen Zetteln, auf Computertexten, Zeichnungen, Fotos, Postern und anderen Mitbringseln, vor allem die seit Lady Di's Ableben offenbar unvermeidlich gewordenen Teddybären in allen Größen und Farben. "Ruhe sanft, Premier Pim" steht auf vielen Botschaften. Klubfahnen von Feyenoord Rotterdam sind zu sehen. Und zornige Kommentare zu lesen: "Pim, du warst so stark, dass nur Kugeln dich aufhalten konnten." Und trotzige Schwüre: "Pim, wir machen weiter."

Über 20 000 Besucher wurden hier allein am Muttertag gezählt, nicht nur Anhänger des Ermordeten, soweit sie sich in Interviews politisch selbst bekannten. Die Gesellschaft insgesamt ist aufgewühlt von diesem ersten politischen Gewaltverbrechen der jüngeren niederländischen Geschichte. Und während das politische Establishment sich bemühte, die Tage bis zur Parlamentswahl vom Mittwoch mit Anstand hinter sich zu bringen, wächst der Ermordete, der diesen Stützen der Gesellschaft in den Wochen vor seinem Tod die Hölle heiß gemacht hat, in der Erinnerung vollends zur verklärten Heldenfigur.

Als klassischen Fall von Mythenbildung hat ein Psychologe diesen kollektiven Prozess beschrieben. Ein ganzes Volk - jedenfalls ein großer Teil - schaltet um von Vernunft auf Gefühl und verneigt sich vor dem edlen Gemordeten: vor dem Mann, der sich für seine Überzeugung opferte (egal, welche Überzeugung dies war); der das geschlossene System der Niederlande sprengte (egal, was er an seine Stelle setzen wollte); der "die Mächtigen" provozierte (egal, worin die Provokation bestand), der "unsere Sprache" sprach (egal, was er damit ausdrückte); der die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen verstand und deren Erfüllung verhieß (egal, ob sie erfüllbar waren).

Fortuyn, der Rechtspopulist, war und ist nicht zuletzt ein Phänomen der Mediengesellschaft. Als er noch lebte und die Etablierten verspottete, die Minderheiten diskriminierte, die Sozialhilfeempfänger beschimpfte, sich als liberaler Schwuler sowie genussfreudiges Mitglied des "unholländischen" Milieus der Neureichen präsentierte und mit seinem promiskuitiven Lebensstil prahlte, da fand er vor allem als Provokateur und Politentertainer Zulauf. Er war jeder Zoll Produkt der Celebrity- und Unterhaltungsgesellschaft, Teil der niederländischen Endemol-Kultur, die Europa Big Brother bescherte. Das erklärt jedenfalls einen großen Teil seines Erfolges. Nun aber, als Opfer, entwächst Fortuyn solchen irdisch-kritischen Kategorien. Im neuen Pim-Mythos figuriert er als Wiedertäufer, Prophet, als Messias, wie ein Kommentator ihn nannte. Zwischen dem 6. und dem 15. Mai, zwischen Attentat und Wahltag, befindet sich das Land im Trancezustand.

Der Schock hält an und wird von Fortuyns politischen Erben ausgeschlachtet. Zwar weiß man inzwischen, dass der rechtspopulistische Narziss von seinen Gefolgsleuten, gelinde gesagt, ungleich weniger gehalten hat als von sich selbst. Für ministrabel hielt er keinen auf seiner Pim-Fortuyn-Liste (PFL). Trotzdem streiten seine Erben bereits öffentlich um Führungsjobs, machen aus dem Gedenken an den Toten eine Wahlkampagne und knöpfen sich vor allem jene vor, die den lebenden Fortuyn kritisiert haben. Ob Politiker oder Journalisten, jetzt werden die Antifortuynisten für den Mord mitverantwortlich gemacht, allen voran der ganz und gar nicht charismatische, aber kluge und anständige sozialdemokratische Spitzenkandidat Ad Melkert. "Die Kugeln kamen von links", sagte der PFL-Listenführer, ein Mann, den vor dem Attentat auf Fortuyn kaum jemand kannte. "Melkert - Mörder" hatten viele auf der Trauerfeier skandiert.

Aber auch ohne dieses Schmierentheater sind Fortuyns Kritiker kleinlaut in diesen Tagen. Mehrere Spitzenpolitiker und ihre Familien haben Polizeischutz erhalten, auch das ungewöhnlich für die Niederlande. So ist alles anders geworden. Der tote Tribun ist schwerer zu bezwingen, als es der lebende Demagoge und Unterhalter war.

Doch es gab in diesem kleinen Königreich, in dem jetzt die Traditionen infrage stehen, ein Leben vor dem Tode des Verklärten. Politische Veränderungen sind seit längerem spürbar. Das Ende der sogenannten violetten Koalition aus PvdA, neoliberaler VVD und linksliberaler D'66 war abzusehen; Umfragen sagen vor allem der sozialdemokratischen PvdA eine vernichtende Niederlage voraus. Ebenso abzusehen war der geheimnisvolle Wiederaufstieg der lange Zeit unsichtbaren Christdemokraten unter Jan Peter Balkenende, der erst im vergangenen Herbst eher zufällig Vorsitzender und Spitzenkandidat wurde; dass er neuer Ministerpräsident werden könnte, ist die kurioseste Pointe der turbulenten Entwicklung. Der politische Rechtsruck hat also schon vor dem Wahltag stattgefunden. Die Frage ist: Was ist für die Linke schief gegangen? War Holland nicht ein Erfolgsmodell? Ein Paradebeispiel für den Dritten Weg der europäischen Regierungslinken, soeben noch gepriesen vom keineswegs unkritischen Economist? Was also ist passiert?

Es begann letzten Sommer, wenn auch nicht gerade unerwartet. Das Land hatte im Großen und Ganzen sieben gute Jahre unter Wim Koks Mitte-links-Koalition hinter sich, trotz des Einbruchs der New Economy und der Börse. Die Großdaten der Wirtschaft - Wachstum, Haushalt (Überschuss!), Beschäftigung - stimmten jedenfalls, und einige Anzeichen einer neuen Inflation boten keinen Grund zur Besorgnis. Gewiss, es gab es eine Unzufriedenheit im Lande.

Die Gründe waren der politischen Klasse bekannt: Mängel im Gesundheitswesen (Wartelisten), in den Schulen (Lehrermangel), im Verkehrswesen (unpünktliche Bahnen, verstopfte Straßen), bei der Integration von Zuwanderern, im Bereich der Inneren Sicherheit. Probleme auf hohem Niveau, behebbar, man würde sich kümmern. In einigen größeren Städten existierten, wie sich manch einer nun erinnert, schon seit längerem Gegenbewegungen gegen die etablierten Ratsherren und Ratsparteien: Leefbar Utrecht, Leefbar Rotterdam, Leefbar den Haag: die "Lebenswert"-Bewegung, eine Verbindung unzufriedener Bürger, politisch deutlich rechts vom Mainstream, aber nicht erkennbar als extremistische Herausforderung der gesamten Ordnung. Vor allem blieb sie lange ohne nationale Führungsfigur, auch wenn es inzwischen eine Leefbar-Nederland-Liste für die Parlamentswahl gibt.

Kein Grund also für Wim Kok, den Übervater des holländischen Modells ("King Kok"), von seinem festen Vorsatz abzuweichen, nach acht Jahren als Ministerpräsident aufzuhören. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität teilte er also mit, dass er im Jahr 2002 nicht mehr als Regierungschef kandidieren wolle. Stattdessen werde Ad Melkert, der Fraktionsvorsitzende, als Spitzenmann antreten, und das schien den meisten innerhalb und außerhalb der Partei durchaus logisch. Ein klarer Fall von Konsens. Und Konsens war bis dahin kein Schimpfwort in den Niederlanden.

Das Badewannenprinzip

Im Rückblick sehen viele darin den Anfang der neuen Epoche, der in der niederländischen Geschichte für immer mit dem Namen Fortuyn verbunden bleiben wird. Ein führender Sozialdemokrat wählt dafür die Metapher von der vollen Wanne: "Wenn man den Verschluss rauszieht, sieht man anfangs nicht, wie das Wasser abfließt. Dann, wenn man den Strudel bemerkt, geht es ganz schnell."

Es waren keine neuen Themen, aber plötzlich - als hätte der angekündigte Abschied Wim Koks die Szene verändert - entwickelten die vorhandenen Beschwernisse eine veränderte Dynamik: Krankenhäuser, Schulen, Polizei, Verkehr - alle Defizite wurden zum Großthema. Und die Probleme mit der Zuwanderung, seit etwa zwei Jahren in den Diskutierklubs der Eliten erörtert, aber nicht in der Öffentlichkeit, bekamen mit dem 11. September auch in den Niederlanden eine neue Brisanz. Vor allem der Islam und seine Rolle in der niederländischen Kultur. Die Muslime und die Innere Sicherheit: Daraus wurde ein Cocktail, der auch in den Niederlanden seine Wirkung zeigte.

Die Entwicklung beschleunigte sich. Ende 2001 kandidierte für die rechte Bürgerliste Leefbar Rotterdam ein als Kolumnist und Fernsehkommentator allenthalben bekannter Soziologe namens Pim Fortuyn, ein Mann mit markanter Glatze, profilierten Ansichten und ungeschminkter Konfliktsprache. Er legte sich alsbald mit dem holländischen Imam Haselhoef und dessen ebenso dummen wie diskriminierenden Äußerungen über Homosexuelle an, baute darauf seine kulturelle Ablehnung des Islam insgesamt auf und verknüpfte sie mit der Warnung vor weiterer Immigration: "Das Land ist voll." Basta! Nulleinwanderung und dazu Nulltoleranz gegenüber Straftätern, das Erfolgsrezept war fertig, und die Regierenden hofften, Fortuyn würde damit am allgemeinen Toleranzgebot und Korrektheitskomment der Niederlande scheitern.

Es kam anders. Zwar fand die Leefbar-Partei ihren Spitzenmann in der Tat zu populistisch. Doch der gründete daraufhin seine eigene Liste, brach praktisch im Alleingang die historische Mehrheit der PvdA in Rotterdam und meldete seine PFL am letzten möglichen Tag auch noch zur Parlamentswahl an. Jetzt nahmen die Etablierten ihn ernst. Aber jetzt war es zu spät. Denn fortan ging es nicht mehr nur um illegale Zuwanderer, marokkanische Jugendbanden, Wartelisten in Krankenhäuser und Schulklassen mit zu vielen ausländischen Kindern. Ab nun stand das Konsenssystem und die Herrschaft der Etablierten zur Debatte. Fortuyn, der schrille, bunte Außenseiter, trat nun an gegen die grauen Machthaber im fernen den Haag, dort, wo man nicht weiß, was die Menschen bewegt, wo man sich um die Bürger nicht kümmert, nicht zuhört und in die eigene Tasche wirtschaftet. Ein langjähriger enger Mitarbeiter von Wim Kok sieht darin den größten Kommunikationserfolg der jüngsten Geschichte: "Keine Parole hat sich in so kurzer Zeit als zentrale Botschaft derart durchgesetzt wie die von ‰denen in den Haag' und ihrer angeblichen Distanz zum Bürger: Sie können nicht zuhören und sprechen nicht die Sprache des Volkes." Die Regierenden, vor allem die braven, moderaten Sozialdemokraten, wussten sich dagegen nicht zu helfen. Sie fanden das alles sehr ungerecht. Das wars auch schon. Einer aus der Parteiführung fasst zusammen: "Dagegen konnten wir jetzt nicht mehr gewinnen."

Aber ist es mehr als nur ein geglückter Coup zur rechten Zeit? Der Demagoge, der seine Vorurteilslosigkeit gegenüber marokkanischen Zuwanderern damit belegt, dass er schließlich mit vielen im Bett gewesen sei, stieß in ein reales politisches Vakuum. "Er hat die geschlossene politische Kaste der Niederlande aufgebrochen", sagt der Historiker und Politikwissenschaftler Hermann von der Dunk. Es habe einen wie den Provokateur Fortuyn gebraucht, der den hierarchischen Konsens der Mächtigen durchstoßen habe. So sei er zum Helden einer neuen Generation geworden, die für die Politik kaum mehr zu erreichen war.

So war Fortuyn, der schrillste und zugleich interessanteste unter den Rechtspopulisten Europas, vermutlich ein Warnsignal für das politische Zentrum aller vergleichbaren Demokratien. Vom Aufstieg dieses Mannes, der die niederländische Gesellschaft mindestens so aufgewühlt und vielleicht auch verändert hat wie in den sechziger Jahren die revolutionäre Provo-Bewegung, können nicht nur die Etablierten in den Haag lernen. Das niederländische Drama - in seiner tragischen wie surrealen Version - ist ein Lehrstück für alle.

 
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  • Schlagworte Sozialdemokratie | Opfer
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